Am Wochenende geht eine vor fast 77 Jahren begonnene Berliner Tradition zu Ende. Zum letzten Mal wird die Avus in eine Auto-Rennstrecke verwandelt. Am Freitag abend rücken rund 500 freiwillige Helfer an, um den 2,66 Kilometer langen Rundkurs mit tonnenschweren Betonblöcken zu begrenzen. Sonnabend morgen heulen dann noch einmal die Motoren auf. Alle 35 bis 75 Minuten starten Ferrari, Citroën, Porsche und andere Wagen zum Tempo-Wettkampf um Punkte und Pokale. Am Sonntag gegen 16.30 Uhr beginnt das Finale zum letzten Mal rasen Rennautos über die Piste, die im Alltag eine ganz gewöhnliche innerstädtische Autobahn ist. Danach verschwinden die hochgezüchteten Fahrzeuge für immer von der Berliner "Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße", die mit einem Rennen am 24. September 1921 eingeweiht worden war. Selbst für die Grünen ist das ein denkwürdiger Moment. "Diese Strecke gehört zur Geschichte des Motorsports und zur Tradition dieser Stadt", sagt ihr verkehrspolitischer Sprecher, Michael Cramer, zu dessen Jugend-Idolen der bei einem Unfall gestorbene Rennfahrer Jochen Rindt gehörte. "Wir sehen den Abschied von den Avus-Rennen auch mit einem weinenden Auge", gesteht Cramers CDU-Kollege, Alexander Kaczmarek. "Doch mit Blick auf den übrigen Verkehr, der bei Rennen umgeleitet werden muß, haben wir die richtige Entscheidung getroffen." SPD-Verkehrsexperte Christian Gaebler stimmt zu: "Den Anwohnern sind der Lärm und die Abgase nicht zuzumuten. Motorsport in der Innenstadt ist nicht mehr zeitgemäß. Ich weine der Avus keine Träne nach." Cramer: "Schließlich hatte das Abgeordnetenhaus schon 1995 das Aus für alle Avus-Rennen gefordert dieser Beschluß muß nun endlich umgesetzt werden." Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC), der lange um den Parcours durch den Grunewald gekämpft hat und auch das letzte Internationale Avus-Rennen ausrichtet, räumt ein: Dieser Abschied war fällig. "Die Avus ist ein Auslaufmodell", sagt ADAC-Sprecher Hans-Jürgen Fischer. "Die ganz großen Wettkämpfe können dort ohnehin nicht stattfinden, Rennen bestimmter Klassen sind nicht zugelassen." Der Club setzt nun auf den Lausitz-Ring, der für 310 Millionen Mark bei Klettwitz rund 100 Kilometer südöstlich Berlins entsteht. Er wird Europas modernste Test- und Rennbahn. Mit dem Bau der Anlage, zu der auch eine 4,5 Kilometer lange Grand-Prix-Strecke gehört, soll in Kürze begonnen werden, kündigt ADAC-Sportleiter Gerhard Gottlieb an. Fischer: "Wir hoffen, daß wir dort im Herbst 1999 die ersten Rennen ausrichten können." Vor dem Umzug in die Lausitz will der Club mit den Berlinern endgültig Abschied von der ältesten deutschen Rennstrecke nehmen. Gottlieb: "Wir werden uns für das nächste Jahr etwas Besonderes einfallen lassen." Auf dieser Party sollen Fahrer, die auf der Avus ihren Ruhm begründet haben, die Stargäste sein. Auch wenn künftig keine Rennwagen mehr über die Autobahn A 115 rasen werden zwei steinerne Zeugen bleiben erhalten. Das 1935 begonnene frühere Verwaltungsgebäude der Avus GmbH, heute eine Raststätte, steht unter Denkmalschutz. Dasselbe gilt für die 1937 fertiggestellte Tribüne an Start und Ziel. Die Zukunft dieses Gebäudes, das der ADAC vom Land gepachtet hat, ist allerdings offen. Die Verkehrspolitiker sind ratlos. "Es wird schwierig, eine neue Nutzung zu finden", fürchtet Kaczmarek. "Vielleicht findet sich ja ein Sponsor für eine Avus-Ausstellung", hofft die verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Käthe Zillbach. Inzwischen rüstet sich der ADFC, auf der Avus in die Fußstapfen des ADAC zu treten. Während dort die Ära des Rennsports unwiderruflich zu Ende geht, entwickelt sich der alljährliche Avus-Fahrradkorso des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs zu einer neuen Tradition. Wo am nächsten Wochenende zum letzten Mal die Motoren von Rennwagen aufheulen werden, wollen mehrere tausend Radler am 7. Juni für eine umweltfreundliche Verkehrspolitik demonstrieren.