Die Zahl der Todesfälle durch falsch dosierte oder zusammengestellte Medikamente ist höher als bisher angenommen. Das behauptet zumindest Jürgen Frölich, Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). "Von den 6 Millionen Patienten auf den internistischen Stationen deutscher Kliniken sterben jährlich mehr als 57 000 an falscher Medikation", sagte Fröhlich am vergangenen Montag vor Journalisten in Hannover.Bisher ging das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte von 8 000 bis 16 000 Todesfällen pro Jahr durch eine zu hohe oder zu niedrige Dosierung oder eine falsche Kombination von Arzneimitteln aus. Grundlage dieser Zahlen sind allerdings freiwillige Meldungen von Ärzten an das Bundesinsitut. "Und natürlich ist es für einen Mediziner immer unangenehm, zugeben zu müssen, dass sein Patient an der von ihm verordneten Medikation gestorben ist", sagte Frölich.Etwa die Hälfte der rund 57 000 Todesfälle sei vermeidbar, wenn Ärzte und Medizinstudenten auf dem Gebiet der Arzneimittelwirkung - der klinischen Pharmakologie - besser aus- und weitergebildet würden, sagte der Mediziner. Bei mehr als der Hälfte aller Therapien verschrieben Ärzte Medikamente - und manchmal eben auch die falschen. Frölich: "Trotzdem ist es im Zweifelsfall immer die Krankheit, an der der Patient stirbt. " Grundlage für die Berechnungen des Mediziners ist eine norwegische Studie. Zwei Jahre lang beobachteten der Internist Just Ebbesen und seine Kollegen rund 14 000 Patienten der internistischen Station des Krankenhauses im norwegischen Akershus. Die Mediziner untersuchten das Blut der Kranken auf Wirkstoffe von Medikamenten. Von den 14 000 Patienten verstarben 732. Die Wissenschaftler entnahmen diesen Verstorbenen erneut Blut und autopsierten zudem 571 der 732 Toten.Eine unabhängige Kommission aus klinischen Pharmakologen und Internisten stellte anhand der Untersuchungsergebnisse fest, dass 133 der 732 Verstorbenen falsch dosierte oder zusammengestellte Medikamente verschrieben bekommen hatten und an den Folgen dieser Medikation gestorben waren. 66 dieser Fälle wären den Experten zufolge vermeidbar gewesen. "133 Tote, das ist knapp ein Prozent der 14 000 Patienten - fünfmal so viel wie bisher angenommen", sagte Frölich auf der Konferenz.Der Mediziner überträgt die Ergebnisse der Norweger eins zu eins auf deutsche Verhältnisse. "In Norwegen werden die gleichen Medikamente in den gleichen Dosierungen für die gleichen Krankheiten verschrieben", sagte er. Viele norwegische Ärzte seien in Deutschland ausgebildet worden und die Sterberate auf internistischen Stationen betrage wie in Deutschland etwa 5 Prozent.Nicht jeder seiner Kollegen teilt die Ansichten Jürgen Frölichs. "Es ist gefährlich, diese Zahlen ohne den passenden Kontext zu verbreiten", sagte etwa Cornelia Goesmann, Vizepräsidentin der Landesärztekammer Niedersachsen gegenüber der Berliner Zeitung. Denn Patienten, die auf einer internistischen Station behandelt würden, seien in der Regel schwer krank und bekämen entsprechend starke Medikamente. "Dass einige der Patienten diese Arzneimittel nicht verkraften, ist nicht ungewöhnlich. Aber ich weigere mich anzunehmen, dass Ärzte ihre Patienten mit Medikamenten umbringen", sagte Goesmann.Vielleicht solle die Verbreitung solcher Schreckenszahlen aber auch dazu dienen, ein anderes Problem mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen. "Die klinische Pharmakologie ist immer noch ein stiefmütterlich behandeltes Fach in der medizinischen Lehre", betonte Goesmann. In ganz Deutschland gebe es nur zwei Lehrstühle. Daher ist sich die Medizinerin mit Frölich einig: Die Aus- und Weiterbildung von Ärzten müsse auf diesem Gebiet verbessert werden. Zudem sollten Mediziner, wenn sie sich bei der Verschreibung von Arzneimitteln nicht sicher sind, Unterstützung von Experten erhalten.Welche Krankheit hat der Patient, welches Medikament braucht er, ist er allergisch, leidet er an einer Störung der Nieren oder der Leber, nimmt er andere Medikamente, ist er männlich, weiblich? Damit ein Arzt nicht den Überblick bei der Behandlung eines Patienten verliert, schlägt Frölich die Einrichtung eines flächendeckenden Netzes von Experten vor, die rund um die Uhr erreichbar sind. "Ein solches Netz könnte innerhalb weniger Monate etabliert werden. Wir haben es aber bis heute nicht geschafft, die dafür nötigen 40 000 Euro aufzutreiben", sagte Frölich. Bei jährlich mehreren Millionen Euro Folgekosten durch falsch dosierte oder zusammengestellte Medikamente sei das nicht verständlich. "Auf einen Todesfall durch falsche Medikation kommen 20 Fälle, in denen die Patienten ihr Leben lang leiden. Wer wegen einer Fehlbehandlung anschließend dreimal in der Woche zur Dialyse muss, dessen Leben ist verdorben. " Frölich und seine Kollegen von der MHH arbeiten derzeit an einem Computerprogramm, das die Daten der Patienten mit Angaben zu den jeweiligen Medikamenten abgleicht und so die richtige Dosierung und Kombination von Arzneimitteln vorschlägt. Für ein weiteres Projekt stellen die öffentlichen Krankenkassen dem Mediziner anonymisierte Daten ihrer Mitglieder zur Verfügung. "Wir vergleichen bei dem Projekt Patienten, denen ein bestimmtes Medikament verschrieben wurde, mit solchen, die das gleiche Medikament in Kombination mit einem anderen einnehmen sollen", sagte Frölich. Mit Hilfe der Ergebnisse möchte der Forscher künftig vorhersagen können, bei welcher Kombination sich die Ärzte in einen besonders riskanten Bereich begeben."Kein Arzt gibt gerne zu, dass sein Patient an einer falschen Medikation gestorben ist. " Jürgen Frölich, Internist