Fast nichts, und doch nicht nichts. Ein Etwas, wenn auch nur ein Gespinst aus Hohlräumen und subtilen Wänden. Eine reale Gegebenheit, jedoch ein berührungsscheues Gebilde, das sich beim leisesten Zugriff aufgibt und zerplatzt. Das ist der Schaum, wie er der Alltagserfahrung sich zeigt." Und das ist der Schaum, den Peter Sloterdijk zum zentralen Sinnbild des letzten Bandes seiner Sphären-Trilogie erhebt. Man fragt sich, warum. Welche Merkmale befähigen dies flüchtige Allerweltsphänomen dazu, zur zentralen Chiffre einer "Theorie des gegenwärtigen Zeitalters" zu avancieren?Denn darum geht es ja: eine Theorie der Gegenwart, wie sie schon Kant in seinen Spätschriften anvisierte und wie sie seitdem als untrügliche Kennmarke jedweden Philosophierens gilt, das den Binnenbezirk des Akademischen überschreiten will. Das ist ein überaus schwieriges Geschäft: Das Terrain ist unübersichtlich, der blamable Missgriff oft nicht weit. Michel Foucault, der an diesem Sinn der Kantischen "Kritik" mit großer Treue festhielt, wusste, worauf er sich einließ. Weiß das Sloterdijk auch?Leisetreterei freilich ist dessen Sache nie gewesen. Seine Schriften zeichnet seit je ein Hang zum makroskopischen Kaiserpanorama aus, zur weit ausholenden Gebärde, die plausibel zu machen trachtet, was die Welt im innersten zusammenhält. Was ihm auch schon den Vorwurf der geblähten Phrase einbrachte, die rasch, wie ein Hefeteig, bei leiser Berührung kollabiere. Und doch ist dieser Vorwurf ungerecht. Mochte die "Kritik der zynischen Vernunft" (1983) noch den Eindruck einer gewissen Konsequenzlosigkeit erwecken, eines ausufernden Räsonnements, das sich schließlich im Nirgendwo verlor; in den "Sphären", spätestens hier, entfaltet Sloterdijk sein philosophisches Drama vom Mysterium Magnum der Menschwerdung mit Akkuratesse, Klugheit und Gefühl fürs Detail. Spekulativ im bestem Sinne des Wortes, beglaubigt am Material, sind seine Gedankengänge so eindrücklich wie luzide.Doch macht die Lektüre rasch deutlich, dass der Begriff Schaum, entgegen anders lautender Auskunft, nur Sinn machen kann, rückt man ihn in den Kontext der beiden andern Schlüsseltropen aus Sphären I und II: "Blasen" und "Globen" (s. Berliner Zeitung vom 19.12.1998 und 21.8.1999). Der Initiationsgedanke seiner Sphärologie als ganzes ist der des Paares; genauer: der Vorrangigkeit des Paarexistenz vor der des Individuums, des Zusammenseins vor dem Getrenntsein. Der Mensch ist immer schon mit Anderen. Seine genealogisch früheste Daseinsform ist die Zweieinigkeit der pränatalen Position. Eingekapselt im Mutterinnenraum ist er ohne den primären Bezug auf die Große Andere, die Mutter, nicht möglich - biologisch weder lebensfähig noch ontologisch denkbar. Aber Blasen platzen und Kinder kommen zur Welt. Und diese Welt hat die Tendenz sich zu weiten: von den mikrosphärischen Intimverhältnissen sozialer Kleinkörper zu den makrosphärischen Abstraktionsverhältnissen politischer Großkörper, an deren Ende schließlich die eine Kugel stehen wird, der "Globus". Was wir Globalisierung nennen wäre mithin Konsequenz einer selbstläufigen Logik der Sphärenerweiterung, in der immer mehr Menschen den Binnenraum einer gegen ein Außen immunisierten Sphäre gemeinsam bewohnen. Die Sphäre ist nichts anderes als jener stets neu zu bauende Ort, an dem die Zusammengehörigkeit von Menschen das Menschenmögliche ist.Und die Sphärologie wäre die Theorie dieser sphärischen Binnenräume, eine Theorie des Raumes als anthropologischem Grundphänomen. Und doch scheitert das Projekt einer umfassenden Monosphäre, des All-Einen, kraft seines Erfolges. Die Globalisierung führt nicht zur Uniformierung der einen Welt. An die Stelle der einen treten viele Welten, unendlich viele. Die "Schäume" bezeichnen diese für die nachklassische Moderne charakteristische Bewegung zum Pluralen, Vielfältigen, Ungeordneten als elementares Milieu des Lebens selbst. "Die Eine Kugel ist implodiert, nun gut - die Schäume leben."Und sie leben als das Ephemere, Substanzlose und leicht Flüchtige, das in sich doch jene Bedingungen enthält, ohne die menschliches Leben nicht möglich wäre: Luft, atembare Atmosphäre, ein dem Leben zuträgliches Klima. Und so entwirft Sloterdijk nach ausgreifendem Prolog und Einleitung in drei genauso umfangreichen Kapiteln seine Theorie der Schaumdeutung als Polysphärologie menschlichen Daseins. Man ist durchaus angetan von der Vielschichtigkeit und Vielgestaltigkeit seines Ansatzes. Woher aber kommt der unterschwellige Eindruck, diese Sphärologie sei, um im Bilde zu bleiben, alles in allem "zu rund"?Peter Sloterdijks heitere Rehabilitation des Flüchtigen scheint dessen Geist zu atmen. Vorschnell setzt sie den Akzent auf die Einkapselung in eine abgeschottete Binnensphäre, auf den Einschluss in einem Innen als Garanten gelingenden Menschseins. Sloterdijks Sphärenanthropologie entwirft den Menschen als Bedürftigen, der behütet sein will und behaust, den es nach Tuchfühlung verlangt und nach Vertrautheit, Geborgenheit. Das mag alles seine Richtigkeit haben und ist doch nur die eine Seite. Denn aus der Blase, die uns schützend umgibt, wird oft die beklemmende Enge, aus der wir, um zu leben, ausbrechen müssen. Vielleicht ist die Geburt gar nichts anderes. Vielleicht ist der Schrei des Neugeborenen nicht nur elementarer Ausdruck eines Schreckens über das eben Erduldete, sondern auch des Zorns über den zuletzt quälenden Aufenthalt in der Mutterhöhle, vielleicht gar wütender Jubel über das Entronnensein. Eigentümlicherweise wissen wir es nicht. Doch wir wissen, dass es uns auch nach Außen drängt, ins Offene, Freie. Wir wissen, dass wir wieder und wieder geboren werden wollen. Sloterdijks Anthropologie redet von Menschen, die nicht geboren werden wollen.------------------------------Peter Sloterdijk: Schäume. Plurale Sphärologie. Sphären III. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004. 800 S., 29,90 Euro; in Leinen 49,90 Euro.------------------------------Foto: Das Individuum ist Illusion - der Schaum ist echt.