TEL AVIV. Am Freitag wird Micha* im Flugzeug nach Berlin sitzen. Auf keinen Fall will sich der 19-jährige Israeli von dem zweiwöchigen Trip abhalten lassen. Auch nicht von seiner Mutter, die ihm in den Ohren liegt, warum er ausgerechnet "mit diesen Schwulen" nach Deutschland reisen müsse. Micha, ein hübscher Junge mit dunklem, kurz geschorenen Haar, hat ihr entgegnet, dass er eine Luftveränderung brauche nach allem, was passiert ist.Die letzten zwölf Monate waren hart für ihn. Seit dem Attentat vom 1. August 2009 auf den Agudah-Club für junge Homosexuelle in Tel Aviv plagen ihn Albträume. Immer wieder reißen ihn die Bilder aus dem Schlaf, wie auf seine Freunde geschossen wurde - "und ich konnte nicht helfen".Dabei hat er an jenem Abend sein Leben riskiert, um andere zu retten. Noch während der maskierte und bewaffnete Killer um sich feuerte, zog Micha zwei Verletzte aus der Schusslinie in ein Nebenzimmer, in dem er sich zufällig aufgehalten hatte. Der Attentäter bemerkte ihn erst bei seiner Flucht zum Ausgang und richtete die Waffe auf Michas Kopf. Es klickte, nur war keine Kugel mehr im Magazin. Alles geschah binnen Minuten, danach war nichts mehr wie zuvor. Zwei Menschen blieben tot zurück: Nir Katz (26), der als Aktivist die jungen Leute im Agudah-Club beraten hatte, und die 16-jährige Liz Trobishi. Es gab viele Verletzte und noch mehr Traumatisierte.Für die meisten der Jugendlichen war der Schwulen- und Lesbentreff bis dahin eine Art zweites Zuhause. Ein unauffälliger Kellerclub, wo sie sich ihrer selbst und ihrer Sexualität sicherer werden konnten. Plötzlich im Zentrum des Interesses zu stehen, machte ihnen Angst. Shaul Gonen, seit Jahren "die gute Seele" im Agudah-Club, erinnert sich, wie er nach dem Attentat zwei verletzte Jugendliche einfing, die aus der Notaufnahme abhauen wollten, um von ihren Eltern nicht entdeckt zu werden. Denn viele der Mütter und Väter hatten bis dahin keine Ahnung von den homosexuellen Neigungen ihrer Kinder - auch Michas Eltern nicht, die traditionell jüdisch und sehr konservativ eingestellt sind. Die Nachricht von dem blutigen Attentat in einem Jugendtreff für Schwule lief sofort über alle Kanäle. "Meine Familie sah mich im Fernsehen", sagt er, "unsere Beziehung war erstmal kaputt."Mit so lakonischen Sätzen wappnet er sich gegen bittere Gefühle. Den emotionalen Druck verspürt er trotzdem. In Berlin, hofft Micha, wird er loslassen können. "Ich fliege definitiv mit", bekräftigt er am Caféhaustisch im Park Gan Meir in Tel Aviv. "Keine Ahnung, was mich in Berlin erwartet", sagt er dann und lächelt höchst charmant. "Hauptsache ist, hier mal rauszukommen."Das ist nicht der einzige Grund für die Einladung, die vom Berliner Senat, den Außenministerien und den Botschaftern beider Länder unterstützt wird. Neben acht jungen Israelis aus dem Agudah und zwei Sozialarbeitern reist auch eine offizielle Delegation an, um sich in Berlin und bei einem Abstecher nach Köln über Opferhilfe und Konzepte gegen Homophobie auszutauschen. Das Projekt nennt sich "Regenbogenbrücke" und wird von Sponsoren und der Berliner Clubszene finanziert.Die Idee hatten Bastian Finke von Maneo, einem schwulen Anti-Gewalt-Projekt in Berlin, und Tom Schreiber, Mitglied der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Geschockt über das Attentat hatten sie spontan Mahnwachen in vielen europäischen Städten organisiert. Aber sie wollten auch konkret helfen. Daraus entstanden ist der Versuch einer ungewöhnlichen Kooperation, um die Polizei für die Problematik zu sensibilisieren.Berlin, wo Polizisten seit 1999 zu Hassdelikten gegen Homosexuelle geschult werden und das Abgeordnetenhaus parteiübergreifend einen Maßnahmekatalog für sexuelle Vielfalt beschlossen hat, ist da weit voraus.Tel Aviv, Israels weltoffene Metropole, gilt zwar als ein beliebtes Ziel von Schwulen und Lesben und wird mit einer millionenschweren Kampagne entsprechend touristisch beworben. Doch bei der Polizei scheint man von dem Konzept nicht viel gehört zu haben.Fall ist bis heute nicht aufgeklärtDie Ermittler hätten sich zwar viel Mühe gegeben und versucht, den Attentäter zu fassen, sagt Shaul Gonen vom Agudah-Club. Aber oft genug seien sie bei ihrer Arbeit an eigenen Vorurteilen gescheitert. "Von guten Kontakten zur Polizei können wir nur träumen", sagt Gonen. Mal ignorierten die Fahnder den Wunsch eines transsexuellen Mädchens, als Junge angesprochen zu werden. Mal mokierten sie sich über "Emos", die ihre Haare wie einen Schleier vors Gesicht fallen lassen, oder über weißgepuderte "Gotis", die das Tageslicht scheuen. "Wer mit Subkulturen zu tun hat, muss sie kennen", sagt Gonen. "Da entscheidet sich, ob kooperiert wird oder nicht." Dass die Tel Aviver Mordkommission den Fall bis heute nicht aufklären konnte, mag andere Gründe haben. Offenbar hinterließ der Täter kaum Spuren. Aber, sagt Gonen: "Jeder Schwule überlegt es sich zweimal, bevor er wegen eines tätlichen Angriffs oder einer üblen Pöbelei zur Polizei geht." Die Zahl solcher Delikte wird jedenfalls weit höher geschätzt als die Zahl der tatsächlich zur Anzeige gebrachten Fälle.Nicht, dass das an sich tolerante Tel Aviv ein besonders gefährliches Pflaster für Schwule wäre. Aber bei der Polizei stießen sie auf wenig Verständnis, bestätigt Adir Steiner, der im Rathaus für die jährliche "Gay Pride Parade" zuständig ist. Steiner sowie zwei Stadtverordnete gehören zur Delegation, die nach Berlin reist. Er hält es für extrem wichtig, dass auch zwei Polizei-Vertreter mitkommen. In der israelischen Armee ist Schwulsein längst nicht mehr verpönt, auch offiziell. Aber sich im Polizeidienst als Mann, der Männer liebt, zu outen, gelte als glatter Selbstmord. Schulungen, hofft Steiner, könnten da einige Barrieren abbauen.Auch in der Politik blieben die Versprechen hinter der rauen Wirklichkeit zurück - so mächtig die Solidaritätswelle in den Tagen nach dem Attentat auch war. Wegen des unklaren Motivs wird die Tat nicht als Terroranschlag gewertet. Das hat finanzielle Nachteile für die Verletzten. Rollstühle aus Leichtmetall, auf die zwei der Jugendlichen angewiesen sind, konnten nur durch Spenden finanziert werden.Schwer ermessen lassen sich die seelischen Verletzungen. Besonders tragisch war der Fall eines Jugendlichen, der von einer Kugel schwer getroffen und nach dem erzwungenen Coming Out von seinem Vater verstoßen wurde. Inzwischen sprechen beide wieder miteinander. Auch Partys werden inzwischen wieder im Agudah-Club gefeiert - aber ohne Luftballons. "Ein Knall reicht", sagt Shaul Gonen, "und die Jugendlichen rennen instinktiv zur Tür."* Name von der Redaktion geändert------------------------------Foto: Leben und lieben lassen - eine Israelin bei den Protesten gegen den Überfall auf das Tel Aviver Schwulenzentrum im vergangenen Jahr.