SOSNOWKA. Ein riesiger Traktor pflügt über die Flächen, wo vorher Schafgarbe wucherte, und zieht Furchen durch die dunkle, schwere Erde. Es ist ein amerikanisches Modell, Marke John Deere. Groß und breit wie ein Schiff, fährt der Traktor auf acht großen Rädern. Er gehört einer schwedischen Firma und wird gelenkt von drei Arbeitern im Schichtbetrieb, 24 Stunden am Tag. Vor der Fahrerkabine hängt ein Kästchen für die Satellitennavigation, links und rechts am Gefährt sind Scheinwerfer angebracht, die das Feld in der Region von Tambow auch nachts hell erleuchten. Die Marktwirtschaft ist in den Weiten Zentralrusslands angekommen.Während die Metropole Moskau boomt, sind die Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der anschließende wirtschaftliche Niedergang auf dem russischen Land immer noch zu sehen. Riesige Felder liegen brach - darunter die fruchtbarsten Böden der Erde. Es sind Böden wie diejenigen von Sosnowka im Gebiet Tambow, vierhundert Kilometer südöstlich von Moskau, wo die Kolchosen einst "Morgenröte des Kommunismus" oder "Weg zum Kommunismus" hießen. Angesichts steigender Nahrungsmittelpreise in der ganzen Welt sind diese Flächen plötzlich für ausländische Investoren interessant geworden.Eine diese Firmen heißt Black Earth Farming (Landwirtschaftsbetrieb Schwarze Erde). Das schwedisches Unternehmen verfügt über eine Fläche, die selbst die Kollektivierer aus Sowjetzeiten beeindrucken würde: Allein um Sosnowka herum hat das Unternehmen Felder in einem Radius von 150 Kilometer. Insgesamt besitzen die Schweden in der Gegend über 32 000 Hektar Land, "Das entspricht etwa acht Kolchosen", sagt Kamo Unanow. Er leitet die örtliche Filiale im Tambower Gebiet. Früher hätten auf einer zweihundert Leute gearbeitet, während man heute für dieselbe Fläche mit fünfzehn Personen und einem modernen Traktor auskomme.Kamo Unanow kennt das Sosnowka der Sowjetzeit, damals leitete der studierte Agronom aus Georgien den Viehzucht-Betrieb. Im Bezirk wohnten 80 000 Menschen, heute sind es noch die Hälfte. Vieh wird nicht mehr gezüchtet. Auch viele Felder wurden nicht mehr bestellt, als die Kolchoswirtschaft zusammenbrach. Kamo Unanow wundert sich noch heute darüber, wie damals gewirtschaftet wurde. Warum, sinniert er, hat die Sowjetunion so gute Raumschiffe und so schlechte Traktoren gebaut? War das womöglich gewollt, um die Bevölkerung auf dem Land beschäftigt zu halten?Heute lenken Unanows Leute amerikanische Traktoren über die Felder von Sosnowka. Mit dem Resultat kann er zufrieden sein. Er zeigt aus dem Geländewagen auf ein Feld, auf dem der Winterweizen steht: "Das wird fünf Tonnen pro Hektar geben." Ein dichter Teppich aus Ähren breitet sich aus, so weit das Auge reicht. Am Horizont sieht man Birken, sie sollen im Winter verhindern, dass die Schneedecke, die die neue Saat schützt, weggeweht wird.In Sosnowka liegt der größte Einzelbetrieb des Unternehmens Black Earth Farming. Die Schweden haben in kürzester Zeit insgesamt 320000 Hektar Land erworben, das entspricht fast einem Viertel der Ackerfläche von ganz Brandenburg. 150 000 Hektar davon sind bereits bewirtschaftet.Black Earth Farming ist zwar nicht der einzige Großinvestor in der russischen Landwirtschaft, aber einer der größten. Die an der Stockholmer Börse notierte Firma war mit die erste, die das Potenzial der alten russischen Kornkammern entdeckte. Allerdings erst unter dem früheren Präsidenten Wladimir Putin, im Jahre 2003, durfte Farmland in Russland überhaupt gekauft werden.Zwei Jahre später gründete Michel Orloff die russische Tochterfirma von Black Earth Farming. Anders als die alten Kolchosen trägt sie den schlichten Namen Agro-Invest. Orloff hat kürzlich eine ganze Etage in einem Moskauer Büroturm namens "Cherry Towers" gemietet. Noch hängen handgemalte Namensschilder an den Türen, im Flur stapelt sich Dämmmaterial. Auch die Wände im Büro des Vorstandschefs sind kahl.Michel Orloff redet schnell und eloquent, er spricht Englisch mit französischem Akzent. Wenn er "wir" sagt, meint er manchmal sein Unternehmen, manchmal aber auch die Russen. Orloff ist in der Schweiz in einer Familie russischer Emigranten aufgewachsen. Er hat einen Schweizer Pass und einen russischen. Sein Urgroßvater habe vor der Revolution dem damaligen Premierminister Stolypin bei dessen Agrarreform geholfen, berichtet er stolz. Neulich habe er, Orloff, einen Stolypin-Preis vom Landwirtschaftsminister bekommen.Die Parallele gefällt dem Investor. Stolypin musste einst die missratene Bauernbefreiung vollenden. Zar Alexander II. hatte 1861 die Leibeigenschaft aufgehoben - aber den Bauern fehlten verlässliche Eigentumsrechte und Zugang zu Kapital, um wirtschaften zu können. Ein Jahrhundert später, in den Neunzigerjahren, wurde die Kollektivwirtschaft privatisiert, und wieder missriet die geplante Befreiung der Landbevölkerung.So wie man den Städtern Anteile an den Fabriken zugeteilt hatte, sogenannte Voucher, erhielt die Landbevölkerung damals ein paar Hektar Anteil an der jeweiligen Kolchose in Form eines Pachtrechts. Aber die einzelnen Papiere blieben wertlos, solange sie nicht in der Hand eines Investors vereint wurden. Die Konzentration des Eigentums, die in der russischen Industrie längst stattgefunden hat, erreicht erst jetzt mit großer Verspätung auch die russische Landwirtschaft.Es ist ein komplizierter Prozess: Großinvestoren wie Black Earth kaufen der Kolchosbevölkerung ihre Anteile ab, bis sie eine Mehrheit an einer Kolchose halten. Dann beschließt die Kolchosversammlung, dass die Ländereien vermessen und zugeteilt werden. Bis aber aus vielen Kleinstanteilen jene Riesenfelder entstehen, über die nachts die Traktoren pflügen, dauert es lange.Den ausländischen Investoren stehen langwierige juristische Auseinandersetzungen bevor, bis ihr Eigentum auch in den Grundbüchern vermerkt ist. Von den 320 000 Hektar, über die die russische Tochter von Black Earth Farming verfügt, sind 250 000 Hektar noch nicht komplett registriert. Doch die Geduld lohnt sich: Die Firma zahlt nach eigenen Angaben rund siebenhundert Dollar (445 Euro) je Hektar, die Kosten für die Bürokratie eingeschlossen. So billig wie in Russland kriegt man kaum irgendwo wertvolles Ackerland, schon gar nicht in diesen Mengen. Der Wert dürfte sich vervielfachen, sobald die russische Landwirtschaft an den Weltmarkt angeschlossen ist.Die Landkäufe werden in den russischen Medien mit Aufmerksamkeit beobachtet - vor allem wenn es ausländische Investoren sind, die russischen Boden mit den unerschöpflichen Mitteln der Börse erwerben. Außer Black Earth Farming sind in Zentralrussland ein dänischer Investor sowie ein englisches Joint-Venture vertreten, sagt Betriebschef Unanow.Meistens müssen die ausländischen Firmen zu juristischen Tricks greifen, denn rein formal ist es nicht gestattet, dass Fremde russisches Nutzland kaufen. Das ist einer der Gründe, warum Michel Orloff so oft betont, dass er selbst ein Russe sei und seine Firma fast nur Russen beschäftige. Die Mitarbeiter seien große Patrioten, sagt er. Sobald sich bei einer Fahrt durchs Land die Möglichkeit ergebe, mit Angestellten eine Kirche zu besuchen, nehme er sie wahr, versichert er. "Das ist die russische Art, es ist auch weise."Patriotisch oder gewinnorientiert, für Black Earth Farming spricht, dass die Firma das Land nicht nur kauft, sondern auch bewirtschaften will. Außerdem würden ausschließlich Brachen erworben, betont die Unternehmungsleitung. Davon gab es nach dem Ende der Sowjetunion reichlich.Nach Auskunft des Landwirtschaftsministeriums blieben 2006 in Russland von 220 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Güter 41,5 Millionen Hektar ungenutzt. Das Interesse, alte Brachflächen wieder zu bewirtschaften, vereint den Investor mit dem russischen Staat.Der neue Staatschef Dmitri Medwedew hatte neulich auf dem G8-Gipfel in Japan verkündet, Russland könne die Nahrungsmittelkrise der Welt lindern helfen. Aber das geht nur, wenn der Boden auch wirklich bepflanzt wird.Die professionellen Anleger, die im vergangenen Winter den Börsengang von Black Earth Farming enthusiastisch begrüßten, fürchten dennoch das politische Risiko. Sie haben Angst, dass der russische Staat oder willkürliche Beamte vor Ort dem profitablen Geschäft hinderlich sein könnten.Das sei kein politisches, sondern eher ein kulturelles Risiko, sagt der Schweizer Russe Michel Orloff. Man müsse eben akzeptieren, dass die Staatsdiener in den Regional- und Kreisverwaltungen Russlands einen besonderen Einfluss hätten. "Der Kreisvorsteher war früher so etwa das, was in Italien der Dorfpriester war - eine richtige Autorität." Die Anweisungen der örtlichen Bürokraten nehmen auch die ausländischen Investoren sehr ernst.Bei Black Earth Farming kümmert sich eine eigene Abteilung um nichts anderes als um die Pflege des Verhältnisses zu staatlichen Stellen. Government Relations heißt das Ressort und hat sechs Mitarbeiter.Die Tambower Kommunalverwaltung ist derweil froh, dass die Felder nicht mehr ungenutzt vor sich hin wuchern. "Es gibt fast keine Brache mehr", sagt Witali Salegin von der Abteilung für Landwirtschaft. Aber das Hauptproblem ist geblieben: der Mangel an Arbeitsplätzen auf dem Land.Black Earth Farming schafft mit seiner russischen Tochter zwar hochwertige Arbeitsplätze. Allerdings braucht der moderne Landwirtschaftsbetrieb nur sehr wenige Traktoristen und Angestellte. Umgerechnet 240 Euro erhalten Traktoristen im Monat. Das sei fast das Doppelte des Durchschnittslohnes, berichtet Iwan Dronow, der Generaldirektor des Betriebes in Sosnowka. Er hat die Seiten gewechselt, vorher war der selbstbewusste Mann Chef der Kreisverwaltung.Die Gebietsverwaltung von Tambow wünscht sich, dass die Agrar-Firmen vermehrt in die Viehwirtschaft einsteigen, die weitaus arbeitsintensiver ist, sagt der Wirtschaftsreferent Salegin. Das lohne sich nicht, argumentiert die russische Black-Earth-Holding. Solange man in Russland nur rund dreizehn Euro-Cent pro Liter Milch erhalte, sei das ein Verlustgeschäft. Russland, das die Viehbestände der Sowjetzeit verloren hat, importiert fast die Hälfte seiner Milch.Immerhin hat die Black Earth Farming kürzlich einen Milchbetrieb gekauft, "als Gefallen für die Gebietsverwaltung", wie es heißt.------------------------------"Warum hat die Sowjetunion so gute Raumschiffe und so schlechte Traktoren gebaut? " Landwirt Kamo Unanow------------------------------"Es gibt fast keine Brache mehr im Gebiet Tambow." Witali Salegin, Beamter in Zentralrussland------------------------------Foto: Fünf Tonnen Weizen pro Hektar: Der Generaldirektor der russischen Agro-Invest, Iwan Dronow, freut sich auf reiche Erträge.