Nach dem Ende des "Union" in Friedrichshagen flimmert es nur noch in den Spreehöfen: Der größte Bezirk hat nur noch ein Kino

Einwohner des flächenmäßig größten Berliner Bezirks müssen nicht selten 20 Kilometer und weiter fahren, um ins Kino zu kommen. Von ehemals einem Dutzend Filmtheatern existiert heute keines mehr. Das einzige Köpenicker Kino steht in Oberschöneweide: der Neubau "Kinowelt" mit fünf Sälen. Doch die dortigen gut 900 Plätze sind selten ausverkauft. "So wie früher spontan ins Kino um die Ecke gehen ist leider nicht mehr möglich", sagt Anita Labisch aus der Mahlsdorfer Straße. Sie vermisst vor allem das Traditionskino "Forum" in der Parrisiusstraße, nahe dem S-Bahnhof. Es war Ende 1998 überraschend geschlossen worden. Eine fast 60-jährige Geschichte ging damals zu Ende, weil ein Investor dort Wohnungen bauen wollte. Doch für das Areal wird inzwischen ein neuer Käufer gesucht, für die alten Planungen gibt es nicht mehr genügend Fördermittel. Rudi Schuricke für 50 PfennigDas ehemals mit Samttapeten und moderner Technik ausgestattete Kino gammelt vor sich hin. "Es ist eine Schande, wie das schöne Haus verrottet, es wurde schon mehrfach aufgebrochen und drinnen sogar Feuer gelegt", sagt Jürgen Labisch. Ans "Forum" hat der Köpenicker schöne Erinnerungen: "Für 50 Pfennig Aufschlag gab es in den 50er-Jahren vor dem Hauptfilm eine Bühnenschau." Dort traten unter anderen die gesamtdeutschen Schlageridole Rudi Schuricke und Bully Buhlan auf. Ganze Generationen von 14-Jährigen erlebten später im "Forum" ihre Jugendweihefeier. Das "Forum" war eines von insgesamt fünf Lichtspielhäusern zwischen S-Bahn und Altstadt. Zusätzlich dazu standen Kinos in Friedrichshagen und Grünau. Auch sie sind heute geschlossen. Das "Capitol" am Marktplatz von Friedrichshagen wich Mitte der 60er-Jahre einer Kaufhalle, das "Union" an der Bölschestraße wird, wie berichtet, demnächst abgerissen. "Zicke" an der FriedrichshagenerAndere Häuser sind schon längst weg. Wie das "Bali", das an der Stelle des heutigen Einkaufszentrums Forum Köpenick stand. Alte Köpenicker erinnern sich noch an Gustav Fröhlich, der dort in den 30er-Jahren zur Vorstellung eines seiner Filme auf die Bühne trat. Später wurden im "Bali" Statisten für DDR-Fernsehfilme ausgesucht. Und in der Grünstraße in der Altstadt stand bis in die 60er-Jahre der "Lichtpalast". Ein weiteres Kino gab es an der Friedrichshagener Straße 1. Sein offizieller Name lautete "Apollo-Theater", doch der Volksmund nannte es nur "Zicke". An seiner Stelle stehen heute Wohnungsneubauten. Auch am Cöllnischen Platz konnte man früher ins Kino gehen - ins "Union-Theater" oder abgekürzt UT. "UT" hieß auch das Kino an der Wilhelminenhofstraße, in dem heute Drogerieartikel verkauft werden.An der fast kinolosen Situation im Bezirk wird sich nichts ändern. Alle Pläne für einen Neubau schlugen fehl. So wollte der Bezirk an der Bahnhofstraße ein Multiplex-Kino haben. Doch es fand sich dafür kein Betreiber. Sämtliche Großen der Branche, ob Ufa, UCI oder Cinemaxx, hatten ihre Paläste längst in die City gesetzt. Dorthin, zum Kudamm oder zum Potsdamer Platz, fahren auch Anita und Jürgen Labisch. Am einzigen Kino in ihrem Bezirk fahren sie vorbei: "Auf dem alten Betriebshof in Oberschöneweide herrscht keine Atmosphäre."Konkurrenz // In Berlin gibt es zurzeit 14 Multiplex-Großkinos sowie 87 kleinere Häuser. Rund 57 000 Kinositze warten täglich auf Besucher, vor allem in Charlottenburg, Mitte, Prenzlauer Berg und Tiergarten. Ein harter Konkurrenzkampf tobt, die ersten Paläste geraten in Existenznot.Traditionshäuser, wie "Filmbühne Wien", das "Olympia" (Charlottenburg) oder das "Union" (Friedrichshagen) sind dicht.In Köpenick wollte vor zwei Jahren ein Investor ein Großkino in Bahnhofsnähe bauen. Doch der Bezirk mochte dort keine Besucher-Konzentration, das Kino sollte in Altstadt-Nähe entstehen. Doch für dieses Gelände (Bahnhofstraße 61) fand sich kein Betreiber. Jetzt gibt es gar keinen Neubau mehr.HEIMATMUSEUM (3) Das "Capitol" am Markt Friedrichshagen machte wie die benachbarte Tanz Diele einer Kaufhalle Platz. Es gibt Pläne, dort wieder ein Kino zu etablieren.Das "UT" am Cöllnischen Platz wurde 1945 zerstört. Heute steht dort ein Jugendklub.