BERLIN, 18. Januar. Die Stimme des Moderators überschlägt sich: "Ein Rush aus der Defensive heraus. Gore flasht von links, Blizzard snipert auf den linken Spot. Sie suchen jetzt die gegnerische Verteidigung. Sie wollen die Entscheidung. Roman nimmt zwei mit, drei. Wahnsinn! Das war s." Die Leute im Saal klatschen. Vorne auf der großen Leinwand jagen die Bilder vorbei. Bewaffnete Terroristen laufen durch eine enge Gasse, über ein Plateau, in einen Gang. Sie pirschen sich langsam vor, geben sich Deckung. Die Kameraperspektive wechselt alle paar Sekunden. Man sieht Soldaten ausschwärmen. Beide Mannschaften belauern sich. Die Terroristen müssen eine Bombe legen. Die Soldaten müssen das verhindern. Wer den anderen zuerst tötet, gewinnt. So geht das Spiel.Ein Soldat wird vorgeschickt, um die Lage zu erkunden. Plötzlich schlägt von links eine Granate ein. Die Terroristen kommen jetzt von zwei Seiten und metzeln die Soldaten nieder. Einer bekommt einen Kopfschuss. Das Blut spritzt. Ein anderer wird zerfetzt. Leichenteile fliegen durch die Gegend. Der Saal johlt. "Ein perfektes Ablenkungsmanöver", sagt der zweite Moderator. "Präzise Bewegungsabläufe, sehr gutes Timing, am Gegner orientierte Taktik. Das sind die Stärken dieser Mannschaft."Es gibt eine kurze Halbzeitpause. Einer der Moderatoren sagt, dass man für ein endgültiges Urteil die zweite Halbzeit abwarten müsse, weil es schon vorkomme, dass die Spieler nach einigen Runden Schwächen zeigten. Der andere zitiert Spielstatistiken der letzten Turniere, er sagt, dass das Favoritenteam "Mousesports" unter Druck steht, und dass der Spieler Gore als Scharfschütze in der rechten Flügelposition effektiver wäre. Die Moderatoren hören sich ein bisschen an wie Delling und Netzer im Sportstudio, wenn sie über die Viererkette der Nationalmannschaft sprechen. Es geht um Counterstrike, eines der beliebtesten Computerspiele der Welt. An diesem Sonnabendabend spielt "Mousesports" gegen "High Fidelity". Es ist das Halbfinale der Deutschen Meisterschaften, im Cubix-Filmpalast am Berliner Alexanderplatz. Etwa fünfhundert Zuschauer sitzen im überfüllten Saal sieben auf roten Polstersesseln. Zehntausende Zuschauer verfolgen das Spiel im Internet oder über den Radiosender Gamesports. Es ist das erste Mal, dass eine deutsche Computerspiel-Meisterschaft vor einem so großen Publikum stattfindet. Noch am Morgen wussten die Veranstalter nicht, ob überhaupt jemand in den Kinosaal kommen wird. Jetzt drängeln sich die Leute in den Gängen und im Foyer. Counterstrike ist ein öffentliches Ereignis geworden. Nicht einmal zwei Jahre ist es her, da sollte das Spiel verboten werden. Weil in Erfurt ein Schüler sechzehn Menschen tötete. Weil dieser Schüler ein Counterstrike-Spieler war, und weil die Republik sich einig zu sein schien, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Spiel und dem Massaker gab. Counterstrike wurde damals nicht verboten. Irgendwann ging man davon aus, dass die Sache doch komplizierter ist. Dass jemand nicht zum Amokläufer wird, nur weil er sich an das virtuelle Morden gewöhnt hat.Heute scheint es so, als habe die Debatte um Counterstrike das Spiel in Deutschland nur noch populärer gemacht. Eine halbe Million Deutsche soll Schätzungen zufolge regelmäßig spielen. Ein paar Zehntausend sind in Mannschaften organisiert und und kämpfen auf Turnieren oder Computerpartys. Es gibt jetzt auch Profi-Teams, die von Computer- oder Chipherstellern mit sechsstelligen Beträgen gesponsort werden. Die Turnier-Preisgelder entwickeln sich entsprechend. Ein Spieler kann an einem Abend im Cubix-Kino zehntausend Euro gewinnen. In den Vereinigten Staaten, in Schweden und in Korea hat sich Counterstrike bereits als Sportart etabliert. Es gibt Fernsehsender, die rund um die Uhr Spiele übertragen, es gibt riesige Fangemeinden und Stars, die Millionen verdienen. Ein Assekuranz-Unternehmen in Großbritannien bietet seit neuestem eine Versicherung für die Finger von Counterstrike-Spielern an - eine Art Berufsunfähigkeits-Vorsorge für Computer-Krieger.Jonas Bollack ist der Star hier bei den Meisterschaften im Cubix-Kino. Er ist achtzehn Jahre alt, hat ein Jungengesicht, blondierte Haare und trägt eine gelb getönte Brille. Sein Kampfname lautet Jonny R. Er spielt seit vier Jahren für das Team Mousesports, ist deutscher Meister und steht mit seiner Mannschaft in der Weltrangliste auf Platz drei. Gerade ist er von den Cyber-X-Games aus Las Vegas zurückgekommen. Er ist noch müde von der Reise.In der Spielpause ist er von Leuten umlagert, die wissen wollen, welche Tastatur er benutzt oder wie es in Vegas war. Manche wollen ihm auch einfach nur mal die Hand geben. Sie kennen ihn aus dem Netz, haben seine Partien aufgezeichnet. Vielleicht träumen sie davon, einmal so zu werden wie er.Jonas Bollack ist es jetzt schon ein bisschen gewohnt, verehrt zu werden. Bei den Weltmeisterschaften in Korea haben sie seinen Namen im Chor gerufen. Er musste Autogramme geben und bekam Post von Mädchen. Nun steht er im Cubix-Foyer und lächelt ein kleines, überlegenes Lächeln. Wenn er über sich und sein Spiel spricht, ist es so, als berichte ein alter Veteran von den Heldentaten seiner Jugend. Er versucht, im richtigen Leben so souverän zu wirken, wie im Spiel, was nicht so einfach ist für einen 18-Jährigen, der gerade Abitur macht und noch bei seiner Mutter wohnt. Er sagt, dass es manchmal lästig wird mit der öffentlichen Aufmerksamkeit. Dass er seine Privatsphäre schützen muss. Seine Handynummer bekommt niemand mehr.Man muss Jonas Bollack spielen sehen. Die linke Hand rast über die Tastatur, die rechte schiebt die Maus. Er läuft, zielt, wählt Waffen und gibt Anweisungen, alles zugleich und mit unglaublicher Geschwindigkeit. Er ist ein kühler Krieger, macht nichts Unüberlegtes. Wenn er sich vorwagt, weiß er, wo der Gegner steht. Er fügt sich ein in das Team, spielt eher in der Defensive, rettet in schwierigen Momenten, hat den Überblick. Und er bleibt ruhig. Selbst wenn er drei andere gegen sich hat.Er sagt, dass es um Perfektion geht, darum, alles richtig zu machen, das ideale Spiel zu spielen. Wenn es beim Turnier erlaubt wäre, würde er seine Waffe auf dem Bildschirm ausblenden. Sie nimmt ihm die Sicht. Er würde auch das Blut ausblenden, das aus den Gegnern spritzt, wenn er sie tötet. Das lenkt ihn ab. Er versteht die Leute nicht, die Counterstrike ein Gewaltspiel nennen. Weil er die Gewalt nicht sieht; es geht ihm um Konzentration, um Taktik, um die Koordination von Hand und Auge. Und um den Adrenalinstoß nach einer schönen Aktion, wie er sagt. Er ist ein Leistungssportler, ein Besessener, einer, der die Dinge nicht aus Spaß macht.Er war in Berlin auf einem altsprachlichem Gymnasium. Das war ihm irgendwann zu blöd. Dann war er auf einer Schule mit Schwerpunkt Informatik. Aber die Leute dort waren ihm zu lasch, zu desinteressiert. Das Fernabitur macht er zu Hause an seinem Computer. Da fühlt er sich wohl, da kann er die Sachen so machen, wie er will. Allein und perfekt. Er fühlt sich auch in der Spielergemeinschaft wohl. Weil er eingebunden ist, ohne sich bedrängt fühlen zu müssen. Die Leute kommen ihm nicht zu nahe. Er spielt mit ihnen.Im Kinosaal sieben tritt ein Mann mit Gitarre auf die Bühne. Er heißt Jan Hegenberg, Kampfname Bash, und ist der erste deutsche Counterstrike-Sänger. In der Szene ist Bash wahrscheinlich bekannter als Britney Spears. Sein Song "GPF suckt" handelt von einem Spieler, der ständig etwas falsch macht und trotzdem davon träumt, eines Tages in einer großen Mannschaft zu spielen. Unter den Spielern ist das Lied eine Art Hymne geworden. "So sind wir doch, wir Counterstriker, oder?" ruft Bash in den Saal. Die Leute jubeln. Sie singen mit, machen Laola-Wellen. "Bash hatte mit dem Lied fünfzigtausend Downloads in einem Monat", sagt ein Zuschauer. Die Jungs, und es sind tatsäschlich nur Jungs, an diesem Abend im Cubix-Filmpalast bestätigen nicht unbedingt das, was man bislang über Computerspieler zu wissen glaubte. Sie gelten allenthalben als blass, beziehungsgestört und latent agressiv, und sie sind doch recht normale Menschen, ein bisschen verschroben schon, aber das hat vielleicht auch damit zu tun, wie sie von den anderen behandelt werden. Computerspieler sind Außenseiter, sie werden belächelt oder gar verlacht. Irgendwann haben sie sich zurückgezogen in ihre eigene, kleine Welt. Sie verbarrikadieren sich mit Codes, sie schützen sich mit Eigenheiten. Jetzt sind sie zum ersten Mal herausgekommen in die Öffentlichkeit. Und sie haben es geschafft, dass sich die anderen für sie interessieren. Dass man sie nicht als Verhaltensgestörte sondern als Sportler sieht. So, wie sie sich sehen.Sie werden weitermachen. Größer und bekannter wollen sie werden. Es darf nur nicht wieder etwas dazwischen kommen. Zum Beispiel, dass da draußen irgendeiner, der schon mal Counterstrike gespielt hat, mit richtiger Munition schießt. Wie in Erfurt.Bleibt alles ein Spiel, dann wird Jonas Bollack in ein paar Jahren vielleicht auch in Deutschland Autogramme geben. Vielleicht wird er wie in Korea Post von Mädchen bekommen. Dann wird er aufpassen müssen, denn die erste Counterstriker-Regel lautet, dass ein Mädchen schlecht ist für das Spiel. Jonas Bollack sagt, dass er darüber noch nicht so nachgedacht hat. Er wird im Sommer neunzehn.Es gibt jetzt Profi-Teams, die von Computer- oder Chipherstellern mit sechsstelligen Beträgen gesponsort werden.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK "Präzise Bewegungsabläufe, am Gegner orientierte Taktik. Das sind die Stärken dieser Mannschaft. " Deutsche Meisterschaft der Counterstriker in Berlin.