Auch am Morgen danach ging die Sonne über Sydney auf. Nicht gerade der passende Himmel zu der düsteren Stimmung, die schwer auf der sonst so beschwingten Millionenstadt lastete. Wer Schlaf gefunden hatte, wachte mit der Nachricht auf, dass die Polizei das Geiseldrama im Lindt-Café nach 16-stündiger Belagerung um 2.11 Uhr in der Nacht zum Dienstag beendet hatte und dass nicht nur der islamistische Geiselnehmer Man Haron Monis getötet worden war, sondern auch zwei unschuldige Menschen: die 38 Jahre alte Katrina Dawson, eine als brillant gepriesene Juristin und Mutter dreier kleiner Kinder, und der 34 Jahre alte Tori Johnson, der Manager des Cafés. Unbestätigten Berichten zufolge stürmte die Polizei das Gebäude, als Johnson versuchte, Monis die Waffe zu entreißen und Schüsse fielen.

Die beiden getöteten Geiseln werden in Australien als Helden gefeiert. Sie seien bereit gewesen, „ihr Leben zu geben, damit andere leben können“, sagte Erzbischof Anthony Fisher am Dienstag. Fisher leitete einen Gedenkgottesdienst in der St.Mary-Kathedrale nur 500 Meter von dem Café im Zentrum Sydneys entfernt, in dem sich die Tragödie die zugetragen hatte.

Dass noch mehr Menschen hätten sterben können und das Einschreiten der Sondereinheiten der Polizei deshalb allgemein als großer Erfolg gewertet wurde, ist kein Trost. Die Einwohner von Sydney sind fassungslos, dass sich solch’ eine Tragödie im Herzen ihrer Stadt abspielen konnte. Von den 17 Menschen in dem Café werden zwei nie nach Hause zurückkehren, drei Frauen liegen mit Schussverletzungen im Krankenhaus, ein Polizist, den ein Geschoss im Gesicht traf, erholt sich zu Hause.

Die Leute strömen mit Blumensträußen, Trauerkarten und Schokoherzen zum Martin Place – so nahe beim Lindt-Café, wie die Polizei erlaubt. Binnen weniger Stunden verwandelt sich der Abschnitt der Fußgängerzone in ein Blumenmeer. „Zusammen sind wir stärker, und gemeinsam stehen wir das durch“, sagt Mike Baird, der Regierungschef des Bundesstaats New South Wales, dessen Hauptstadt Sydney ist. „Die Ereignisse haben uns erschüttert, aber zwingen uns nicht in die Knie.“

Die große Frage, auf die niemand wirklich eine Antwort hat, ist jedoch: Wie konnte es sein, dass sich der 50-jährige Geiselnehmer überhaupt auf freiem Fuß befand und 16 Stunden lang 17 Menschen terrorisieren konnte, obwohl er den Behörden als Islamist bekannt war und unter Überwachung stand?

Sein Anwalt nannte den meist in weißen Kutten auftretenden Islam-Prediger einen „Mann der Widersprüche“, der behauptete, Australien zu lieben, aber das Land und seine Politiker bekämpfte.

Man Haron Monis kam im Jahr 1996 als Flüchtling aus dem Iran nach Australien. Die Beschreibung, die Australiens Premierminister Tony Abbott über ihn abgab, jagte vielen Menschen einen kalten Schauer über den Rücken: „Wir wissen, dass er eine lebhafte Vergangenheit als Gewaltverbrecher hat, dass er vom Extremismus betört und psychisch instabil war. Er postete grausame extremistische Inhalte online und versuchte, seine Aktionen mit der Flagge des IS-Todeskults zu tarnen.“

Die Teheraner Polizei will Australien mehrmals vor dem Iraner gewarnt haben. „Dieser Mann war ein Betrüger und hat sich bei seinem Asylantrag in Australien als politischer Dissident ausgegeben“, sagte Irans Polizeichef Ismaeil Ahmadi Moghaddam am Dienstag. All dies sei der australischen Polizei mitgeteilt worden.

Flucht nach Malaysia und Australien

Der Dschihadist, der in Australien von der schiitischen zur sunnitischen Glaubensrichtung konvertierte, ist unzählige Male mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er schickte Hassbriefe an die Hinterbliebenen von mehreren in Afghanistan gefallenen australischen Soldaten. Er nannte sie Mörder. Dafür wurde der selbst ernannte Scheich („Sheik Haron“) zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Als er im Oktober vor Gericht stand, weil er sich als Geisterheiler an mehreren Frauen sexuell vergangenen haben soll, wurde er 40 neuer Vergehen beschuldigt. Und im April vergangenen Jahres soll er seiner neuen Partnerin geholfen haben, seine frühere Frau zu ermorden. Das Paar wurde wegen Mordes verhaftet, aber vor fast genau einem Jahr gegen Kaution freigelassen, mit der Begründung, die Beweislage sei schwach. Im Februar sollte er wieder vor Gericht erscheinen. Trotz dieser Litanei krimineller Taten behauptete Monis, er werde aus politischen Gründen und des Glaubens wegen verfolgt. Polizeiangaben zufolge hat der Mann in Teheran eine Reiseagentur und mehrere Kunden betrogen,. Um nicht ins Gefängnis zu kommen, sei er 1996 zunächst nach Malaysia geflohen und dann nach Australien.

Premier Abbott stellte am Dienstag die Frage, die das ganze Land bewegte: „Wie kann jemand mit so einer Geschichte auf freiem Fuß sein?“ Er kündigte an, die Gesetzeslage müsse unter vielerlei Aspekten diskutiert werden.

Das andere große Thema war die wachsende Liste der als „einsame Wölfe“ operierenden islamistischen Terroristen, die in ihren jeweiligen Heimat- oder Aufnahmeländern einen Krieg führen, der extrem schwer zu kontrollieren ist. Extremisten wie Man Haron Monis haben in den vergangenen Jahren mit ihren mörderischen Aktionen weltweit für Aufsehen gesorgt. Da waren 2013 der Anschlag auf den Boston-Marathon und der Mord an dem englischen Soldaten Lee Rigby in London, im Mai dieses Jahres der Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel, bei dem vier Menschen starben, und Ende Oktober schließlich das Attentat von Ottawa, wo der Täter einen Soldaten erschoss und dann das kanadische Parlament stürmte.

Obwohl das Anschlagsrisiko im Land seit September offiziell auf der zweithöchsten Stufe steht, wähnten sich die Australier doch irgendwie am weit entfernten Ende der Welt, an dem so etwas nicht passiert. Deshalb ist das Trauma nun umso größer.