Hassan und Abbas O. sind glücklich. Sie lassen sich umarmen - abwechselnd von ihrer Mutter, von ihren vier Schwestern und ihren zwei Brüdern. Dazwischen nippen sie am Kaffee. Es ist ein Freudenfest in der Neuköllner Wohnung. Am Morgen noch saßen die beiden 27-jährigen Zwillinge hinter Gittern - in Untersuchungshaft. Im Kaufhaus des Westens sollen sie bei einem Einbruch Schmuck und Uhren im Wert von mehreren Millionen Euro erbeutet haben. Nun aber feiern sie mit ihrer libanesischstämmigen Familie. Denn die Ermittler haben nichts gegen sie in der Hand - zumindest nichts Gerichtsverwertbares.Sie sind eineiige Zwillinge, ihre DNA ist identisch. Und weil am Tatort außer einer DNA-Spur, die dann zu ihnen führte, nichts gefunden wurde, hob das Amtsgericht Tiergarten gestern die Haftbefehle auf. Schließlich könne keinem der beiden eine Tatbeteiligung nachgewiesen werden.Am 11. Februar hatten Polizisten die aus Rotenburg (Wümme) stammenden Zwillingsbrüder in einer Spielothek an einer Autobahn zwischen Hamburg und Bremen festgenommen. Sie wurden in getrennten Zellen in der Untersuchungshaftanstalt Moabit untergebracht - Hassan in einer Doppelzelle, Abbas in einem anderen Trakt mit Blick auf den Hof. In der nächsten Woche sollte es einen Haftprüfungstermin geben.Aber nun hat die Staatsanwaltschaft selbst die Aufhebung der Haftbefehle beauftragt. "Nach der derzeitigen Beweislage war zwar mindestens einer der beiden an der Tat beteiligt", erklärt Justizsprecher Michael Grunwald. "Eine eindeutige Zuordnung, welcher von beiden dies war, ist aber nicht möglich. Die DNA der eineiigen Zwillinge ist so gut wie identisch und mit derzeitigen medizinischen Erkenntnissen nicht zu unterscheiden", so Grunwald. "Von Gesetzes wegen ist daher zugunsten von jedem der beiden davon auszugehen, dass nur der jeweils andere am Tatort war." Der Justizsprecher betont aber, dass die beiden weiterhin als Beschuldigte gelten."Eine DNA-Spur allein reicht eben nicht aus", sagt Rechtsanwalt Axel Weimann, der einen der Brüder vertritt. Selbst wenn eine DNA einem Verdächtigen genau zugeordnet werden könnte und an der Strickleiter wäre, mit der sich die Täter abseilten, hieße das nach Weimanns Ansicht noch nicht, dass dieser auch am Tatort gewesen sei - sondern nur, dass der DNA-Verursacher die Leiter berührt habe. "Ich kann nicht nachvollziehen, wieso beide in U-Haft genommen wurden, wo doch klar war, dass man mindestens einen Unschuldigen in Haft hat", so Weimann. Justizsprecher Grunwald räumt ein, dass weitere Spuren nötig wären, um einen Täter zu überführen: "Doch auch die weiteren Tatortspuren, Beweismittel und Untersuchungen führten zu keinem eindeutigen Ergebnis."Wegen der Haft hat der arbeitslose Hassan nach eigener Aussage tausende Euro Schulden. "Ich sollte eine Arbeit bei Holzkohle Lüneburg anfangen und wollte da auch meinen Bruder reinholen. Jetzt ist der Job weg."Die Wohnung, in der sich die Familie der Zwillinge trifft, gehört Verwandten und liegt in einem gepflegten Mietshaus im Norden Neuköllns. Die Dielen sind abgezogen. Es gibt Wandteppiche, bunte Vasen, Kinder toben durchs Wohnzimmer. Die Mutter, eine ältere Frau mit Kopftuch, sitzt auf dem Ledersofa. Sie ist aus Rotenburg nach Berlin gekommen. "Ich hatte solche Angst um meine Söhne", sagt sie. Gestern Abend fuhr sie mit ihren Zwillingen wieder nach Hause. Eine Erklärung, wie die DNA an den Tatort kam, hat in der Familie niemand, auch die Zwillinge nicht. Wo sie zur Tatzeit waren, wollen sie nicht sagen.------------------------------Mit der Strickleiter ins ErdgeschossMillionen-Coup: In der Nacht zum 25. Januar erbeuteten drei Diebe aus dem Kaufhaus des Westens Uhren und Schmuck im Wert von mehreren Millionen Euro. Es war der spektakulärste Einbruch der vergangenen Jahre.Einstieg: Die Täter kamen über eine Leiter auf das Vordach und hebelten ein Fenster auf. Sie mieden Treppen wegen der Bewegungsmelder und Lichtschranken und stiegen an einer Strickleiter ins Erdgeschoss hinab.Spuren: Die maskierten Täter, die Handschuhe trugen, ließen sich Zeit. Sie wurden von Überwachungskameras gefilmt. Einer der Täter hinterließ eine DNA-Spur, die die Fahnder zu den Zwillingsbrüdern führte.