Zu spät. Aus und vorbei. So hast du gedacht und im Auto gesessen, von Berlin aus Richtung Hamburg. Es war Freitagabend, der Verkehr spärlich, der Motor brummte, und im Radio lief der Grund für deine Flucht. Es wurde ein Konzert übertragen, Richtfest im Berliner Schloss, wo Preußen nachgebaut wird. Das Orchester spielte die größten Hits des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Bis auf eine Ausnahme standen ausschließlich europäische Komponisten auf dem Programm. Wahrscheinlich, weil die ethnologische Sammlung noch früh genug in die Räume einzieht, um jetzt schon Richtfest-Gästen zugemutet zu werden, die einen schönen Abend haben wollen und keine indonesische Gamelan-Musik oder Gedichte in lupenreinem Tok Pisin.

Bisher hast du gedacht, Gebäude würden errichtet, weil es einen Bedarf gibt: Ein Parlament braucht ein Dach über den Kopf, eine Familie ein Haus zum Wohnen, Angestellte wollen in Bürotürmen arbeiten und Sportler Schwimmbäder nutzen. Nicht so das neue Schloss. Es wurde ersonnen, obwohl keiner wusste, was damit anzufangen ist, schließlich gibt es keinen König mehr, der darin wohnen könnte.

Viele Gesprächsrunden fanden statt, um einen Sinn für das Gebäude zu finden. Im Moment sieht es nach einem Gemischtwarenladen aus, halb ethnologisches Museum, halb Berliner Nabelschau, ein bisschen Veranstaltungsort, aber das kann sich morgen auch schon wieder ändern: form follows history, function kommt später. Da war man in Braunschweig konsequenter und hat gleich eine Shopping-Mall hinter die Schlossfassade geknallt.

Irgendwie hast du gedacht, das Problem würde einfach verschwinden. Du wachst eines Morgens auf, und der Rohbau, dieses reaktionäre Ungeheuer, das jeden Tag größer und größer wurde, ist nicht mehr da. Aber so funktioniert das Leben nicht, mein Lieber, und nun, kurz vor dem Kreuz Wittstock, fühlte sich das Richtfest im Radio wie ein Schlusspunkt an: Sie haben gewonnen. Du bist geschlagen. Die Kämpfe sind ausgefochten. Füge dich der Realität und lasse Berlin hinter dir.

Denn es ist ja nicht nur das Schloss. All die Baulücken und Baugruben der Stadt, die du einmal mit deinen Träumen gefüllt hast, sind verbaut, und meistens ist nicht mehr herausgekommen als die berüchtigte Berliner Schießscharten-Architektur mit Traufhöhengarantie. Und mit jedem neuen Gebäude ist aus der Stadt der schönen Möglichkeiten eine Stadt der traurigen Tatsachen geworden.

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Auf dem Rasthof Prignitz hast du dir einen Kaffee gekauft und ein Paar Wiener Würstchen. Der Empfang im Radio war immer schlechter geworden, und schließlich knarzte es nur noch. Um dich herum lagen Städte wie Wittenberge, Ludwigsfelde, Kyritz an der Knatter, Perleberg oder Lenzen. Orte, aus denen die Bewohner fliehen, weil sie in den großen Zentren nach Arbeit suchen; es gibt Straßen mit Baulücken, Häuser im Zustand des Verfalls, jede Menge Optionen.

Kurz: Es ist Berlin, wie es früher war, nur sehr viel kleiner, und auf der einen Seite solltest du dich dort wohlfühlen. Auf der anderen Seite: Warum solltest du vor Tatsachen kapitulieren? Warum steigst du nicht wieder ins Auto und fährst zurück? Dinge werden ja nicht richtig, nur weil es sie gibt. Und zur Not kann das Schloss ja noch gesprengt werden. Es muss nur Vernunft einziehen.