Der Gerichtsbeschluß wurde ihr zwar noch nicht zugestellt, aber Stefania Koziarowska aus Danzig weiß, daß sie gewonnen hat. Die 65jährige Frau errang zusammen mit ihrer Mitstreiterin Henryka Flisykowska-Kledzik vor dem Lübecker Landgericht einen spektakulären Erfolg. Die beiden Danzigerinnen ließen ein Urteil revidieren, das ein nationalsozialistisches Militärgericht Ende 1939 gegen ihre Väter verhängt hatte. Den betroffenen Männern hilft das natürlich nicht mehr - sie wurden damals zum Tode verurteilt und, gemeinsam mit 36 ihrer Kollegen von der Danziger Post, umgehend hingerichtet. Deutscher Angriff Den Angehörigen geht es auch nicht um Geld, obwohl sie nach dem Lübecker Beschluß Entschädigungszahlungen in Anspruch nehmen könnten. "Wir wollten Gerechtigkeit", sagt Stefania Koziarowska, "die Leute sollen sehen, daß es Unrecht war, was unseren Vätern widerfuhr." Die Justizgeschichte, die jetzt ein Ende gefunden hat, begann vor über 57 Jahren, am 1. September 1939. In den frühen Morgenstunden dieses Tages, kurz nachdem das deutsche Marineschulschiff "Schleswig-Holstein" mit Schüssen auf die Danziger Westerplatte den Zweiten Weltkrieg begonnen hatte, griffen deutsche Polizeieinheiten die Post von Danzig an. Unterstützt wurden sie von SS- und SA-Männern, die zu Hilfspolizisten ausgebildet worden waren. Die Post war den Nazis in Danzig schon seit Jahren ein Dorn im Auge, weil sie unter polnischer Verwaltung stand. Die Postbediensteten, allesamt Polen, wehrten sich heftig und konnten erst überwältigt werden, als die dem 3. Oberkommando der deutschen Armee unterstellte "Gruppe Eberhard" mit schweren Waffen ins Geschehen eingriff. Die Deutschen pumpten Benzin in das Postgebäude und zündeten das Haus an - da mußten sich die Verteidiger ergeben.Die Spitzen des NS-Staates bis hin zu Adolf Hitler forderten danach mit Vehemenz die Todesstrafe für die polnischen Überlebenden des Kampfes. Dazu mußten das Kriegsrecht angewendet und die Postler wegen "Freischärlerei" verurteilt werden. Die juristische Lage sah damals nämlich so aus: Weil mit der "Gruppe Eberhard" eine militärische Einheit beim Angriff dabei war, genossen die Deutschen den sogenannten Kombattantenstatus. Das bedeutet, die polnischen Postler hätten sich nicht gegen sie wehren dürfen.Nur, die Verteidiger der Post von Danzig konnten das nicht wissen. Sie hatten sich bereits seit dem Vorabend des 1. September in dem Gebäude verbarrikadiert und bekamen vom Kriegsausbruch nichts mit - schließlich hatten die Deutschen alle Telefon- und Telegrafenleitungen sowie die Stromverbindungen in die Post gekappt. Die Postler wußten nur eines: daß die Angreifer Polizeiuniformen trugen - kein Hinweis also aufs Militär.Die bundesdeutsche Justiz tat sich lange Zeit schwer, diesen Fall aufzurollen. Im Gegenteil: Die beiden führenden Köpfe des Prozesses gegen die Postler, Staatsanwalt Dr. Kurt Bode und Richter Dr. Hans-Werner Giesecke, machten in der Nachkriegsjustiz Karriere. Und an ihren Händen klebte nicht nur das Blut der Danziger Postler. Über Bodes Schreibtisch gingen allein in den drei Jahren, die er als Danziger Generalstaatsanwalt fungierte, etwa 350 Todesurteile.Dem Juristen hat das später nicht geschadet. Schon 1955 wurde er zum Vizepräsidenten des Oberlandesgerichts Bremen ernannt. 1960 ging er, 65 Jahre alt und bis dahin unbehelligt, in den Ruhestand. Kriegsrichter Giesecke, der Soldaten zum Tode verurteilte, weil sie beispielsweise Autoreifen gestohlen hatten, faßte auch wieder schnell Tritt. Er mußte dafür allerdings seinen Lebenslauf frisieren. Doch als in den späten 60er Jahren seine Vergangenheit teilweise publik wurde, machte das auch nichts - Giesecke behielt seinen Posten als Direktor des Landgerichts in Frankfurt/Main bis zur Pensionierung im Jahr 1971."Das tut schon noch weh", sagt Stefania Koziarowska, an diesen Karrieren, "da bleibt Bitterkeit trotz der Freude über den Gerichtsbeschluß." Auch die polnischen Angehörigen wissen, wie wenig die westdeutsche Justiz trotz Strafanzeigen wegen Mordes gegen die beiden Juristen unternommen hat. Sie wurden trotz der schweren Vorwürfe bis zu ihrem Tode nicht einmal vernommen.Den Kurswechsel in der deutschen Justiz bewirkte ab 1995 ein ehemaliger Polizist: Dieter Schenk, 59, ehemals Kriminaldirektor in der Stabsstelle des Bundeskriminalamtes. "Ihm haben wir das eigentlich alles zu verdanken", sagt Stefania Koziarowska. In monatelanger, akribischer Recherche förderte er aus polnischen und ostdeutschen Archiven bislang unbekannte Dokumente zu Tage, die die Argumentation der Angehörigen stützten - und die ausschließlich ideologisch motivierte Konstruktion der Anklage von 1939 verdeutlichen. Schenk, der auch mit zahlreichen Augenzeugen und Angehörigen gesprochen hatte, präsentierte das Ergebnis in seinem Buch "Die Post von Danzig - Geschichte eines deutschen Justizmords" (Rowohlt). Verhältnis verbessert Neben der Rehabilitierung der ermordeten 38 Postler besserte Schenk auch das polnisch-deutsche Verhältnis etwas auf. Für Andrzej Byrt, Polens Botschafter in Deutschland, liegt die Bedeutung des Urteils darin, "daß jeder Angegriffene ein Recht auf Verteidigung hat, und zwar unabhängig davon, was im Land des Agressors als Werk gilt." Und Stefania Koziarowska sagt, daß sie eigentlich mit einem solchen Ergebnis gar nicht gerechnet habe. "Aber jetzt freuen wir uns in tiefer Dankbarkeit darüber, daß die deutsche Justiz dieses Unrechtsurteil revidiert hat." +++

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