BERLIN, 27. März. Was die "Neue Zeit" 1994 veröffentlichte, kam einer kleinen Sensation gleich: "Hier ist Lotte Ulbricht, ich wollte mich für das Buch bedanken.""Ach bitte, haben Sie es gelesen?""Ja. ja.""Hat es Ihnen gefallen?""Nein, ist ein richtiges Wessi-Buch.""Wessi-Buch? Aber fast alle, die darin geschrieben haben, sind Ostdeutsche.""Das macht nichts, die sind genauso."So ging es am Telefon noch ein Weilchen weiter. Es war einer der seltenen Augenblicke, in denen Lotte Ulbricht mit einem Journalisten mehr als einen Satz sprach. Nach dem Tod Walter Ulbrichts 1973 zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück, in der sie zuvor äußerst präsent war. Honecker hatte nach dem Sturz seines Vorgängers wenig Interesse, die ehemalige First Lady, die eher eine glanzlose Mutter des Arbeiter-und-Bauern-Landes war, weiter zu hofieren. Und Lotte Ulbricht war tief verbittert über die brutale Entmachtung ihres Mannes durch den neuen Parteichef. "Honecker hat das Erbe meines Mannes verspielt", hat sie einmal gesagt. Das hat man noch von ihr gehört. Aber es ist nicht bekannt, dass es je einem Journalisten gelungen wäre, die Schwelle ihres Hauses am Majakowskiring in Berlin-Pankow zu überschreiten. Sie redete nur mit ihrer Haushälterin.Ein Foto ist in Erinnerung, es müsste aus den frühen sechziger Jahren stammen. Ulbrichts Macht war zu dieser Zeit unumschränkt, die Mauer stand, das Experiment Sozialismus auf dem Weg, die Genossen hatten die sozialistische Menschengemeinschaft ausgerufen - die Welt war für Lotte Ulbricht noch in Ordnung. Das Foto zeigt sie mit Walter Ulbricht beim Tischtennis. Bewegt euch, Bürger, sollte es sagen. Der Sozialismus braucht gesunde, tatkräftige Menschen. Es gibt noch mehr solche Fotos. Ulbricht beim Volleyballspielen, Walter und Lotte im Ruderkahn auf einem Berliner See. "Jeder Mann an jedem Ort, einmal in der Woche Sport", wurde zur gar nicht so unpopulären Losung.Lotte Ulbricht war auf Empfängen, in Betrieben, auf der Leipziger Messe stets an der Seite ihres Mannes zu sehen. Sie hielt zahllose Reden, gründete die Frauenkommission der SED, kümmerte sich um die Gleichberechtigung der Frau in der Republik. Wirkliche Macht, wie später Margot Honecker, hatte sie nicht, auch keine staatstragenden Ämter. Dafür war sie auch nicht so unbeliebt wie ihre Nachfolgerin, man tolerierte ihre Kleinbürgerlichkeit irgendwie und machte Witze über das erste Paar im Staate. Walter und Lotte Ulbricht bei einem LPG-Besuch. Walter: Oh, der Weizen steht aber gut hier. Lotte: Aber Walter, das ist doch Hafer! Walter: Egal Lotte, Hackfrucht bleibt Hackfrucht. Lotte Ulbrichts Parteikarriere beginnt im Jahr 1916, damals heißt sie noch Lotte Kühn. Sie tritt in Berlin, wo sie in Rixdorf geboren wurde, in die Freie Sozialistische Jugend ein. Kurz darauf wird sie Funktionärin im Kommunistischen Jugendverband. Vor den Nationalsozialisten flieht sie 1933 nach Moskau, dort arbeitet sie als Sekretärin für die Komintern. Im Hotel Lux, wo die exilierten KPD-Funktionäre Quartier genommen haben, lernt sie Walter Ulbricht kennen, aber auch Herbert Wehner. Mit der Gruppe Ulbricht kehrt sie im April 1945 nach Berlin zurück, 1946 heiratet sie Walter Ulbricht, die Ehe bleibt kinderlos. Sie arbeitet lange Jahre im Institut für Marxismus-Leninismus, verantwortlich vor allem für die Reden und Schriften Walter Ulbrichts. Nach Ulbrichts Sturz verschwanden die aus den Regalen. Lotte Ulbricht bekam noch ein paar Orden.Im Alter von 98 Jahren ist sie nun in ihrem Haus in Berlin-Pankow gestorben.