Die Atomkatastrophe von Fukushima hat enorme Auswirkungen auf die Zukunft der Atomkraft - aber nur in Deutschland. Während hier ein schrittweiser Ausstieg aus der Technik inzwischen von allen Parteien angestrebt wird, ist eine grundsätzliche Wende in der übrigen Welt bislang nicht auszumachen - sie könnte aber noch kommen. Die USA, Indien und China, die Länder mit den ehrgeizigsten Atomplänen, haben versprochen, die Sicherheit der Meiler zu überprüfen. Und allerorten wird davon geredet, die Lehren aus Fukushima zu ziehen. Doch zumindest im Augenblick steht Deutschland mit seiner klaren Abkehr von der Kernkraft ziemlich alleine da. Einzig in Frankreich wurden harte Maßnahmen angekündigt und versprochen, unsichere Meiler tatsächlich auch zu schließen.Selbstverständlich kann sich das noch ändern. Verschlechtert sich die Lage in Fukushima noch weiter und werden riesige Landstriche auf lange Zeit unbewohnbar, ist gut möglich, dass in vielen Ländern die Diskussion um die Kernkraft noch stärker in Gang kommt. Michael Bräuninger, Energieexperte des Wirtschaftsinstituts HWWI sagte dazu: "Schon jetzt ist absehbar, dass die Ausbaupläne für die Kernkraft einen deutlichen Dämpfer bekommen werden."Auch die atomkraftfreundliche Internationale Energie-Agentur (IEA) rechnet mit deutlichen Einschnitten. Chefökonom Fatih Birol sagte: "Die Schwierigkeiten beim Bau neuer Kernkraftwerke werden zunehmen, und in einigen Ländern wird der Druck zunehmen, alte Anlagen früher als geplant vom Netz zu nehmen."In einem nach dem Erdbeben erstellten Szenario ging die IEA davon aus, dass sich die zusätzliche Kernkraft-Kapazität, die bis 2035 installiert wird, auf die Hälfte reduziert. Das wären aber immer noch 180 Gigawatt Leistung, die weltweit zusätzlich ans Netz gehen würden. Das entspricht etwas mehr als hundert neuen Meilern, wenn kein einziges altes Kraftwerk in dieser Zeit ausgeschaltet würde. Angesichts der extrem langen Bauzeiten von Kernkraftwerken, die sich einschließlich Planung und Genehmigung leicht auf ein Jahrzehnt ausdehnen können, scheint derzeit wenig dafür zu sprechen, dass selbst dieses niedrigere Ziel erreicht wird.Zahlreiche Umweltverbände, darunter an vorderster Front die Deutsche Umwelthilfe (DUH), zweifeln stark an dieser Wiedergeburt der Kerntechnik. Sie führen an, dass der stetige Ausbau erneuerbarer Energiequellen Kernkraftwerke technisch uninteressanter macht. Und: Es ist unklar, ob es global ausreichend Kapazitäten gibt. So kann im Augenblick überhaupt nur ein Unternehmen weltweit Schmiedeteile für große Reaktordruckbehälter herstellen - ausgerechnet Japan Steel Works.Experten warnen, dass der langsamere Ausbau der Kernkraft oder gar der weltweite Ausstieg deutliche Auswirkungen auf den Klimaschutz habe. "Das ist unvermeidlich", sagt Bräuninger vom HWWI. Zwar kommt derzeit nur rund ein Zehntel des Stroms weltweit aus Atomkraftwerken. Die Abkehr vom schnellen Ausbau könnte aber bis 2035 zusätzlich 500 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre bringen, so die IEA. Das entspricht immerhin knapp dem deutschen Jahresausstoß.------------------------------USAIn Nordamerika stehen so viele Atomreaktoren wie in kaum einer anderen Region der Welt: In den USA sind es 104, in Kanada 18. Daran wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Beide Länder wollen am Ausbau der Kernenergie festhalten. US-Präsident Barrack Obama hält die Kernenergie ebenso wie die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus für beherrschbar und klimafreundlich.Der Kraftwerkspark in den USA gilt als veraltet, etwa die Hälfte der Meiler wurde in den 60er und 70er Jahren gebaut. Zwar sollen nun auch die Meiler älterer Bauart einem Sicherheitstest unterworfen werden. Doch die Laufzeiten für 54 ältere Reaktoren wurden zuletzt auf 60 Jahre verlängert. An ein sofortiges Abschalten der Alt-Meiler denkt in den USA kaum jemand, sie werden nur vereinzelt in Frage gestellt, obwohl es auch in den USA immer wieder zu Störfällen kommt. Allein 2010 wurden 14 Pannen gemeldet. Rund ein Drittel der Reaktoren steht in küstennahen Gebieten, sie sind bei Naturkatastrophen also besonders anfällig.Ähnlich ist die Lage in Kanada. Die Kernenergie liefert 15 Prozent des Stroms im Land, in den industriellen Ballungszentren im Osten sogar 50 Prozent. Die meisten Meiler stehen an den großen Seen oder nahe der Küste. Die Regierung möchte die zumeist alten Reaktoren jetzt Schritt für Schritt durch Neubauten ersetzen. In Ontario sind zwei neue Meiler geplant. Politisch ist der Pro-Atomkurs weitgehend unumstritten. Regierung und Opposition sind dafür. Die Umweltgruppen in Kanada gelten als schwach und finden nur schwer Gehör.------------------------------BRASILIENDie Atomkatastrophe in Japan hat die Staaten Lateinamerikas, die über Atommeiler verfügen oder ihren Bau erwägen, kaum ins Zweifeln gebracht. Lediglich Venezuelas Linkspräsident Hugo Chßvez rückte nach dem Unglück von Fukushima sofort von einer Vereinbarung mit Russland ab, die den Bau eines Atommeilers in Venezuela innerhalb von zehn Jahren vorsah. In Lateinamerika verfügen derzeit nur drei Staaten über jeweils zwei Kernkraftwerke. Das sind Mexiko, Argentinien und Brasilien.Mexiko hat nach dem japanischen Unglück die Überprüfung der beiden Meiler von Laguna Verde angeordnet, aber zugleich betont, es gebe keinen Grund zur Besorgnis. Dennoch plant das Land derzeit keine weiterer Anlagen. Anders Argentinien und Brasilien: Sie wollen kein Stück von ihren Ausbauplänen abrücken. Das Erdbebenrisiko sei gering, argumentieren die Regierungen. Die beiden argentinischen Meiler Atucha I und Embalse befänden sich weit weg vom Meer und verfügten zudem anders als Fukushima über einen ergänzenden und zwischengeschalteten Kühlkreislauf. Allerdings hat Atucha I schon 37 Jahre auf dem Buckel. Der Meiler war 1974 der erste, der in Lateinamerika Atomstrom erzeugte. In wenigen Monaten soll Atucha II gleich neben Atucha I, rund 100 Kilometer von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt, ans Netz gehen.Brasilien baut seit vergangenem Jahr Angra III, den dritten Meiler an der Küste zwischen Rio de Janeiro und Sao Paulo. Das größte Land Lateinamerikas will mittelfristig noch stärker auf Atomkraft setzen, um die Abhängigkeit von der Wasserkraft zu reduzieren. In allen drei Ländern spielt die Atomkraft bei der Stromgewinnung eine untergeordnete Rolle. In Argentinien liefert sie 6,2 Prozent des Stroms, in Mexiko sind es vier und in Brasilien noch deutlich weniger.Allerdings sind gerade in Brasilien die Sicherheitsbedenken hoch. Bei der Überprüfung von Angra I und Angra II in Folge des japanischen Atomunglücks stellten die Inspekteure fest, dass Angra II zehn Jahre nach Aufnahme der Produktion noch immer keine Betriebsgenehmigung hat. Der Chef der Atomaufsichtsbehörde, Odair Dias Gonçalvez, wurde daraufhin entlassen.------------------------------FRANKREICHNiemand kann garantieren, dass es in Frankreich nicht irgendwann einen Atomunfall gibt." Das haben nicht etwa Umweltschützer von Sortir du Nucléaire (Ausstieg aus dem Nuklearen) oder Grüne gesagt, die seit Jahrzehnten einsam gegen Kernenergie zu Felde ziehen. Die Worte stammen von André-Claude Lacoste, dem Leiter des Amts für Nukleare Sicherheit (ASN).Hatte die Pariser Regierung in den ersten Tagen nach dem Reaktorunglück von Fukushima die Frage nach einem Abschalten französischer Atomkraftwerke noch als unpassend zurückgewiesen, hat Premierminister Francois Fillon jetzt neben der von Brüssel beschlossenen Überprüfung europäischer AKW zusätzliche Sicherheitskontrollen angekündigt. Eine Bestandsaufnahme soll Aufschluss bringen, wie Frankreichs Anlagen überstehen würden, was in Japan zur Katastrophe geführt hat: Erdbeben, Überschwemmung, Stromausfall, Kühlungsprobleme. Ein Reaktor, der bei dem Test schlecht abschneide, werde abgeschaltet, hat Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy versprochen. Der Sinneswandel beeindruckt umso mehr, als der Atomkraft in Frankreich herausragende Bedeutung zukommt. Seit 1956 setzt das Land entschlossen auf Kernenergie. 19 Kraftwerke mit insgesamt 58 Reaktoren decken mehr als drei Viertel des heimischen Strombedarfs - Weltrekord. Hinzu kommt die ideelle Bedeutung. Im Land Becquerels und des Ehepaares Curie, den Entdeckern der Radioaktivität, hat es die Atomkraft zum Mythos gebracht. Sie steht für nationale Größe und Unabhängigkeit. Kommunisten, Sozialisten und Konservative sind sich einig: Dank der von General de Gaulle getroffenen Entscheidung für die Kernenergie erfreut sich Frankreich einer weitgehend unabhängigen Energieversorgung.Der Sinneswandel geht denn auch nicht soweit, dass Paris ernsthaft einen Ausstieg aus der Atomenergie ins Auge fassen würde. Wenn sich die Politik für das Thema Reaktorsicherheit aufgeschlossen zeigt, dann wohl vor allem deshalb, weil sie das Vertrauen in die Kernkraft möglichst schnell wiederherstellen will.------------------------------POLENPolen setzt nach wie vor auf Kernenergie. Der Warschauer Premier Donald Tusk stellte fest, Polen liege nicht in einem Erdbebengebiet, und sein Industrieminister Martin Kocourek sekundierte, das Land liege nicht nur geografisch, sondern auch von der Problemstruktur ganz woanders als Japan. Polen hat kein Kernkraftwerk, will aber bis 2022 in Zarnowiec an der Ostsee eines bauen - nachdem ein erster Anlauf nach Protesten in den 90ern gestoppt wurde. Befeuert wird die Zustimmung von der Skepsis gegen den russischen Nachbarn: Atomkraftwerke stehen für Energie-Unabhängigkeit.Auch in anderen osteuropäischen Ländern ist kaum Atom-Skepsis zu spüren. Die Reaktoren in Dukovany in Tschechien sowie in Mohovce und Bohunice sind weitgehend unumstritten. Vor allem in Tschechien, wo nach wie vor 70 Prozent der Bevölkerung für den Ausbau sind, gilt die Kernenergie als nationales Symbol, die Skepsis dagegen als eine germanische Neurose.Debatten finden auch nach Fukushima kaum statt. Weniger die öffentliche Meinung spricht gegen den weiteren Ausbau als vielmehr die überall angespannte Haushaltslage. Nach der Havarie in Japan dürften wegen höherer Anforderungen an die Sicherheit die Kosten noch steigen. Das vorläufige Aus droht mindestens dem geplanten Kraftwerksbau in Belene in Bulgarien: Weil die Kosten explodieren, will die Regierung nur weiter machen, wenn sich ein potenter Investor findet. Die Bulgaren sind ohnehin skeptischer als andere: Nach Fukushima sank die Zustimmung zum Ausbau der Kernenergie von 75 auf 51 Prozent.------------------------------SCHWEDENTrotz der Atomkatastrophe in Japan sollen in Skandinavien mehrere neue Kernkraftwerke gebaut werden. Ein Neubau ist bereits im Gange: im finnischen Olkiluoto. Nach jahrelangen Bauverzögerungen, einer Explosion der Kosten und Sicherheitsproblemen mit dem geplanten Betonfundament soll der Meiler nun im Jahr 2013 ans Netz.Die Finnen sind trotz der Probleme ein atomfreundliches Land. Sie waren die ersten in Westeuropa, die nach dem Umfall in Tschernobyl den weiteren Ausbau der Kernenergie beschlossen hatten. Neben dem Kernkraftwerk in Olkiluoto an der Ostsee sollen zwei weitere Meiler neu errichtet werden. In der Bevölkerung sind diese Pläne weitgehend unumstritten, selbst die finnischen Grünen befürworten den Ausbau. Allerdings will die Regierung als Konsequenz aus den Ereignissen in Japan alle vier Meiler des Landes jetzt einem Sicherheitscheck unterziehen.In Schweden ist die Lage differenzierter. 1980 hatten die Wähler per Volksentscheid den Ausstieg des Landes aus der Kernenergie innerhalb von 30 Jahren beschlossen. Diese Entscheidung hat die konservative Regierung 2009 allerdings revidiert. Regierungschef Fredrik Reinfeldt will die zehn Reaktoren des Landes, die in den 70er und 80er Jahren gebaut wurden, nach und nach durch neue ersetzen. Bis vor wenigen Wochen hatte er die klare Mehrheit der Schweden dabei hinter sich.Doch die Fernsehbilder aus Japan haben auch die Schweden beeindruckt. Umfragen zufolge kippt die Stimmung. Knapp die Hälfte der Schweden ist sich jetzt nicht mehr sicher, ob der Ausstieg aus dem Ausstieg richtig war. Fürs erste hat die Regierung jetzt eine Überprüfung aller Meiler beschlossen, die Modernisierungspläne haben aber weiter Bestand. Doch die Öffentlichkeit diskutiert das Thema weiter kontrovers - auch weil es in den schwedischen Meilern immer wieder zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Der folgenschwerste Störfall ereignete sich 2006 in der Anlage in Forsmark. Nach Angaben eines ehemaligen Betriebsleiters war es dort in Folge eines Kurzschlusses beinahe zu einem GAU gekommen.------------------------------SÜDAFRIKAAtomstrom, ja bitte! Trotz der Vorfälle in Japan ist dies der Trend in Afrika: Ausgerechnet in der Woche des Fukushima-Unglücks beschloss Südafrika den Ausbau seiner Atomenergie. Senegals Energieminister hatte bereits zuvor angekündigt, dass er bis 2020 ein AKW haben möchte; Uganda hat erste Gesetze, die Nuklearenergie favorisieren, verabschiedet. Und auch in Kenia wird ein Einstieg in die nukleare Energiegewinnung diskutiert.Afrikas bislang einziges Atomkraftwerk steht knapp 30 Kilometer außerhalb von Südafrikas Touristenhochburg Kapstadt. Das AKW Koeberg ist über 30 Jahre alt, soll aber noch weitere 20 bis 30 Jahre halten. Bis dahin sollen noch sechs weitere Atomkraftwerke entstehen. Der nationale Energieplan sieht vor, dass in Südafrika der Anteil nuklearer Energie von derzeit nur gut zwei auf 23 Prozent steigen soll. "Eine sehr bedenkliche Entwicklung", urteilt Antonia Nord, Leiterin der Heinrich Böll Stiftung in Kapstadt. Seit Jahren beobachtet die Stiftung eine sinkende Wartungsqualität und damit ein steigendes Sicherheitsrisiko. Immer wieder kam es zu kleineren Störfällen und in Folge zu langen Stromausfällen. Zuletzt wurden 2010 Mitarbeiter bei Wartungsarbeiten leicht verstrahlt."Es gibt einen Mangel an Aufsicht und nicht ausreichend ausgebildetes Personal", gab selbst der Betreiber zu. Umweltverbände beklagen, dass es keinerlei klare Sicherheitsregeln und Evakuierungspläne im Falle eines Störfalles gebe. Zudem sei die äußere Absicherung des am Atlantik gelegenen Reaktors mangelhaft.------------------------------INDIENIndien hat sicher eines der ehrgeizigsten Ausbauprogramme für Atomenergie. Sechs Kraftwerke mit insgesamt 20 Reaktoren gibt es derzeit, fünf weitere befinden sich im Bau. In 20 Jahren sollen Indiens AKW zusammen 64000 Megawatt Strom produzieren, also zwölfmal mehr als heute.Ein Abkommen zur zivilen Nutzung von Nuklearenergie zwischen den USA und Indien erlaubt Delhi die Einfuhr von Uran und Technologie zum Bau von Atomkraftwerken, weshalb mehrere Parteien im Fall von Unfällen und Katastrophen eine Mithaftungsklausel für Lieferanten verlangen. Die meisten internationalen Konzerne, die solche Anlagen verkaufen, wollen sich darauf allerdings nicht einlassen.Indiens Regierung behauptet seit dem GAU von Japan, die eigenen Atomkraftwerke seien sicher, und ordnete zur Beruhigung der Bevölkerung eine Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen an. Doch die Geschichte des Landes ist nicht besonders vertrauenerweckend. Bis zum Jahr 2002 wurden insgesamt fünf Zwischenfälle bekannt. Insgesamt sollen beim Austritt von Radioaktivität im Laufe der Jahre etwa 3000 Menschen verstrahlt worden sein.Selbst der frühere Vorsitzende der indischen Atomaufsichtsbehörde A. Gopalakrishnan warnte vor einiger Zeit, seine ehemalige Behörde verhalte sich wie ein Schoßhund des Premierministers. Der Atomenergiewirtschaft seines Landes bescheinigte er Geheimnistuerei und Engstirnigkeit sowie eine chronische Abneigung gegen Überprüfungen.Besorgniserregend sind auch die Pläne Pakistans. China bestätigte nach der Katastrophe von Fukushima ausdrücklich seine Absicht , zwei Meiler mit veralteter Technologie aus den 70er Jahren in Pakistan zu errichten.Das Land unterhält zudem zwei Meiler, die ausschließlich dem Bau von Atomwaffen dienen. Über die Sicherheitsvorkehrungen ist wenig bekannt. Die weitaus größte Sorge bereitet die Möglichkeit, dass Extremisten in die Nuklearinstallationen eindringen könnten. Islamabad beharrt indes immer darauf, die Anlagen seien ausreichend geschützt.------------------------------CHINAPeking betreibt das weltweit größte Programm zum Ausbau von Kernenergie und dürfte sich auch von der Katastrophe in Fukushima kaum von seinen Vorhaben abbringen lassen. Erst Anfang März hat das chinesische Parlament, der Nationale Volkskongress, einen neuen Fünfjahresplan abgesegnet, in dem unter anderem ein massiver Ausbau von Atomkraftwerken vorgesehen ist. Damit will Peking seinen rapide steigenden Elektrizitätsbedarf decken und seine Abhängigkeit von Kohle als wichtigstem Energieträger reduzieren.Aktuell sind in der Volksrepublik 13 Atomkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von rund zehn Gigawatt in Betrieb. Bis zum Jahr 2015 sollen rund 25 weitere Reaktoren am Netz sein, und bis 2020 womöglich noch einmal so viele. Dann soll rund achtmal so viel Strom aus Kernenergie gewonnen werden wie heute. Der Anteil am Strommix, der derzeit nur bei rund zwei Prozent liegt, soll im Jahr 2020 im hohen einstelligen Bereich sein. Vize-Umweltminister Zhang Lijun erklärte, China werde "seine Entschlossenheit und Pläne für die Entwicklung der Atomkraft nicht ändern".Allerdings hat das Desaster von Fuku-shima auch in China erstmals eine breite öffentliche Debatte über die Sicherheit von Atomkraftwerken ausgelöst. Dabei wird daran erinnert, dass es auch in China bereits Störfälle gegeben hat, zuletzt Ende Oktober vergangenen Jahres. Damals wurden Arbeiter im südchinesischen Kernkraftwerk Daya Bay durch ein leckendes Kühlsystem radioaktiver Strahlung ausgesetzt.Um die besorgte chinesische Bevölkerung zu beruhigen, erklärte die Regierung, die Sicherheitsstandards in allen bestehenden und geplanten Atomkraftwerken überprüfen zu wollen. Bis zum Abschluss der Untersuchung sollen deshalb keine neuen Baugenehmigungen erteilt werden. Möglich ist daher, dass China sein nukleares Expansionstempo drosseln wird. Experten warnen ohnehin schon lange davor, dass der schnelle Ausbau der Kernkraft auf Kosten der Sicherheit gehen werde, denn Know-how und Kapazitäten würden immer stärker nur noch auf den Bau und den Betrieb von Kernreaktoren beschränkt.------------------------------RUSSLANDDmitri Medwedews letzter Videoblog-Auftritt glich einem Werbespot. Der Kreml-Chef warb für die Atomkraft und schlug die Ausweitung russischer Sicherheitsstandards auf die ganze Welt vor. Russland ist stolz auf sein nukleares Know-how. Im Land gibt es zehn AKW mit über 30 Reaktoren. Bis 2030 soll der nukleare Anteil an der Stromerzeugung von derzeit knapp 16 auf bis zu 30 Prozent gesteigert werden. Widerstände gibt es nicht: Einer Umfrage zufolge wollen nur 13 Prozent der Russen einen Ausstieg aus der Atomkraft.Der Betreiber Rosatom möchte seine Nukleartechnik aber auch exportieren. Derzeit baut er in Indien, China und Bulgarien, bald auch in der Türkei. Nur Tage nach der Katastrophe von Fukushima unterzeichnete Rosatom ein Abkommen über die Errichtung des ersten Atomkraftwerks in Weißrussland. Es wird vor den Toren von Wilna stehen, der Hauptstadt des benachbarten Litauen. Auch die Litauer planen ein neues AKW, nachdem sie das alte in Ignalina auf EU-Druck abschalten mussten. Wenn Russland aber wie geplant auch noch in der Exklave Kaliningrad ein Werk errichtet, wird im Dreiländereck überreichlich Atomstrom fließen. Ein weiteres Projekt: das schwimmende Atomkraftwerk, gedacht für unzugängliche Gebiete. Das erste soll 2013 in Kamtschatka am Pazifik ans Netz gehen.An der Atomkraft hält auch die Ukraine fest - jenes Land, das mit Tschernobyl die bisher schlimmste Havarie erlebte. Es will sich von russischem Gas unabhängiger machen. In der Ukraine stammt weiterhin fast die Hälfte des Stroms aus Atomkraftwerken.------------------------------JAPANBis zu dem Erdbeben vom 11. März war Kernenergie ein zentrales Element der japanischen Energiepolitik. Die 18 Atomkraftwerke des Landes lieferten ein Drittel des Stroms. Da Japan kaum über eigene Rohstoffe verfügt, galt Nuklearenergie als politisch und wirtschaftlich vorteilhaft, weil sich so eine übermäßige Abhängigkeit von ausländischen Kohle-, Öl- und Gaslieferungen verhindern ließ.Inwieweit Japan seine Energiepolitik nach der Katastrophe von Fukushima überdenken wird, ist noch offen. Bisher konzentrieren sich alle Anstrengungen noch darauf, die Reaktorkatastrophe unter Kontrolle zu bekommen. In Politik und Bevölkerung herrscht weitgehend Ratlosigkeit.Atomkraft war in Japan nie sonderlich umstritten. Bereitwillig glaubten die Verantwortlichen den Zusicherungen der großen Kraftwerkskonzerne, dass ihre Reaktoren sicher seien - auch vor Erdbeben und Tsunamis. Zwar mussten die Betreiber in den vergangenen Jahren mehrfach eingestehen, dass sie Störfallberichte manipuliert hatten, allen voran die Tokyo Electric Power Company (Tepco), die das Krisenkraftwerk Fukushima betreibt. Doch selbst dies reichte nicht aus, um in Japan eine Anti-Atomkraft-Bewegung ins Leben zu rufen, geschweige denn auf ihrem Rücken eine Partei zu gründen.Zumindest kleinere Demonstrationen fanden zuletzt immerhin statt. So gingen vergangenes Wochenende in Tokios Luxusshoppingviertel Ginza rund 1500 Menschen auf die Straße. Angeführt wurde der Protestzug von einem Lautsprecherwagen. Einige der Teilnehmer hatten sich mit Gesichtsmasken und Blaumännern als AKW-Arbeiter verkleidet. Sie skandierten Sätze wie "Ein Ende der Atomkraft" oder "Kein neues Fukushima". Ähnliche Veranstaltungen werden auch aus anderen Städten berichtet. Wahrscheinlich ist, dass Japan seine Kernkraftwerke vorerst weiterlaufen lässt und als Alternative eine "grüne Energiewende" ausruft. Die Förderung von regenerativen Energiequellen gehörte 2009 bereits zum Wahlprogramm der regierenden Demokratischen Partei Japans (DPJ), hatte bisher aber keine Priorität.------------------------------Karte: Welt. Atomreaktoren weltweit, Epizentren starker Erdbeben seit 1954Grafik: Weltweiter Energieverbrauch (2000 bis 2050, Prognose ab 2020).Grafik: Stromerzeugung Deutschland.Grafik: Stromerzeugung USA.Grafik: Stromerzeugung Brasilien.Grafik: Stromerzeugung Frankreich. Grafik: Stromerzeugung Polen. Grafik: Stromerzeugung Schweden. Grafik: Stromerzeugung Südafrika.Grafik: Stromerzeugung Indien.Grafik: Stromerzeugung China.Grafik: Stromerzeugung Russland.Grafik: Stromerzeugung Japan.Foto: Unglücks-AKW Fukushima in Japan: Trotz der Katastrophe will das Land weiterhin auf Atomkraft setzen.Foto: Crashmeiler von Pennsylvania: In Harrisburg kam es 1979 zur Kernschmelze.Foto: Strand-Ruine: In Zarnowiec wurde der Bau nach Protesten in den 90ern gestoppt.Foto: Kohleförderung am Kap: Südafrika gewinnt fast drei Viertel seiner Energie aus Kohle.Foto: Tschernobyl: Nach der Katastrophe von 1986 wurden 120000 Menschen umgesiedelt.