Nach der zweiten Niederlage in Folge hält Trainer Götz an Herthas Spielsystem fest - weil er muss: Stau in Mitte

BERLIN, 27. Oktober. Wer bislang glaubte, Fußball-Profis und deren Trainer würden nach einem anstrengenden Arbeitstag erschöpft in ihre Betten fallen und anschließend gleich in den Tiefschlaf, der irrt. Fredi Bobic etwa, Angreifer von Hertha BSC, gab am Tag nach der 0:1-Heimniederlage gegen Borussia Dortmund an, schlecht geschlafen zu haben. Er habe zwar überhaupt nicht vom rechten Pfosten des Tores in der Ostkurve des Olympiastadion geträumt, der am Dienstagabend vor 48 000 Zuschauern gleich zweimal Schüsse von Herthas Mittelstürmer aufhielt - "aber mir ging immer wieder diese Szene nach drei Minuten durch den Kopf, als mich André Bergdölmo im Strafraum umreißt. Das war ein tausendprozentiger Elfmeter." Auch Cheftrainer Falko Götz gab nach der zweiten Niederlage in Folge einen kleinen Einblick in seine gestörte Nachtruhe. "Ich habe nur wenig Schlaf gefunden", erzählte der 42-Jährige, "aber das ist nicht so wichtig." Ob er vielleicht über die Effektivität seines gegenwärtig bevorzugten Spielsystems nachgedacht hatte, als er sich schlaflos im Bett wälzte? Ohne FantasieZum dritten Mal in Folge ließ der Trainer ein mit vier Kreativlingen üppig besetztes Mittelfeld auflaufen (Marx, Marcelinho, Bastürk, Gilberto), vor dem einsam Fredi Bobic, die einzige Angriffsspitze, kreiselte. Einmal war dieses "für uns ideale System", so Götz, fast perfekt aufgegangen: Bayer Leverkusen, auch reich an kreativen Profis, wurde nach sehenswertem Spiel 3:1 bezwungen. Aber schon beim folgenden 0:1 in Bielefeld verlor sich Hertha in Schönheit und so folgerichtig auch das Spiel. Bei der jüngsten Niederlage gegen die krisengeschüttelten Dortmunder aber stand sich Herthas viel gelobte neue Mitte gegenseitig eher unkreativ auf den Füßen. Der Spielfluss staute sich.Manager Dieter Hoeneß, über dessen Nachtruhe nach dem Spiel nichts bekannt wurde, hatte bereits unmittelbar nach Abpfiff sein Urteil gesprochen: "Unser Spiel hat mir nicht gefallen. Wir haben nur durch die Mitte gespielt. Da war diesmal wenig Fantasie dabei." Es muss schon als erstaunlich gelten, dass ein Mittelfeld mit ausgezeichneten Individualisten, das nominell sicher zu den besten der Liga zählt, ausgerechnet die Fantasie abgesprochen wird. Allerdings hatten die Fantasievollen laut Hoeneß vergessen, dass das Spielfeld im Olympiastadion in seinen Ausmaßen zu den größten in Deutschland zählt (105 Mal 70 Meter). "Wir haben in der Breite nur auf 30 Metern gespielt. Das war viel zu eng, das waren viel zu viele Ballkontakte und Kurzpässe statt Flügelspiel und öffnende Aktionen." Die Mannschaft, so der Manager in einer ersten Analyse, müsse wohl wieder einmal an die Taktiktafel. Trainer Götz, der bemängelte, dass seine Profis trotz permanenter Zurufe von der Bank "mit sechs, sieben Leuten nach innen gedrängt sind", sieht allerdings keinen Handlungsbedarf, um etwa sein bevorzugtes Spielsystem in Frage zu stellen. "Das System ändert sich nicht", sagte Götz, "die Spieler müssen das System nur besser umsetzen und variabler interpretieren." So erging der Auftrag an Marx und Gilberto, dass diese konsequent die Außenpositionen besetzen sollten, was beide gegen Dortmund nicht einhielten. Und im Gegenzug sollten auch die beiden zentralen Figuren - der Brasilianer Marcelinho und der Türke Yildiray Bastürk - ab und an auf die Flügel ausweichen. Auch das funktionierte nicht. "Sie haben sich taktisch alle falsch verhalten", so Götz, "wir haben sehr gute Individualisten im Mittelfeld, aber der eine oder andere muss künftig wieder etwas mannschaftsdienlicher spielen."Hertha BSC hatte seit dem Wiederaufstieg 1997 immer überdurchschnittlich begabte Mittelfeldleute, die sich allerdings zu ihrer Zeit meist als Einzelkämpfer bewähren mussten. Das gilt für Dariusz Wosz, Stefan Beinlich, auch für Sebastian Deisler und zuletzt für Marcelinho. Der hat nun mit Bastürk und Gilberto exzellente Helfer gefunden. Herthas Verantwortliche verzichteten vor dieser Spielzeit bewusst auf die Verpflichtung eines Angreifers, holten lieber diese beiden Profis für die neue Mitte. Schon allein deshalb kann Trainer Götz nicht nach zwei Niederlagen sein System in Frage stellen - das käme einer Kritik am der eigenen Einkaufspolitik gleich.------------------------------Munter im Mittelmaß // Tabellenplatz: Hertha BSC hat sich nach zehn Spieltagen im Mittelfeld der Bundesliga-Tabelle eingependelt. Mit zwei Niederlagen in Folge verpasste der Klub die Chance, sich im oberen Drittel zu etablieren. Auswärtsspiel: Der nächste Gegner heißt am Sonnabend SC Freiburg. Im Dreisamstadion soll der am Knie verletzte Abwehrspieler Josip Simunic wieder einsatzfähig sein. Auch der nach fünf gelben Karten gegen Dortmund gesperrte Niko Kovac darf wieder mitwirken.------------------------------Grafik: Hertha BSC------------------------------Foto: Nix für ungut: Die Dortmunder Koller und Dede trösten den Herthaner Marcelinho.