Nach einem Jahr im Landtag von Sachsen-Anhalt versuchen DVU-Abgeordnete sich vom Gängelband des Münchener Multimillionärs zu lösen: Freys Marionetten machen sich selbständig

MAGDEBURG, im April. Torsten Miksch tritt ans Rednerpult des Landtages von Sachsen-Anhalt: "Im Gegensatz zu den Abgeordneten der DVU habe ich seit einigen Wochen die Möglichkeit, meine Reden selbst auszuarbeiten. Demzufolge weiß ich auch, was ich hier vortrage. Herr Wolf weiß wohl nicht, was er hier in den letzten 15 Minuten runtergelassen hat."Torsten Miksch antwortet auf die Rede von Helmut Wolf, Fraktionsvorsitzender der deutschen Volksunion. Ein Jahr nach der Sensations-Wahl von Magdeburg sind die Rechtsextremisten tief zerstritten. Wolf nennt Miksch nur "das Subjekt".Im Februar versuchten acht der 16 DVU-Abgeordneten im Magdeburger Landtag, Wolf als Fraktionschef abzusetzen. Es gab ein Geheimtreffen, bei dem vereinbart wurde, wer was werden sollte. Offenbar bekamen Wolf und die DVU-Zentrale in München Wind von der Sache. Das als "Miksch-Putsch" bezeichnete Vorhaben mißlang jedenfalls. Seither sind vier der Putschisten fraktionslos, teils ausgeschlossen wie Miksch, teils ausgetreten. Die anderen reihten sich wieder hinter Wolf ein. Einst arbeitsloser ZimmermannMiksch, vor seiner Politkarriere ein arbeitsloser Zimmermann aus Merseburg, fühlt sich nun als Opfer des DVU-Chefs und Münchner National-Zeitungs-Verlegers Gerhard Frey: "Wenn ein DVU-Abgeordneter wie eine Marionette funktioniert, ist er top. Aber wenn Pinocchio zum Leben erwacht, und man kann die Marionette nicht mehr in die Ecke stellen, gehen die Probleme los", sagt er.1 000 Mark habe er jeden Monat nach München von seiner Diät abführen müssen, ohne Spendenquittung, klagt Miksch. Der 34jährige liebäugelt seit einiger Zeit mit der NPD. "Die DVU ist eine Schande für alle nationalen Kräfte geworden", sagt er im Landtag. Auf der Tribüne sitzt eine kleine Abordnung der NPD und nickt wohlwollend. Gegen Miksch läuft ein Ermittlungsverfahren. Er soll seinen Stafford-Terrier "George" in einen fünf Meter tiefen Brunnen geworfen haben. Nach Tagen wurde der Kampfhund von Passanten gefunden und gerettet. Der Vorfall hat die innerparteilichen Spannungen verschärft."Tierquäler finden sich bei uns vor der Tür wieder", sagte Wolf zakkig, als der Putsch aufflog. Das Hobby des 50jährigen arbeitslosen Elektroingenieurs aus Wolfen ist der Hundesport. "Es ist ein Skandal, daß Tiere nicht als unsere Mitgeschöpfe akzeptiert werden", erklärt er bei der Einbringung eines Gesetzes zum Tierschutz. Beim Thema Kosovo fällt ihm hingegen nur ein, daß wieder Tausende von Flüchtlingen "auf der Matte" stehen, die "bestimmt viele Bleibegründe finden".Fast alles, was Wolf oder die anderen Fraktionsmitglieder im Parlament vortragen, wird entweder von Abgesandten des Münchener Multimillionärs Gerhard Frey oder direkt in der DVU-Zentrale in München verfaßt. Abgeordnete, die im Präsidium des Landtages sitzen, haben auf Manuskripten von DVU-Rednern schon öfter die Fax-Nummer erkennen können. Sie begann mit den Zahlen 089, der Vorwahl für München. Günther Schwemmer und Heinrich Gerlach sind die wichtigsten Aufpasser Freys in Magdeburg. Schwemmer ist stark übergewichtig. Er schnarrt in einem süddeutschen Dialekt: "Ha, Aufpasser aus München schreiben s überall. Da muß ich doch lachen. Ich komme aus Bayreuth." Er macht die Pressearbeit.Gerlach stammt aus Hamburg. Er war Freys Wahlkampfleiter in Sachsen-Anhalt und ist nun "Fraktionsgeschäftsführer". Anfangs setzte er sich in den Plenarsaal, direkt hinter seine Abgeordneten. Parlamentspräsident Wolfgang Schäfer (SPD) komplimentierte ihn hinaus. "Die DVUler guckten bei Abstimmungen immer nach hinten", berichtet ein Mitarbeiter der Parlamentsverwaltung.Gerlach beantwortet alle Fragen freundlich, aber nichtssagend. Nur einmal wird er laut. "Die Fraktionsbüros als DVU-Parteizentrale mißbraucht? Wer erhebt denn den Vorwurf? Hier ist keine Parteizentrale. Das sind böse Unterstellungen." Der Verdacht, daß die Räume im Landtag auf Kosten der Allgemeinheit als heimliche Parteizentrale der DVU mißbraucht werden, wird durch den Umstand genährt, daß es sonst keine gibt im Land. Wohl aber, nach Gerlachs eigenen Angaben, 1 500 Mitglieder.Interne TreffenDer Verfassungsschutz schätzt zwar nur 700, aber auch das sind mehr als zwanzigmal soviel wie vor der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Auch die DVU-Abgeordneten haben nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes keine Wahlkreisbüros. Acht von ihnen haben gleichwohl beim Landtag Gelder für Miete und Sekretärin beantragt und bekommen. Einige beschäftigen mit den Mitteln ihren Ehepartner. Im Sommer will der Landesrechnungshof das Finanzgebaren der Fraktion überprüfen.Die DVU tritt im Lande nicht öffentlich auf. Es gibt keine Informationsstände und keine Bürgerversammlungen. Ungefähr einmal im Monat gibt es aber große interne Treffen, auf denen DVU-Chef Frey redet. Der Ort ist stets geheim. Die Mitglieder der Partei werden kurz vorher informiert, wann und wo sie von einem Bus abgeholt werden. Der Ablauf ist immer gleich. Erst wird die Nationalhymne gesungen, alle drei Strophen, dann redet Frey, meist über eine Stunde. Die Aufpasser vom Verfassungsschutz schreiben oft nur noch "Standard-Rede Frey. Ausländer, Euro, Wehrmacht" in ihre Protokolle. Draußen liegen Produkte der Freyschen Unternehmungen zum Verkauf aus, die "National-Zeitung" und Devotionalien über die NS-Zeit.Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Frey landete Freitag nachmittag etwas verspätet um 17.20 Uhr aus München kommend in Berlin-Tegel und machte sich von dort aus auf den Weg nach Zeppernick bei Möckern, wo am Sonnabend das Treffen stattfand. Diesmal gab es einen zusätzlichen Tagesordnungspunkt. Per Akklamation wählten die 400 Teilnehmer Dieter Kannegießer, Ex-Gaststättenleiter aus Halle und DVU-Fraktionsvize, zum Landesvorsitzenden. Kannegießer war einer der acht Teilnehmer des von Unbekannten verratenen Miksch-Putsches. In Zeppernick klopfte ihm Frey anerkennend auf die Schulter.Die Rechten sind im Landtag enorm fleißig. Fast in jeder Plenarsitzung gibt es Anträge und große Anfragen der DVU. Gewalt an Schulen oder im Fernsehen, Rauschgift, Kriminalität, insbesondere von Ausländern, die Wiedereinführung der Kopfnoten in den Zeugnissen sind ihre Themen.Die Vorstellung, die DVU-Fraktion werde schnell zerfallen, habe getrogen, räumt SPD-Fraktionsgeschäftsführer Jens Bullerjahn ein. Er spricht von einer "Maschinerie", die aus München gesteuert werde und Aktivitäten produziere. Auffällig ist allerdings, daß in den Ausschüssen des Landtages das Engagement schlagartig nachläßt. Dort sitzt immer nur ein DVU-Abgeordneter und hat keinen Berater an seiner Seite. Die anderen Parteien, von der DVU "Altparteien" genannt, sind seit der Bundestagswahl gelassener, was die Zukunft der Rechtsradikalen angeht. Denn am 27. September kam die DVU in Sachsen-Anhalt nur noch auf 3,2 Prozent. "2002 ist der Spuk vorbei", glaubt der SPD-Politiker Schäfer. Selbst die frustriertesten Protestwähler hätten inzwischen gemerkt, daß es keine einfachen Antworten gebe und daß vor allem die DVU sie nicht habe. Zur Kommunalwahl im Herbst tritt die DVU nicht an. Das wurde nach Erkenntnisssen des Verfassungsschutzes in München entschieden, gegen Proteste etlicher DVU-Aktivisten in Sachsen-Anhalt. Frey will seine Mittel auf die Landtagswahl in Brandenburg konzentrieren.Die Bodyguards sind wegParlamentspräsident Schäfer hat seine liebe Mühe, in dem Haus gesittete Zustände zu bewahren. Anfangs sorgten die aus dem Westen stammenden Bodyguards der DVU für Aufregung. Sie benahmen sich im DVU-Trakt des Landtags, als sei dort exterritoriales Gebiet. Schließlich entfernte Schäfer die Prätorianer aus dem Haus. Klopft man allerdings an die Tür des DVU-"Fraktionsorganisationsleiters" Matthias Canis, öffnet der Chef der damaligen Sicherheitstruppe die Tür. "Was wollen Sie hier?"Häufig kommt es zu scharfen Rededuellen zwischen den Rechtsextremisten und der PDS. Während die SPD im Landtag meist darauf verzichtet, auf DVU-Beiträge einzugehen, hat die PDS die antifaschistische Herausforderung voll angenommen. Auslöser der heftigen Kontroversen ist fast immer DVU-Fraktionschef Wolf. "Wenn Wolf nicht wäre, wäre das fast eine ganz normale Fraktion", sagt ein Mitarbeiter des Landtages. "So wie die Menschen hier eben sind im Land."Wolf trumpft gern mit schneidender Stimme auf ("Sie werden uns noch kennenlernen"), sorgt allerdings durch plumpe Versprecher immer wieder für allgemeine Heiterkeit: "Ich werde mich gleich beenden." Ein führender Landespolitiker nennt ihn "auf böse Weise intelligent", weil Wolf mit Begriffen aus der Nazizeit spielt. So bezeichnete er die Regierung als "Höppner-Regime" und sprach von "Pogrom", als Unbekannte ein Hakenkreuz an eine DVU-Tür geschmiert hatten. Das Wort "Kommunistenpack" fiel und auch die Bezeichnung "sexuelle Abartigkeit" für Homosexuelle. Als Schäfer ihn zu sich zitierte und aufforderte, sein Vokabular zu verändern, sagte Wolf, er bitte doch um ein Wörterbuch, was denn alles verboten sei.Der Mann im HintergrundDie DVU-Abgeordnete Claudia Wiechmann und ihr Vater Rudi, Alterspräsident des Landtages, schlagen deutlich andere Töne an. Frau Wiechmann leitet den Parlamentsausschuß für Kultur und Medien und "macht das ordentlich", wie selbst ein SPD-Regierungsmitglied bemerkt. Die 43jährige selbständige Floristin aus Kakau gehörte bis 1989 der SED an. Wenn sie im Parlament redet, sitzt auf der Tribüne neuerdings ein älterer, hagerer Herr und ist auffällig angespannt. Er bewegt bei jedem ihrer Worte die Lippen mit. Es ist Günther Bernard, 59, Referent der DVU-Fraktion für Kultur und Medien. Wiechmanns Redenschreiber. Bernard leitete bis zur Wende den Bereich Soziologie an der Sektion "wissenschaftlicher Kommunismus" der Universität Leipzig. Nach der Wende wurde er sogar Ausländerbeauftragter des Instituts. 1993 wandte sich das langjährige SED-Mitglied plötzlich den sächsischen Republikanern zu und wurde deren Landeschef. "Wer Bombardements in Jugoslawien rechtfertigt, rechtfertigt auch Bomber Harris", sagt Claudia Wiechmann in der Debatte um den Kosovo. Von der platten Ausländerfeindlichkeit des Helmut Wolf ist ihre Rede bei diesem Thema weit entfernt. Sie beschäftigt sich mit deutscher Abhängigkeit von den USA. Bernard gibt der DVU via Wiechmann eine neue, national-konservative Basis und eine eigene, ostdeutsche Sprache, die den latenten Antiamerikanismus einbezieht. Vor einigen Wochen sind Wiechmann und Bernard gemeinsam vor die Presse getreten und haben eine Ausstellung über die alliierten Bombardements auf ostdeutsche Städte wie Dresden und Magdeburg gefordert. Als Schirmherr schlugen die beiden Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) vor.Achtung, Gegendarstellungen am 10.5.1999 und 18.5.1999