Athen - Um 11 Uhr am Donnerstag ist es soweit. Die privaten Investoren reichen ihre Offerten für eine neue Staatsanleihe Griechenlands ein. Die Laufzeit: fünf Jahre. Die Nachfrage: riesig. Mehr als 550 Investoren sind dabei, mehr als 20 Milliarden Euro bieten sie, achtmal mehr als erhofft. Statt der anvisierten 2,5 Milliarden Euro holte sich Athen dann schließlich drei Milliarden Euro. Die rege Nachfrage lag auch am attraktiven Zins: Athen zahlt 4,75 Prozent. Geholfen hat sicher auch, dass der Hellas-Bond nach englischem Recht aufgelegt wurde. Damit sind Käufer vor Zahlungsausfällen faktisch zu 100 Prozent geschützt.

Finanzminister Jannis Stournaras hätte schon 5,3 Prozent als Erfolg gefeiert. Er konnte seine große Freude kaum verbergen. „Griechenland hat etwas geschafft, was auch unsere schärfsten Kritiker anerkennen: den Ausstieg aus der Krise.“ Zuletzt hatte Athen im April 2010 eine Staatsanleihe über eine Milliarde Euro für 20 Jahre angeboten. Es wurde ein Desaster. Am 23. April 2010 musste der damalige Premier Georgios Papandreou den gerade eingerichteten Euro-Rettungsmechanismus anrufen, um einen Staatsbankrott zu verhindern. Griechenland suchte als erstes Land Schutz.

Verpasste Ziele

So wundert es nicht, dass Stournaras nun den 10. April 2014 als historisches Datum feiert. Es soll die Wiedergeburt des arg gescholtenen Euro-Sorgenkindes markieren. Von einer eindrucksvollen Rückkehr an die Märkte schrieb die konservative „Kathimerini“. Lob kam auch aus Brüssel. „Heute ist ein sehr guter Tag“, sagte EU-Kommissar Joaquín Almunia.

Negative Töne erlaubte sich dagegen Alexis Tsipras, Chef der größten griechischen Oppositionspartei Bündnis der radikalen Linken: Mit dem Kredit schieße sich Athen „ins Bein“. Was das Land brauche, sei ein Schuldenschnitt. Andere Haushaltsprobleme sind nicht gelöst. So sind die für 2014 eingeplanten Einnahmen aus Privatisierungen von 3,6 Milliarden auf 1,5 Milliarden nach unten korrigiert worden. Und linke Zeitungen weisen darauf hin, dass der Anleihezins höher sei als der der EU-Hilfskredite.

Der Zeitpunkt der jüngsten Anleiheauktion war von der Athener Regierung unter dem konservativen Premier Antonis Samaras bewusst gewählt. Im Mai stehen neben den Europawahlen auch Kommunalwahlen an. Zudem reist die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Freitag nach Athen. Samaras will von seiner Kollegin nicht nur Lob für seinen Spar- und Reformkurs ernten. Seine unmissverständliche Botschaft lautet: Griechenland braucht kein drittes, womöglich schon im Sommer fälliges Hilfspaket von der öffentlichen Kreditgeber-Troika aus EU, EZB und IWF.

Damit will Samaras punkten – zumindest bei den Griechen. Denn Geld von der Troika bedeutete im Gegenzug harte Spar- und Reformauflagen. Samaras ist sich sicher, dass Athens Staatsfinanzen mittlerweile konsolidiert sind. Doch der Preis dafür ist hoch. Das Land mag vielleicht gerettet sein, aber die Bürger sind pleite.

Die Wirtschaftsleistung ist seit Herbst 2008 um ein Viertel eingebrochen. Löhne, Gehälter, Renten und Pensionen sind um bis zu 55 Prozent gesunken. Parallel ist die Steuer- und Abgabenbelastung enorm gestiegen. Hinzu kommen eine ausufernde Arbeitslosigkeit, eine fehlende Grundsicherung sowie ein dramatischer Anstieg der Privatverschuldung.

Trotz alledem, die Athener Regierung sprüht vor Zuversicht. Griechenland werde 2014 wieder ein zartes Wachstum von 0,6 Prozent generieren, wird versprochen. Das gewerkschaftsnahe Athener Institut für Arbeitsfragen (INE) geht allerdings für 2014 von einem erneuten Rückgang der Wirtschaftsleistung aus – von bis zu einem Prozent. Es wäre das siebte Rezessionsjahr in Folge. Auch das wäre ein historischer Rekord. Die Skeptiker könnten recht behalten. Denn der vermeintliche Wachstumsmotor, die Exporte, kommt einfach nicht in Gang. Der Wert der griechischen Ausfuhren ist im Januar und Februar im Vergleich zum Vorjahr völlig unerwartet um 4,2 sowie um 7 Prozent gesunken. Die Regierung hatte mit einem deutlichen Anstieg um fünf Prozent gerechnet.

Wenigstens im Tourismus läuft es gut. 17,9 Millionen Besucher kamen 2013 nach Griechenland – in diesem Jahr sollen es noch mehr werden. Darauf setzt auch Elsa Tzavelakou, 62. Sie ist eine Souvenierhändlerin im Athener Touristenviertel Plaka und spricht aus, was viele denken: „Die Krise hat uns allen zu schaffen gemacht. Wir haben die Hoffnung aber keineswegs verloren. Sie sehen doch: Es ist erst April und die Touristen sind schon da.“ Doch der Urlaub in Griechenland wird teurer. Wer jetzt bucht, zahlt etwa fünf Prozent mehr als im Vorjahr. In der Plaka wirbt das Cafe Athene damit, seine Preise seien seit Olympia 2004 in Athen stabil. Das ist allerdings kein rechter Trost, damals wie heute kostet der Cappuccino vier Euro.

Lethargie statt Widerstand

Zuletzt flauten die Proteste gegen die Sparpolitik in Athen merklich ab. Es gibt zwar noch Demonstrationen, aber nicht mehr so groß und so intensiv wie vor vier Jahren. Die Griechen sind nach sechs Sparpaketen erschöpft. Die Stimmung im Land: Lethargie statt Widerstand.

Befriedet ist das Land allerdings nicht. 24 Stunden vor dem Eintreffen von Merkel ist der Terror nach Athen zurückgekehrt. Donnerstag früh explodierte in der Hauptstadt eine Autobombe mit 70 Kilogramm Dynamit. Ein Unbekannter hatte zuvor eine Athener Zeitung und ein Web-Portal angerufen und dabei gesagt: „Das ist keine Farce.“ Die Polizei konnte das Areal vor der Zentralbank noch rechtzeitig räumen. Es entstand erheblicher Sachschaden. Die Ermittler vermuten eine linksgerichtete oder anarchistische Gruppe hinter der Tat. Nur wenige Meter wird Merkel am Freitag von Samaras empfangen.