Die fragwürdigen Untersuchungen der Brandermittler des Landeskriminalamtes (LKA) sind das Land Berlin bereits teuer zu stehen gekommen: So erhielt ein heute 49-jähriger Unternehmer jetzt eine Entschädigung aus der Landeskasse in Höhe von rund 386 000 Euro für seinen Verdienstausfall während der Untersuchungshaft. "Diese Zahlung geht eindeutig auf einen Fehler des Landeskriminalamtes zurück", sagte sein Anwalt Rainer Frank der Berliner Zeitung.In dem jetzt bekannt gewordenen Fall geht es um einen Brand im Jahre 2002. Dem in der Finanzbranche tätigen Unternehmer hatten die Ermittler auf Grund einer Analyse vorgeworfen, mit Hilfe von Spiritus als Brandbeschleuniger das Wohnhaus seiner Ehefrau angezündet zu haben. Der 49-Jährige saß knapp sechs Monate wegen des Verdachts auf Brandstiftung in Untersuchungshaft. In einem Prozess vor dem Landgericht wurde er dann im April 2003 auf Kosten der Landeskasse freigesprochen: Ein damals vom Gericht bestellter "Obergutachter" war zu dem Ergebnis gekommen, dass keine Brandstiftung vorliegt.Klage angekündigtNach dem Freispruch stand dem Mann eine Haftentschädigung von elf Euro pro Tag zu, im November 2004 erhielt er 1 870 Euro. Zudem machte er vor dem Zivilgericht Verdienstausfall geltend: Für die Zeit während der Untersuchungshaft und für einen Arbeitsausfall nach seiner Entlassung, weil er wegen psychischer Folgen krank war. Bis gezahlt wurde, verging viel Zeit: Erst im Januar 2008, nach mehreren Verhandlungstagen vor dem Landgericht, zahlte das Land Berlin.Erst in der vergangenen Woche war eine 52-jährige Arzthelferin freigesprochen worden, der ebenfalls auf Grund eines fragwürdigen LKA-Brandgutachtens Mord vorgeworfen wurde. Die Frau saß 888 Tage zu Unrecht in Untersuchungshaft. Die Ermittler hatten ihr vorgeworfen, das Haus ihres Vaters mit Hilfe von Spiritus angezündet zu haben. In einem ersten Prozess wurde sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Im zweiten Prozess hatte dann eine Gutachterin des Bundeskriminalamtes die Untersuchungen der Berliner Brandermittler bezweifelt und ihnen Fehler vorgeworfen. Die 52-Jährige, die ihren Job als Arzthelferin nach 30 Jahren Tätigkeit in einer Privatpraxis verlor und die jetzt arbeitslos ist, will ebenfalls Verdienstausfall einklagen. Die LKA-Brandermittler behaupten von sich, dass sich kein Kriminaltechniker in Deutschland intensiver mit der Analyse von Spiritus auseinandersetze. Die Berliner wenden dazu eine Messmethode an, die sie selbst weiterentwickelt haben. In der Zeit von 2003 bis 2007 bearbeiteten sie knapp 1 500 Fälle von möglicher Brandstiftung. In 196 Fällen davon soll, wie die LKA-Experten mitteilten, Spiritus als Brandbeschleuniger im Spiel gewesen sein.Eine Brandexpertin des Bundeskriminalamtes hat hingegen bezweifelt, dass Spiritus oft als Brandbeschleuniger verwendet werde. Das komme nach ihrer Erfahrung äußerst selten vor, sagte sie.Bislang ist unklar, ob weitere alte Fälle nach dem Freispruch der Arzthelferin vergangene Woche von den Ermittlern noch einmal aufgerollt werden. Das Landeskriminalamt teilte offiziell nur mit, es werde Zweifel an seinen Brandgutachten erst nach Vorliegen der schriftlichen Urteilsbegründung im Fall der 52-jährigen Arzthelferin betrachten. Intern herrscht angeblich Unsicherheit bei den Kriminaltechnikern und Brandermittlern. Einige sprachen sich inzwischen dafür aus, die Analysemethoden bundesweit zu standardisieren.Bei der Staatsanwaltschaft hieß es, es gebe nur "Ausnahmefälle", in denen ein Brandgutachten des LKA das einzige Beweismittel bei den Verfahren sei. Meist lägen außer einer Analyse von Brandsachverständigen noch weitere Indizien vor, zum Beispiel Beobachtungen von Zeugen.------------------------------Mindestens vier Mal wurden Unschuldige angeklagtDie Arzthelferin Monika de Montgazon wurde vergangene Woche in einem zweiten Prozess vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Die Ermittler hatten ihr auf Grund eines Brandgutachtens des Landeskriminalamtes vorgeworfen, das Haus ihres Vaters mit Spiritus angezündet zu haben. Der alte Mann kam in den Flammen um. Die Arzthelferin saß 888 Tage im Gefängnis und war in einem ersten Prozess wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden.Mieter Frank T. wurde 2003 wegen Brandstiftung auf Grund eines LKA-Gutachtens vom Amtsgericht Tiergarten zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Vorwurf: Er soll seine Wohnung im Jahr 2000 mit Spiritus angezündet haben. Erst in zweiter Instanz und nach weiteren Gutachten wurde er 2004 freigesprochen.Ein 34-jähriger Postbeamter stand im Januar 2003 vor dem Landgericht: Es ging um einen Brand vom Oktober 2000 in einem Hochhaus im Märkischen Viertel, in dessen Folge ein behinderter Junge starb. Zwei Jahre später warfen ihm die Ermittler vor, den Brand mit Spiritus gelegt zu haben. Der Beamte wurde nach einem weiteren Gutachten freigesprochen.Ein Unternehmer soll im November 2002 das Haus seiner Ehefrau mit Spiritus angezündet haben. Der Mann saß sechs Monate in Haft und wurdedann im April 2003 freigesprochen.------------------------------Foto: Nach einem Brand: Oft ist es schwer, die genaue Ursache zu ermitteln.