MOSKAU. Da sitzt er, der Polizeioffizier, über den Russland spricht: Alexej Dymowski, 32 Jahre alt. Kräftig, mit blondem Haar und offenem Gesicht, ein Junge aus der Provinz in der Hauptstadt. Offenkundig verwirrt von den Kameras, aber dennoch ruhig. Der Saal des Unabhängigen Pressezentrums platzt aus allen Nähten. Es ist der Tag der Miliz in Russland, und zum Feiertag hat Major Dymowski aus Noworossijsk Missstände in der Polizei offen gelegt. In einem Video, am Wochenende ins Netz gestellt und an Putin gerichtet, erzählte Dymowski von Demütigungen und Gesetzesverletzungen - bis hin zum Bekenntnis, seinen Majorsrang habe er nur gegen das Versprechen erhalten, einen Unschuldigen ins Gefängnis zu bringen.Seither ist Dymowski ein Prominenter, für seine Tollkühnheit bewundert und bestaunt zugleich. Will dieser Mann sich denn umbringen? So rätselt die Öffentlichkeit. Ihr Sog und die Verfolgung der Vorgesetzten haben Dymowski nach Moskau gebracht. Der Weg war nicht leicht, erzählt er: In Krasnodar habe er nach einer Verfolgungsjagd zweimal den Wagen gewechselt. Als er auf halbem Weg nach Moskau sein Mobiltelefon einschaltete, habe es prompt eine Straßenkontrolle gegeben. Aber nun sitzt er hier und führt aus, wie die russische Polizei funktioniert. Wie von Jahr zu Jahr die Zahl der aufgeklärten Verbrechen zu steigen hat. Wie Straftaten erfunden werden, um sie Unschuldigen anzuhängen.Gedanken purzeln durcheinanderSchwer zu sagen, was Dymowski am meisten empört: dass die von ihm verlangte Arbeit verwerflich war, oder dass sie schlecht bezahlt wurde. Bei ihm purzelt alles durcheinander. Bloß 14 000 Rubel, etwa 325 Euro, verdiene er im Monat. Er habe seinen Majors-Stern übrigens erhalten, ohne wie versprochen einen Unschuldigen hinter Gitter zu bringen, stellt er klar. Der Drogenermittler sollte einen Kritiker seines Vorgesetzten ruhigstellen, indem er dessen Sohn Haschisch zusteckte. "Das ist Sünde, und Sünden sollen sich ja vererben", sagt Dymowski, dessen Frau schwanger ist.In nichts ist sich die russische Gesellschaft so einig wie in der Klage über die korrupte, selbstherrliche Polizei. Seit dem Amoklauf eines Moskauer Offiziers im April hat auch die Führung erkannt, wie brenzlig das Thema ist. Dymowski hat zwar das gewünschte Gespräch mit Putin nicht erhalten. Dafür wurde sofort eine Untersuchungskommission nach Noworossijsk geschickt. Und der Innenminister warnte zum Tag der Miliz die Polizisten, das Gesetz gelte auch für sie.Die Polizei der Region Krasnodar, in der Noworossijsk liegt, hat allerdings flugs festgestellt, Dymowskis Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage. Und dass er wegen Verleumdung entlassen sei. Aus dem Innenministerium wurde darauf verwiesen, dass Dymowski mit Noworossijsker Menschenrechtlern bekannt sei, die ihrerseits Gelder der US-Hilfsorganisation USAID erhielten. Alles zeuge von einer "Einmischung Dritter", sprich: des Westens. Ausländer habe er im ganzen Leben kaum welche getroffen, sagt Dymowski, und Amerikaner schon gar nicht. Er gibt sich zuversichtlich: 150 Stunden Gespräche mit anderen Polizeioffizieren hat er aufgenommen, um sich abzusichern.------------------------------Foto: Alexej Dymowski hat im Internet Vorwürfe gegen die Polizei erhoben.