Eigentlich, sagt Wiebke Oldsen, eigentlich hätte "ein Aufschrei durch die gesamte deutsche Presse gehen müssen". Oldsen ist die für den Handel zuständige Sekretärin bei der Gewerkschaft Verdi in Bayern. Sie wundert sich immer noch darüber, wie wenig Wirbel der Anzeigenboykott von Aldi-Süd gegen die Süddeutsche Zeitung (SZ) im Frühjahr verursacht hat. Im März hatte der Discounter die sonst üblichen Werbeschaltungen in der Bayern-Ausgabe gestoppt - angeblich weil das Unternehmen sein Werbekonzept geändert habe. Kurz zuvor waren allerdings kritische Berichte über Schikanen bei der Wahl zu einem Aldi-Betriebsrat in der Zeitung erschienen. Nicht nur Mitarbeiter der Süddeutschen vermuteten einen Zusammenhang. So will sich nun auch der Deutsche PR-Rat, ein Expertengremium, das dem Fehlverhalten von Unternehmen gegenüber den Medien nachspürt, mit dem Fall befassen. Bislang habe sich der Süddeutsche Verlag zwar nicht an den Rat gewandt, sagt dessen Vorsitzender Horst Avenarius. Er vermutet dahinter geschäftliche Gründe: Der SZ-Verlag wolle sich die Geschäftsbeziehungen nicht verderben. "Das wäre in besseren Zeiten auch anders gewesen", sagt Avenarius. Ein SZ-Redakteur räumt hinter vorgehaltener Hand ein: "Man will kein Öl ins Feuer gießen und lässt eine Anstandsfrist verlaufen, bis es wieder Gespräche mit Aldi-Süd gibt." Einbußen in MillionenhöheInsofern sieht der PR-Rat Parallelen zum Lufthansa-Streit im Frühjahr 2001. Damals hatte die Lufthansa mehr als die Hälfte der rund 20 000 Bord-Exemplare der SZ für ihre Airline abbestellt. Begründet wurde der Schritt damit, mehr Pressevielfalt für die Passagiere bieten zu wollen. Tatsächlich sah die Aktion nach Strafe für unliebsame, weil kritische Berichterstattung aus. Das Vorgehen der Lufthansa wurde damals als Angriff auf die Unabhängigkeit der Zeitung im Speziellen und die Pressefreiheit im Allgemeinen gewertet. Der PR-Rat rollte den Fall auf. Weil dem Gremium aber Einblicke in Verträge verwehrt wurden und sich der Süddeutsche Verlag bedeckt hielt, fiel der daraus resultierende Tadel für die Lufthansa zurückhaltend aus. Im aktuellen Fall ist von Einbußen in Höhe von 1,3 Millionen Euro die Rede. Vom Süddeutschen Verlag sind dazu keine offiziellen Informationen zu bekommen. "Wir kommentieren das weiterhin gar nicht", sagt SZ-Sprecher Sebastian Lehmann und verhält sich damit so bedeckt wie die Gegenseite. In der Aldi-Regionalzentrale Eichenau heißt es: "Die Entscheidung ist im Haus getroffen worden: Es gibt keinerlei Auskünfte dazu". In der Tageszeitung taz erklärte eine Aldi-Mitarbeiterin die Stornierungen damit, dass Anzeigen nur noch in kostenlosen Wochenblättern geschaltet würden. Mit Blick auf eine Tochter des Süddeutschen Verlages stimmt das sogar, denn in den Münchner Wochenblättern erschienen die Anzeigenseiten weiterhin. Dennoch klingt die Erklärung nach Ausrede, wie ein Blick auf die lokale Konkurrenz der SZ zeigt. Beim Münchener Zeitungs-Verlag mit den Blättern Merkur und tz informiert der Discounter in gewohnter Weise. "Ein bis zwei Seiten pro Woche Werbung werden in der Verlagsgruppe geschaltet", bestätigt Anzeigenleiter Hans-Georg Bechthold. "Mit diesem Erpressungsversuch beschädigt sich Aldi selbst", sagt Holger Paesler vom bayerischen Verlegerverband. Auf der jüngsten Mitgliederversammlung sei das Thema diskutisiert worden. Tenor: "Das muss ein Verleger aushalten können, sonst legt er Hand an die Glaubwürdigkeit seines Produkts". Paesler nennt die Aldi-Aktion einen Einzelfall, der sich negativ auf das Image des Discounters auswirke. Der Konzern selbst, bekannt für seine rigorose Informationspolitik, reagiert nie in der Öffentlichkeit, weder auf Lob noch Tadel. Das kennt Arno Balzer nicht erst, seit er im vergangenen Jahr eine Laudatio auf den Handelskonzern halten durfte. Aldi hatte damals den Medienpreis "Verschlossene Auster" erhalten, den die Journalistenorganisation "Netzwerk Recherche" für besonders schlechte Öffentlcihkeitsarbeit vergibt. Recherche ist extrem schwierigBalzer, Chefredakteur des Manager Magazins, umschreibt die Informationspolitik bei Aldi als "nicht aktive Behinderung", die leider Nachahmer im Discountbereich gefunden hat nach dem Motto: Je billiger, desto verschlossener. "Auch bei Schlecker und Lidl scheint das eine Marotte zu sein". Journalisten wollten nicht nur Vorurteile kolportieren, "doch solide Recherche ist bei diesen Unternehmen extrem schwierig", sagt Balzer. Andere Handelskonzerne wie Metro, KarstadtQuelle seien dagegen relativ offen. Sie haben erkannt, dass Image ein wichtiger Faktor ist und die Vorteile von Öffentlichkeitsarbeit überwiegen." Bei Aldi steht diese Erkenntnis noch aus. Der Fall SZ zeige, "welches Verständnis dieser Lebensmittel-Riese für freie Presse hat".------------------------------Werbestopp nach Mobbing-Vorwurf // Die Süddeutsche Zeitung berichtete im Frühjahr über engagierte Aldi-Beschäftigte, die einen Betriebsrat gründen wollen. Die Journalisten hatten recherchiert, dass die Wahlvorbe- reitungen massiv behindert und Mitarbeiter gemobbt wurden.Daraufhin stoppte Aldi-Süd alle Anzeigen in dem Blatt - angeblich, weil der Konzern sein Werbekonzept umgestellt hat. Für die SZ bedeutet das Einbußen von 1,3 Millionen Euro. Laut Gesetz darf ein Unternehmen seine Anzeigenschaltung nicht dazu nutzen, redaktionelle Inhalte zu steuern. Das Vorgehen von Aldi gegenüber der SZ fällt in eine Grauzone, da der Konzern die Anzeigen entzog, nachdem berichtet worden war.Mit dem Fall will sich nun der Deutsche PR-Rat befassen. Das Kontrollgremium untersucht - analog zum Presserat - Fehlleistungen von Unternehmen gegenüber den Medien.------------------------------Foto: Die Süddeutsche Zeitung ist derzeit bei Aldi-Managern nicht gern gesehen.