Wolfgang Kohrt war ein Reporter, der genau wusste, was er nicht will. Er wollte nicht an Orte fahren, die andere schon besucht hatten, er wollte keine Menschen treffen, die andere schon getroffen hatten, er wollte nicht beschreiben, was schon beschrieben worden war. Wenn im Ressort über Themen diskutiert wurde, blieb Wolfgang lange sehr ruhig; er ließ all die Namen und Geschichten, die im Gespräch waren, an sich vorüberziehen und schüttelte höchstens mal den Kopf, wenn ihm ein Vorschlag allzu eilfertig schien. Am Schluss so einer Besprechung holte Wolfgang dann immer ein paar Zettel aus der Hosentasche, auf die er seine Ideen gekritzelt hatte. "Soll ick mich drum kümmern?", fragte er. Man konnte sich darauf verlassen, dass bei ihm aus einer Notiz eine Reportage wurde.Texte, wie jener über die schönste Buche Deutschlands, die seit 500 Jahren in Bayern steht. Jetzt war sie todkrank. Nun erzählte Wolfgang in seiner Reportage "Was der Baum denkt" weniger von der Buche. Bäume haben ihn nicht so interessiert. Es ging ihm um die Menschen, die im Schatten des Baumes lebten. Es ging ihm eigentlich immer eher um Menschen, die im Schatten leben. Um Leute, die etwas verloren hatten, die Arbeit, die Zuversicht, ja, auch die Gesundheit. Aber als Verlierer zeichnete sie Wolfgang nie."Eine scharfe Geschichte" handelt von dem Besitzer einer Currywurstbude, der mit 45 Jahren das erste Mal arbeitslos wird, weil ihm die Behörden in ihrem Bürokratismus die Zukunft verbauen. Dieses Drama lag Wolfgang aus einem speziellen Grund am Herzen. Er hat einfach gern gegessen, nicht ohne Grund kamen in seinen Reportagen oft Restaurantbesuche vor. Wenn er in Richtung Erfurt gefahren ist, hat er jedes Mal an der ersten Gaststätte auf Thüringer Boden angehalten, um eine Rostbratwurst zu essen.Der Currywurstreport beginnt mit einem Satz, wie Wolfgang ihn geliebt hat: "Die letzten Tage hätten schön sein können, wenn es nicht die letzten Tage gewesen wären."Jeder Journalist hat seine Vorlieben, bei Wolfgang Kohrt war es eine starke Affinität für Osteuropa. Von Zeit zu Zeit zog es ihn unwiderstehlich in diese Gegenden. Er kam dann ins Büro und erzählte zum Beispiel von einer Zigeunerkapelle, Blasmusiker, die zusammen in einem kleinen Dorf in Rumänien leben und die er bei einem Auftritt in Berlin gesehen hatte. Er konnte in solchen Situationen ins Schwärmen kommen. Natürlich besuchte er die Musiker in ihrem Dorf und schrieb über sie eine wunderbare Reportage für das Magazin unserer Zeitung.Er fuhr ins ukrainische Karpatenland und berichtete über Deutsche, die dort seit 200 Jahren siedeln, begab sich ein anderes Mal auf Spurensuche in der alten europäischen Kulturstadt Czernowitz in der Bukowina und machte sich mit seinem alten Opel auf den Weg durch acht Länder des östlichen Europa, bis nach Odessa."Der Gedanke ist lange gewachsen, ein paar Jahre lang, und auf einmal war er zu groß, als dass ich ihn länger verdrängen konnte", so eröffnete Wolfgang Kohrt die Reportage, die er über diese Reise schrieb. "Also mit dem Auto einmal Odessa und zurück. Ich hätte fliegen können, über Wien, es hätte einen halben Tag gedauert. Aber darum ging es nicht. Es ging um die Grenzen und wie die Leute dahinter leben, um die Fahrt durch Gebirge und Steppen, um die Dinge, die passieren würden. Nichts ist so unwiderstehlich wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. So fuhr ich los."Wolfgang Kohrt begann seine journalistische Laufbahn nach dem Studium in Leipzig bei der FDJ-Zeitung "Junge Welt". In der Zeit nach dem Mauerfall arbeitete er für die Zeitschrift NBI, die dann "Extra" hieß, eine Zeit lang als freier Autor und dann für eine Illustrierte namens "Tango"; 1996 begann er als Reporter der Berliner Zeitung, für die er weit über 300, meist größere Texte schrieb.Wolfgang Kohrt hielt auf Distanz. Das entsprach seinem Naturell, das von einem tiefen Ernst geprägt war. Er hatte keine gute Meinung von der Entwicklung der Welt. So schützte er sich vor Enttäuschungen. Skepsis war sein leitender Instinkt. Aber manchmal trat er aus seinem Kokon der Traurigkeit und Melancholie heraus und überraschte mit scharfem Witz. Über Privates redete er so gut wie nie. Auf Festen hielt er sich nur so lange auf, wie es die Höflichkeit gebot und entfernte sich still. Er lebte, soweit wir es wissen, zurückgezogen, begleitet von Büchern.Anfang dieses Jahres wurde bei ihm ein Hirntumor entdeckt. Eine Operation war nicht möglich. Alternative, aufschiebende Behandlungen nahm er mit Souveränität auf sich. Obwohl ihm bereits viele Erinnerungen entglitten, war er sich der ablaufenden Zeit bewusst und traf, zusammen mit seinen beiden Söhnen, notwendige Vorkehrungen.Die letzten Monate lebte er in einem Hospiz an der Bernauer Straße. Vom seinem Fenster aus konnte er in weiter Ferne den Fernsehturm sehen und daneben das Haus, in dem er als Redakteur so lange gearbeitet hatte. Dieser Blick gefiel ihm. Aber er versank immer tiefer, immer unerreichbarer in seiner eigenen Welt. Er war zuletzt ganz dünn geworden und trug immer eine Mütze. Auch in dieser Nacht zum 20. August. Da starb Wolfgang Kohrt im Alter von nur 58 Jahren.------------------------------Foto: Wolfgang Kohrt (1950 - 2008) war Reporter der Berliner Zeitung.