OSAKA. Den Tag danach begann Robert Harting mit einem Bier. Klingt komisch für einen Leistungssportler, aber man sollte ihm das durchgehen lassen. Zumal es in der Nacht zuvor, in der Harting, Diskuswerfer vom SC Charlottenburg, die Silbermedaille gewonnen hatte, ja doch nichts wurde mit einer großen Fete. Nur ein Glas "Männermilch mit Schaum" trank er mit seinem Trainer Werner Goldmann. Und damit musste er wohl auch den Nachgeschmack des Wettkampfes herunterspülen.Denn Robert Harting hatte, noch bevor er sich im Nagai Stadium aus Begeisterung sein Trikot zerriss, einfach mal gekostet, wie so eine Startnummer schmeckt. Der Papierfetzen mit der Nummer 635 war kein kulinarischer Genuss, soviel steht fest. "Geschmeckt hat's nicht wirklich", sagte Harting, "ich habe es gleich wieder rausbefördert." Ordentliche Sojasoße, man ist ja in Japan, hätte nicht geholfen. Harting mag keine Sojasoßen.Harting mag aber natürlich Medaillen. Sein Coup von Osaka dürfte der Anfang einer langen Serie gewesen sein. DLV-Generalsekretär Frank Hensel nannte den gebürtigen Cottbuser einen "Rohdiamanten". Er könne bis 2020 die Szene mitbestimmen: "Wenn er gesund bleibt und sich als Persönlichkeit entwickelt." Nimmt man Hartings Reaktionen in Osaka zum Maßstab, sollte sich niemand sorgen, dass der 22-Jährige, dem das Image eines Raufboldes anhaftet, vom rechten Weg abkommt. Er hat den Streit mit dem deutschen Verband wegen der Nichtberücksichtigung seines Trainers nicht weiter befördert. Er hat sich souverän verhalten."Ich glaube nicht, dass es was bringt, wenn man sich weiter streitet", sagte Robert Harting. Hensel und DLV-Vizepräsident Eike Emrich deuteten an, dass eine vernünftige Lösung gefunden sei. Die Reisekosten von Trainer Werner Goldmann werden wohl übernommen. "Wenn wir von den Athleten fordern, dass sie sich unter widrigen Umständen durchsetzen, müssen wir auch akzeptieren, dass sie widerspenstig sind und ihre Meinung sagen", erklärte Emrich.Harting hat am Mittwoch viele vernünftige Sachen gesagt, die mancher ihm nicht zugetraut hätte, nach dem, was so alles über ihn zu lesen war. In etlichen Variationen wiederholte er beispielsweise den Satz: "Nur nicht übertreiben, es gibt auch wieder schlechte Zeiten." Über diese kann er wahrlich eine Menge erzählen: Er hat fast so viele Verletzungen hinter sich wie Lebensjahre. Was sich Harting dennoch nicht verkneifen konnte, waren ein paar Spitzen in Richtung des Weltrekordlers Jürgen Schult (Bundestrainer Wurf), von dem er zu seinem alten Trainer Goldmann (Bundestrainer Diskus/Kugel) geflüchtet war. Es muss viel vorgefallen sein zwischen Schult und Harting, Freunde werden sie wohl nie. Zwar schickte ihm Schult eine SMS nach dem WM-Wettbewerb, doch Harting stichelte: "Das war so ziemlich das Einzige, was wir in diesem Jahr gesprochen haben. Jetzt ärgert er sich wahrscheinlich. Dass er mir das nicht gönnt, das spüre ich ja."Harting sprach dann über seinen Traum, eines Tages 74,09 Meter zu werfen. "Das wäre es. Genau!" Dazu muss man wissen, dass Jürgen Schult seit Juni 1986 den Weltrekord hält - mit 74,08 Metern. Dass dieser Rekord unter anderen Bedingungen erzielt wurde, als heute herrschen, das weiß auch Robert Harting. Damals, in der DDR, war nach Aktenlage ja auch sein Berliner Trainer Werner Goldmann in das Dopingsystem involviert. Goldmann betreute unter anderem den Kugelstoß-Olympiasieger Ulf Timmermann und die Diskuswerferin Irina Meszynski, er wurde von einer anderen Werferin gegenüber der Staatsanwaltschaft belastet. Doch letztlich wurden die Ermittlungen gegen Goldmann wegen Minderjährigendopings Ende der Neunziger Jahre eingestellt. Er durfte weiter DLV-Trainer bleiben. "Das betraf dreizehn oder vierzehn unserer Trainer", erinnert sich Generalsekretär Frank Hensel.Harting kennt diese Geschichten. Im Prinzip. "Ich frage da aber nicht nach. Das geht mich nichts an", sagt er. "Doping? Ich bin davon nicht betroffen. Kein Thema für mich." Mit Goldmann, der seit kurzem auch seinen 17 Jahre alten Bruder Christoph betreut, habe er nie über diese Zeiten gesprochen. Er wolle keine alten Wunden aufreißen. "Die haben es doch damals alle gemacht, in Deutschland und in Amerika. Wenn man die Leute fragt, sind sie sich keiner Schuld bewusst", sagt Harting. Da lässt er die Vergangenheit lieber Vergangenheit sein und arrangiert sich mit der Gegenwart. "Man würde nur etwas aufwühlen, was damals normal war. Damit wäre keinem geholfen."------------------------------"Nur nicht übertreiben, es gibt auch wieder schlechte Zeiten." Robert Harting------------------------------Foto: Scheibchenspieler: Robert Harting.

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