Fast 19 Jahre hat Einstein in Berlin gelebt, von Ende März 1914 bis Mitte Dezember 1932. Die letzten Wochen verbrachte er in seinem Sommerhaus in Caputh und auf dem Schwielowsee. "Albert segelt noch täglich", berichtete seine zweite Frau Elsa am 29. September. "Es ist, als müsse er sich noch vollsaugen und vollpfropfen mit dieser Lust."Zum dritten Mal übernahm Einstein für das Wintersemester eine Forschungsprofessur am California Institute of Technology in Pasadena. In den beiden Vorjahren hatten die Einsteins ihren Haushalt im Oktober von Caputh in die Stadt zurückverlegt, wo sie in der Haberlandstraße im Bayerischen Viertel eine große Mietwohnung besaßen. Jetzt blieben sie bis zum letzten Tag draußen. Am 10. Dezember holte sie ein Freund mit dem Auto ab und brachte sie zum Lehrter Bahnhof. In Bremen gingen die beiden Einsteins an Bord der "Deutschland".In Pasadena erfuhren sie Ende Januar 1933 von der Machtergreifung Hitlers. Die Nachrichten aus Deutschland bestätigten die schlimmsten Befürchtungen. Durch das Ermächtigungsgesetz erhielt Hitler, scheinbar legal, diktatorische Vollmachten. Die SA machte Jagd auf Juden und politische Gegner. Einstein verurteilte diese "Akte brutaler Gewalt und Unterdrückung" und gab bekannt, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückkehren werde.Er trat dennoch die Rückreise an, doch sie führte nur bis Antwerpen. König Albert I von Belgien stellte Einstein und seiner Frau am Strand von Le Coq ein kleines Ferienhaus zur Verfügung. Anfang April fuhr der Physiker nach Brüssel und gab in der deutschen Botschaft seinen Reisepass zurück. Damit verzichtete er auf die deutsche Staatsangehörigkeit. Bereits am 28. März, noch vom Schiff aus, hatte er seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften erklärt. Ihr hatte er 19 Jahre angehört.Der Reichskommissar im Preußischen Kultusministerium forderte von der Akademie ultimativ eine Stellungnahme. An der Spitze der Akademie standen damals vier so genannte Klassensekretare. Nur ein einziger war anwesend, der die gewünschte Erklärung abgab. Sie enthielt die empörende Feststellung, dass die Akademie keinen Anlass habe, "den Austritt Einsteins zu bedauern". Als Einsteins Akademie-Kollege Max von Laue davon in der Zeitung las, verlangte er eine Sondersitzung. Diese wurde zum Fiasko. Die Mitglieder der Akademie billigten ausdrücklich die beschämende Erklärung gegen Einstein und formulierten neue Vorwürfe. Er hätte im Ausland ein "Zeugnis für das deutsche Volk" - gemeint war ein Zeugnis für Adolf Hitler - ablegen müssen.Als Einsteins Physiker-Kollege Philipp Frank zu Besuch nach Le Coq kam, erklärte ihm Einstein, dass er seinen Austritt auch als psychische Befreiung betrachte. Frau Elsa mochte das nicht hören. "Du hast mir oft gesagt, wenn du vom physikalischen Kolloquium nach Hause kamst, dass man eine solche Zusammenstellung von ausgezeichneten Physikern wohl nirgends in der Welt finden wird." "Ja", erwiderte Einstein, "vom rein wissenschaftlichen Standpunkt war das Leben in Berlin wirklich oft sehr schön. Aber ich habe lange ein böses Ende vorhergeahnt."In den folgenden Wochen fand Einstein sein hartes Urteil bestätigt. Das Sommerhaus in Caputh wurde enteignet, obwohl nicht er als Eigentümer eingetragen war, sondern seine beiden Stieftöchter. Beschlagnahmt wurden auch sein Segelschiff und die Bankkonten. Die Möbel aus der Berliner Stadtwohnung konnten nach Amerika gebracht werden, allerdings nur "unter großen Komplikationen und ungeheuren Geldopfern", wie Frau Elsa klagte.In Deutschland zurückgeblieben waren seine Sekretärin, seine Stieftochter Ilse und das Hausmädchen. Als die drei Frauen die Wohnungseinrichtung für den Transport verpackten, läuteten fünf oder sechs SA-Männer an der Wohnungstür. Nach einem Erlass des preußischen Innenministers Hermann Göring fungierte die SA als Hilfspolizei. Stieftochter Ilse musste ihnen die Schränke aufsperren, dann wurden die drei Frauen in die Bibliothek gesetzt. "Erst hörten wir sie rumlaufen, dann wurde es still", erzählte das Hausmädchen später. Als sie die Tür zum Gang öffneten, sahen die Frauen sofort, was geschehen war. Die bereits zusammengerollten Teppiche waren verschwunden. Auch viele Bilder fehlten, das Silber und Teile der Garderobe. Der Portier berichtete, dass die SA-Männer mit einem Lastwagen weggefahren seien. Auf dem Polizeirevier zeigten die Beamten ein auffallend geringes Interesse, die Anzeige aufzunehmen. Juden waren rechtlos.Als er 1933 emigrierte, hatte Einstein seine schöpferischen Jahre schon hinter sich. Trotzdem rissen sich akademische Institutionen in der ganzen Welt um ihn. "Ich komme mir nun bald vor wie eine Reliquie in einer Stiftskirche", scherzte er. "Man kann mit dem alten Knochen nichts anfangen, aber haben will man ihn doch." Er nahm eine neue Stellung am Institute for Advanced Study in Princeton an, dem Universitätsstädtchen südwestlich von New York.Die Vertreibung Einsteins war nur der Auftakt. In den folgenden Monaten wurden alle jüdischen Professoren aus ihren Stellungen entlassen. Der Aderlass für die deutsche Wissenschaft war verheerend. Einsteins Umzug wurde symbolisch verstanden: "Der Papst der Physik verlegt seinen Sitz in die Neue Welt", sagte damals sein französischer Kollege Paul Langevin. Das Goldene Zeitalter der deutschen Physik war zu Ende, und die Vereinigten Staaten übernahmen die Führung.Die Einsteins erwarben in Princeton ein altes Haus im Kolonialstil und ließen es umbauen. Gerade als Max von Laue im Oktober 1935 zu Besuch kam, trafen die Möbel und die große Bibliothek aus Berlin ein. Elsa war der Aufregung nicht gewachsen. Sie starb Ende des Jahres 1936 an Nieren- und Herzinsuffizienz und wurde in der Lokalzeitung als Einsteins "Begleiter, Beschützer und Mentor" gewürdigt. Elsas letzte Jahre waren überschattet von dem Gedanken, dass nach ihrem Tod ihr Albert eine andere Frau zu sich nehmen würde. Es kam aber nur Einsteins Schwester Maja. Mit ihr verstand er sich viel besser als mit seinen beiden Frauen.Dass ihm in der Physik nicht mehr viel gelang, war Einstein bewusst. Er müsse sich damit trösten, sagte er zu Maja, dass das Hauptsächlichste, was er gemacht habe, "zu dem selbstverständlichen Bestande unserer Wissenschaft" gehöre. Dafür fiel ihm eine neue politische Aufgabe zu: der Kampf gegen den Nationalsozialismus. Wie nur wenige hatte er verstanden, dass gegen das Dritte Reich nur militärische Stärke und politische Festigkeit am Platz war. Gehemmt waren Einsteins Aktivitäten durch die Tatsache, dass er nie richtig Englisch lernte. Mit den Physikern konnte er sich unterhalten, aber wenn es um politische Statements ging, musste er sich seine Texte übersetzen lassen.Im Sommer 1939 erfuhr Einstein von der Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Strassmann. Die ungarischen Physiker Leo Szilard und Eugene Wigner, die er von Berlin her kannte, veranlassten ihn zu seinem berühmten Brief an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. In dem Schreiben vom 2. August 1939 gab Einstein zwei Empfehlungen: die aus dem Kongo stammenden und in Belgien lagernden Uranvorräte sicherzustellen und die einschlägigen Forschungen anlaufen zu lassen. Es dauerte dann aber noch zwei Jahre, bis die Arbeiten wirklich begannen.An den Arbeiten im atomaren Großforschungszentrum in Los Alamos hat sich Einstein nicht beteiligt. Als der Zweite Weltkrieg mit der Explosion der beiden amerikanischen Atombomben über Hiroshima und Nagasaki zu Ende ging, erhoben sich dort Vorwürfe gegen ihn. Auf den bitteren Brief eines japanischen Chefredakteurs hat Einstein erklärt, er sei sich der furchtbaren Gefahr durchaus bewusst gewesen. "Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Deutschen am selben Problem mit Aussicht auf Erfolg arbeiteten, hat mich zu diesem Schritt gezwungen", schrieb er.Einstein hat alles getan, um das atomare Wettrüsten der Großmächte zu verhindern und er wollte die neue Energie nur zum Segen der Menschheit genutzt sehen. Das war sein großes Anliegen in den letzten Jahren seines Lebens. Fast 22 Jahre hat Einstein in Princeton gelebt, vier Jahre länger als in Berlin. Der große Physiker und Weltweise starb am 18. April 1955 im Alter von 76 Jahren.------------------------------Kein Zurück // Im Dezember 1932 reist Albert Einstein mit seiner Frau Elsa nach Kalifornien. Dort soll er für drei Monate eine Gastprofessur übernehmen.Am 10. März 1933, nur wenige Wochen nach Hitlers Machtergreifung, erklärt Einstein öffentlich, dass er nicht nach Deutschland zurückkehren werde. Er reist aber nach Europa und bleibt einige Wochen in Belgien.Am 28. März 1933 tritt Einstein aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften aus. Er besucht Zürich und hält eine Vorlesung in Oxford, bevor er wieder in die USA reist.Am 17. Oktober 1933 erreicht Einstein New York. Er tritt eine Stelle in Princeton an. Dort lebt er bis zu seinem Tod am 18. April 1955. Nach Deutschland kehrt er nicht wieder zurück. (amd.)------------------------------Foto: Albert Einstein leistete am 1. Oktober 1940 gemeinsam mit seiner Stieftochter Margot den Eid auf die US-amerikanische Verfassung.