Annika studiert seit zwei Semestern in Dunkeldeutschland. Mit diesem Begriff bezeichnen einige ihrer Freunde den östlichen Teil Deutschlands. Dass es dort immer noch keine Bananen zu kaufen gibt und jeder zweite Bürger rechts angehaucht ist, scheint in vielen jungen Wessi-Köpfen fest verankert zu sein.Aussagen, wie etwa "du musst vom Osten in den Westen abhauen und nicht andersrum", ist die junge Studentin bereits gewohnt. Dies hat sie jedoch nicht davon abgehalten, Familie und Freunde in Frankfurt am Main zurückzulassen und einfach "rüberzumachen". Obwohl die heutige Studentengeneration den Großteil ihres Lebens im vereinten Deutschland verbracht hat, nutzt kaum jemand die Gelegenheit, zum Studieren in den Osten zu gehen. "In meinem Freundeskreis herrscht bei vielen eine große Abneigung gegenüber dem Osten", sagt Annika. Während man gegen den Studentenandrang im Westen kaum ankommt, bleiben die Hörsäle im Osten somit weiterhin leer.Dabei lassen sich die Hochschulen in den neuen Bundesländern bereits einiges einfallen, um neue Studenten anzulocken. Mit Begrüßungsgeschenken und Werbekampagnen sollen Abiturienten geködert werden. Es scheint, als seien dabei alle Mittel recht. So bekommen Erstsemester der Universität Potsdam beispielsweise die BahnCard 50 für ein Jahr geschenkt. Alle Studienanfänger, die ihre Hochschulzugangsberechtigung in anderen Bundesländern als Berlin und Brandenburg erworben haben können dieses Angebot nutzen. Aber es geht noch besser: Die Universität Greifswald verlost unter dem Motto "Zwischen Strand und Audimax" unter allen Neustudenten, die ihren Hauptwohnsitz in der Hansestadt Greifswald anmelden, 40 Segeltörns auf dem stadteigenen Segelschulschiff "Greif".Alles gut durchdacht .Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) setzt noch eins drauf und baut ihre im letzten Jahr gestartete groß angelegte Werbekampagne weiter aus. "Sei klug und studier in Halle", lautet der Slogan der größten Hochschule Sachsen-Anhalts, der vor allem auf studieninteressierte junge Menschen aus westlichen Bundesländern zielt. Großflächige Plakate in insgesamt elf deutschen Großstädten sollen neben einem Werbespot, der in mehr als 200 Kinos läuft, den Bekanntheitsgrad der Universität steigern. Wer sich dazu entschließt, in Halle zu studieren, darf sich außerdem auf ein besonderes Begrüßungsgeschenk freuen, die "Welcome Bags". Die Präsentationsmappen mit Druckverschluss sind mit einer Panoramaansicht des halleschen Universitätsplatzes bedruckt und beinhalten neben hilfreichem Informationsmaterial, Gummibärchen und Aufklebern unter anderem auch Gutscheinhefte mit Vergünstigungen auf Bücher, Kleidung, Geräte oder Eintrittskarten im Wert von 111 Euro.Auch Annika hat bei ihrer Einschreibung eine solche Mappe erhalten. Sie hat sich bewusst für ein Medizinstudium in Sachsen-Anhalt entschieden. Halle an der Saale, die Stadt, die bereits zum dritten Mal den weniger glanzvollen Titel "hässlichste Stadt Deutschlands" errungen hat, nennt sie nun ihre neue Heimat. "Die Stadt ist mir persönlich zu klein und gefällt mir auch nicht besonders", wendet die Medizinstudentin zwar ein, dennoch bereut sie ihre Entscheidung nicht. Es geht ihr in erster Linie um die Qualität der Lehre und die Ausstattung der Hochschule.Die MLU zeichnet sich durch gute Studienbedingungen aus. "Die Uni ist nicht zu überfüllt und insgesamt sehr gut organisiert. Von der Raumverteilung bis hin zum Vortrag der Professoren ist hier alles genau durchdacht, und das Schöne ist: Es funktioniert sogar. Davon können Studenten in Frankfurt am Main oft nur träumen", schwärmt die angehende Medizinerin. Natürlich findet sie Städte wie Leipzig oder Dresden um einiges attraktiver als Halle, aber weil sie sich hauptsächlich auf ihr Studium konzentrieren will, waren diese Faktoren für sie zweitrangig. "Wenn ich in einer schönen Stadt einkaufen oder abends mal richtig schön ausgehen will, setze ich mich einfach in den Zug und bin nach etwa 30 Minuten schon in Leipzig", sagt die 24-Jährige.Dass sie sich freiwillig dazu entschlossen hat, ihre Studentenzeit in Halle zu verbringen, können dennoch viele ihrer Freunde nicht nachvollziehen. "Falsche Aufklärung und einseitige Medienberichte könnten Gründe für die Abneigung Jugendlicher gegenüber den neuen Bundesländern sein", meint die Studentin. Zahlreiche Berichte über Rechtsradikalismus im Osten lassen ein falsches Bild entstehen. Häufig wird auch angenommen, der Osten sei in seiner Entwicklung gegenüber dem Westen weit zurück. Dabei sind es gerade die neuen Bundesländer, die mit ihren Hochschulen in den Rankings des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) besonders gut abschneiden, offenbar nicht zuletzt dank des Förderprogramms des Bundes, mit dem Hochschulen und Forschungsinstitute in Ostdeutschland gestärkt werden sollen.Was die Ausstattung der Hochschulen betrifft, belegen Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen vordere Plätze und bekommen etwa im Bereich der Bibliotheks- und Laborausstattung regelmäßig gute Beurteilungen. Moderne Hörsäle, Computerpools mit neuestem Standard und sanierte Gebäude kommen dem Studium zugute. Auch die Medizinstudentin Annika profitiert davon. Die Universität Halle-Wittenberg hat unter anderem wegen des vor einigen Jahren neu entstandenen Uni-Klinikums einen sehr guten Ruf.Hinzu kommt: Die Lebenshaltungskosten sind in den neuen Bundesländern um knapp ein Drittel niedriger als im westlichen Teil Deutschlands. Vor allem von den günstigen Mieten können Studenten in Heidelberg, Stuttgart oder München nur träumen. Auch Annika hat eine, wie sie sagt, "spottbillige" Wohnung in zentraler Lage gefunden. Im Westen hätte sie sich von ihrem Budget nur ein kleines WG-Zimmer leisten können. In Halle war es ihr hingegen möglich, eine eigene große Wohnung zu beziehen. "Meine Freunde wundern sich, wenn sie sehen, dass man hier so gut und günstig leben kann, weil sie doch meist mit vielen negativen Vorstellungen zu Besuch nach Halle kommen", sagt sie.. und vor allem: gebührenfreiDabei hat ein Studium im Osten noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern werden keine Studiengebühren verlangt. In Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen fallen nur für Langzeitstudenten oder ein Zweitstudium Gebühren an. Angesichts der vielen Vorzüge ist es fast unerklärlich, warum nicht mehr junge Menschen Annikas Beispiel folgen und "rübermachen". Vielleicht wird es Zeit, dass in den Köpfen ein Licht angeht, denn auch der Osten Deutschlands ist schon längst alles andere als dunkel.------------------------------Von der BahnCard bis zum SegeltörnUniversität Potsdam: Erstsemester, die nicht aus Berlin und Brandenburg kommen, erhalten für ein Jahr eine kostenfreie BahnCard 50 der 2. Klasse. Damit sollen auch weit entfernt wohnende Studieninteressierte ermutigt werden, ein Studium in Potsdam aufzunehmen (www.uni-potsdam.de/studieren/bahncard50.html).Universität Greifswald: Studenten mit Erstwohnsitz in Greifswald bekommen einen Kultur- und Sozialpass und zudem eine einmalige Aufwandsentschädigung von 150 Euro, wenn sie den Wohnsitz zwei Jahre ununterbrochen in Greifswald beibehalten. Greifswald verlost außerdem 40 Mitsegelberechtigungen für einen Tagestörn auf der Schonerbrigg Greif (www.uni-greifswald.de/studieren/studienberatung/tipps/beihilfen/erstwohnsitz.html).Universität Halle-Wittenberg: Es gibt "Student Welcome Bags" mit Informationsmaterial und Gutscheinen für Bücher, Kleidung, Geräte oder Eintrittskarten im Wert von 111 Euro (www.studier-in-halle.de/studieren/cms/front_content.php?idcat=57).Technische Universität Dresden: Studenten mit Hauptwohnsitz in Dresden erhalten eine Umzugsbeihilfe in Höhe von 150 Euro (www.dresden.de/media/pdf/infoblaetter/Handzettel_Umzugsbeihilfe.pdf).Technische Universität Chemnitz: Studenten mit Hauptwohnsitz in Chemnitz bekommen ihren Semesterbeitrag anteilig mit jeweils 31 Euro durch die Stadt erstattet (www.tu-chemnitz.de/tu/presse/dateien/2/1744).Technische Universität Cottbus: Um auch Studierende mit Familienwunsch anzuziehen, bietet die BTU Cottbus für neugeborene Kinder von Studenten ein Begrüßungsgeld von 100 Euro. Zur Erleichterung eines Studiums mit Kind gibt es kindgerechte Wohnheimzimmer, eine kinderfreundliche Mensa, Eltern-Kind-Zimmer und Beratungsangebote (www.tu-cottbus.de oder www.stura-cottbus.de).------------------------------Foto: Vertraulichkeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), einer der begehrtesten Hochschulen - sogar mit schönen Treppen.