BERLIN, 15. Juni. Es waren keine freundlichen Worte, die Jörg Hoffmann auf dem Weg zur Siegerehrung dem Mann neben ihm zuflüsterte. "Er hat gesagt, ich sei schuld", berichtete Männer-Bundestrainer Manfred Thiesmann. Schuld daran, dass Favorit Hoffmann am Donnerstag Zweiter über 1 500 Meter Freistil wurde, hinter Heiko Hell (Elmshorn). Schuld vor allen Dingen, dass Hoffmann die Normzeit für seine vierte Olympia-Teilnahme deutlich verpasste.Schlecht kombinierbarDer Potsdamer zieh Thiesmann, dass seine Lieblingsstrecke bei den deutschen Meisterschaften in Berlin gleich am ersten Tag auf dem Programm stand, keine Zeit zum Eingewöhnen, schlecht kombinierbar mit den 200 Metern am Freitag. "Man kann bei so einem Wettkampf nur verlieren", grollte Hoffmann. Denn deutscher Meister, was ist das schon für ihn, der diesen Titel bereits 13-mal sein Eigen nennt? Weltmeister war er schon auf dieser Strecke, 1991 in Perth hatte er Lokalmatador Kieren Perkins Gold weggeschnappt. Einen ähnlichen Coup traut sich der 30-Jährige bei Olympia in Sydney erneut zu, obwohl Perkins inzwischen in Grant Hackett einen überragenden Konkurrenten im eigenen Land hat. "Perkins ist der Angstgegner von Hackett. Wenn es mir gelingt, sie gegeneinander auszuspielen, ist alles drin", sagt sich Hoffmann.Um mit seinen Kontrahenten die taktischen Spielchen zu treiben, die er so an der langen Strecke liebt, muss Hoffmann sich jedoch erst einmal qualifizieren. Doch was Bundestrainer Thiesmann da im Pool an der Landsberger Allee gesehen hatte, gefiel ihm gar nicht: "Das war schwer, das war nicht rund, irgendetwas war los." Der Athlet selbst hatte gleich eine ganze Reihe von Erklärungen anzubieten. Erstens der neue Schwimmanzug: "Der war an den Knien viel zu eng. Schon nach 200 Metern habe ich Krämpfe bekommen." Zweitens die Mitschwimmer: "400 Meter lang musste ich das Tempo machen. Dann ist der Hell los und ich wusste nicht, ob der durchhält." Drittens, siehe oben, die Wettkampfplanung: "Mein Rhythmus ist einfach ein anderer. Ich brauche erst ein Rennen, das alles aktiviert."Dabei hätten die Plakate, die die Meisterschaft in der Stadt ankündigen, wenigstens für einen Adrenalinstoß gut sein können. Nur mit Badehose und Schwimmbrille bekleidet, kunstvoll in blaues Licht getaucht, springt Jörg Hoffmann derzeit die Spaziergänger an. Dass der große alte Mann der Langstrecke Besucher locken soll, darf als Hommage an seine Karriere gewertet werden. Hoffmann zeigt auf dem Foto seinen bärigen Körper (1,97 Meter, 97 Kilogramm) - und natürlich lächelt er nicht. Er blickt streng, vielleicht konzentriert, immerhin nicht missmutig. Denn zum Showman hat er noch nie getaugt. Was wurde Hoffmann nach seinem WM-Titel nicht alles vorhergesagt, Ruhm, Geld, Millionenverträge. Der Thron des Offenbachers Michael Groß wurde vakant, doch einer wie Hoffmann taugte nicht dazu, ihn zu besteigen. Oder besser: hinaufgehoben zu werden. Denn das ist der Job der Medien. Die aber kann Hoffmann, dem Smalltalk verhasst ist, nicht gut leiden. Oft fühlt er sich missverstanden, missinterpretiert. Lieber macht der Einzelgänger die Dinge mit sich alleine aus. Und kommt dabei bisweilen zu überraschenden Einsichten.Doping für drei WochenSo deckte er jahrelang seinen ehemaligen Trainer Lutz Wanja, seinen inzwischen wegen Dopens verurteilten Sportarzt Jochen Neubauer, um dann in einem Interview im Oktober 1997 zu bekennen: Auch ich wurde gedopt. Drei Wochen lang habe er 1988 in einem Trainingslager in Mexiko die berühmten blauen Pillen, das männliche Sexualhormon Oral-Turinabol bekommen. Danach will er sich verweigert haben. Warum er damit an die Öffentlichkeit ging, begründete er in Hoffmann scher Nonchalance: "Es stresst mich einfach, immer zu lügen. Das habe ich sieben Jahre lang gemacht. Es hat keinen Zweck. Im Osten stecken viele zusammen. Der Schaden wird immer größer." Inzwischen bereitet sich Hoffman weitgehend alleine vor, manchmal schließt er sich der Trainingsgruppe der Hamburger Sprinterin Sandra Völker an. Nach zwei Jahren Konzentration auf das Studium der Forstwirtschaft absolviert er nun ein Praktikum, das ihm Zeit zum Training lässt. Für das letzte große sportliche Ziel. Wenigstens hat Hoffmann eine zweite Chance: Er muss bei der Europameisterschaft in zwei Wochen in Helsinki die Normzeit unterbieten. Da gelten dann keine Ausreden mehr.CAMERA 4 1,97 m lang, 97 kg schwer, bäriger Körper, kein Lächeln: Jörg Hoffmann.