FRIEDRICHSHAIN Seit zwei Tagen fährt die Straßenbahnlinie 20 wieder zwischen Warschauer Straße und Landsberger Allee. Kritik des Fahrgastverbandes: schlechtes Umsteigen und zu kleine Wartehäuschen. Die Berliner Zeitung begab sich gestern in den Morgenverkehr.Es ist acht Uhr. Die Meteorologen haben Schnee vorausgesagt und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Es scheint, als wären es minus 10 Grad. Ein eisiger Wind bläst die letzten Blätter von den Bäumen, kleine Flocken fallen vom Himmel. An der nur 1,50 Meter breiten Straßenbahnhaltestelle am U-Bahnhof Rathaus Friedrichshain sieht der Auszubildende Patrick Werk nur noch die Rücklichter der Tram mit der Nummer 20. Pech für ihn - jetzt heißt es warten. Eisiger Luftzug Der 19jährige zieht den Schal weit über die Nase. "Hier sollte so ein Bushäuschen stehen", beklagt er sich, während ein vorbeifahrender Laster einen eisigen Luftzug herüberschickt. Das winkelförmige schmale Gebäude ohne Seitenbegrenzung, unter dem der junge Mann steht, sieht einem Wartehäuschen nicht ähnlich und bietet auch keinen Schutz. Von allen Seiten pfeift der Wind herein. Auf der anderen Straßenseite hält gerade eine Straßenbahn. Wer jetzt zum U-Bahnhof Rathaus Friedrichshain laufen will, muß einen Umweg in Kauf nehmen: Erst in Fahrtrichtung weiterlaufen und dann doch wieder zurück. Es sei denn, jemand klettert über das Geländer, das die Haltestelle von der Straße trennt. "Haarsträubend" "Ein Schildbürgerstreich", findet der Berliner Fahrgastverband (IDEB). Obwohl mehrere Straßenbahnhaltestellen neu gestaltet worden seien, wären die "Belange der Fahrgäste in haarsträubender Weise" ignoriert worden. Dabei von "behindertengerecht" zu sprechen, könne nur noch "als zynisch" bezeichnet werden.Azubi Werk kann endlich in der Ferne die nächste Bahn in Richtung Landsberger Allee zu erkennen. Doch wegen der Ampeln dauert es noch eine Weile, bis sie da ist. Wenigstens ist es drinnen warm. Die Leute in der Bahn scheinen zufrieden. Die steht dafür erst einmal fast eine Minute an der Kreuzung zur Karl-Marx-Allee. Das Signal zeigt auf Halt. Dann geht es zügig weiter. An der neuen und sehr breiten Haltestelle am Bersarinplatz stehen bibbernde Menschen in der Kälte. Ein Häuschen fehlt hier völlig. Wieder muß dann die Bahn stoppen - wieder eine Ampel.Monika Jertschat schiebt einen Zwillings-Sportwagen in die Bahn. "Ich bin froh, daß die Bahn wieder fährt", sagt sie. Täglich müsse sie diese Strecke entlang, um dann am Sport- und Erholungszentrum umzusteigen. "Da muß ich den Wagen oft zusammenklappen. Diese Niederflur-Bahn ist total prima." An der Kreuzung Petersburger / Ecke Landsberger Allee steht die Bahn wieder lange. Sie hat das Fahr-Signal verpaßt - es war genau fünf Sekunden zu sehen. Am SEZ warten eine Handvoll Leute in Richtung Warschauer Straße. "Die Häuschen hier könn'se vergessen", mault eine Frau. Ein Mann schaut ein bißchen neidisch auf die Autos. Die Leute da drin haben es gut - sie sitzen im Warmen. Dafür stehen sie aber im Stau. +++