Richard von Weizsäcker schaut auf die leeren Gläser in den Händen seiner Gäste. Nichts zu trinken im Schloß Bellevue? Vor einiger Zeit ist ein Kellner mit Mineralwasser und Obstsäften herumgegangen. Aber nun scheint der Nachschub zu stokken. Er müsse eben aufpassen, scherzt der Gastgeber, daß er seinem Nachfolger keinen leeren Keller hinterlasse.Drei Tage vor Ende seiner Amtszeit hat der Bundespräsident noch einmal Journalisten, Mitglieder des Berliner Presse Clubs, zum Meinungsaustausch eingeladen. Der Vorsitzende würdigt den Staatsmann und Philosophen und fragt, ob der "bewunderte Meister des Wortes" die Ehrenmitgliedschaft annehmen würde. Damit man den Dialog auch künftig fortsetzen könne. Lächelnd stimmt Weizsäcker zu.Wenig PersönlichesAbschiedsstimmung im Präsidialamt. Ein Lebewohl auf Raten. Am Montag war das scheidende Staatsoberhaupt zum letzten Mal in der Villa Hammerschmidt, seinem Bonner Amtssitz. Spätabends hat ihn dann im Scheine von Fackeln das Stabsmusikkorps der Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich geehrt.Für heute abend hat Weizsäcker "die Amtsinhaber der Verfassungsorgane" zu einem Abschiedsessen ins Bellevue gebeten. Rund 60 Personen, unter ihnen der Bundeskanzler, die Bundestagspräsidentin, die Regierungschefs der Länder. Und Roman Herzog, seinen Nachfolger, den er als Präsident des Bundesverfassungsgerichts zuvor noch förmlich entlassen muß.Von Wehmut ist in diesen Tagen wenig zu spüren. Nicht nur deshalb, weil Weizsäcker, dieser preußisch geprägte, zuweilen pedantische Anstrokrat, persönliche Emotionen ungern preisgibt. Für den 74jahrigen ist der Wechsel ein "normaler demokratischer Vorgang". Und überdies, so hat er kürzlich gesagt, seien zehn Jahre genug.Demonstrativer AusflugWarschau, Schloß Beiweder, am Sonnabend letzter Woche: Vor dem Portal stehen zwei Offiziere mit präsentiertem Degen. Präsident Lech Walesa empfängt den scheidenden deutschen Amtskollegen. "In meinem Land gelten sie als Freund Polens", sagt der Hausherr. Er wolle nur einen persönlichen und freundschaftlichen Abschieds-Besuch machen, entgegnet Weizsäcker. "Und mich dafür entschuldigen, daß ich Ihr Wochenende durcheinanderbringe."Der kurze Ausflug an die Weichsel, Weizsäckers letzte offizielle Auslandsreise, Ist eine Geste. Die polnische Freiheitsbewegung habe das Signal für den Aufbruch der osteuropäischen Völker zu neuen Ufern gegeben, sagt der Bundespräsident am gleichen Tag bei einem Seminar. Und es sei das polnische Volk gewesen, das eine entscheidende Voraussetzung für die staatliche hnheit Deutschlands geschaffen habe. "Gerade weil wir uns der grausamen Lasten der Geschichte bewußt sind, bleiben wir Polen stets dankbar."Seit mehr als drei Jahrzehnten liegen Weizsäcker die Beziehungen zum östlichen Nachbarland "ganz besonders am Herzen". Er unterstützte das "Tübinger Memorandum", in dem eine Gruppe evangelischer Wissenschaftler 1961 erstmals öffentlich die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze verlangte. Er setzte sich als Christdemokrat für den von der SPD/FDP-Regierung ausgehandelten Warschauer Vertrag einUnbemerkt am EingangUnd als er wegen starker Bedenken in der Union am 1. September 1989, 50 Jahre nach dem Überfall der Deutschen, nicht nach Warschau reisen konnte, revanchierte er sich bei seiner Partei mit deutlichen Worten über die Notwendigkeit der Versöhnung. Das klang etlichen Parteifreunden nicht gerade angenehm in den Ohren. Aber beirren ließ er sich nicht: "Ich habe immer mehr vom Brückenbauen als vom Gräbenziehen gehalten."49 Staatsbesuche hat der Bundespräsident seit 1984 absolviert. Dazu 56 sonstige Auslands-Visiten. Mehr als jeder Amtsinhaber vor ihm. Immer darum bemüht, bei anderen Völkern "Vertrauen zu den Deutschen zu begrunden und zu befestigen". Ein Präsident, der sich auf andere einstellen kann und der den richtigen Ton trifft. Feinfühlig, ohne Anbiederung.Berliner Philharmonie, Dienstag abend: Weizsäcker ist Ehrengast beim Benefizkonzert. Der Erlös ist für die Bosnien-Hilfe "Nachbar in Not" bestimmt. Unbemerkt von Schaulustigen, fährt Weizsäcker beim Buhneneingang vor. Aber als er den Konzertsaal betritt, wird er vom Publikum stehend mit Ovationen empfangen.In der Beliebtheit bei Bürgern und Medien ranglert "Richie" in einsamen Höhen. Er versteht es ebenso Intellektuelle zu faszinieren wie "kleine Leute" zu überzeugen.,, Er verkörpert den nationalen Konsens", sagt der Berliner Historiker Arnulf Barmg. "Viele wurden ihn als Staatsoberhaupt am liebsten bis zum Ende seiner Tage behalten und mit ihm eine Art Wahimonarchle begründen." Erfüllt von der Sehnsucht nach einer Politik, die nicht so zänkisch und machtbesessen ist wie die, die täglich über sie hereinbricht.Mitunter abweisend Dabei gibt sich Richard von Weizsacker nicht einmal sonderlich volkstümlich. Mitunter wirkt er abgehoben, ja abweisend. Eingehüllt in eine Aura nobler Gesinnung und natürlicher Autorität. "Er war kein Präsident zum Anfassen", urteilt die Grünen-Politikerin Antje Volimer, "sondern zum Anschauen und Anhören -- aus der Distanz."Seine Reden füllen Bände Er war auch gerade das, was man einen Volkstribun nennt. Sein Einfluß und seine Wirkung gründet sich vor allem auf die Macht des klugen, geschliffenen Wortes. Seine klaren, schnorkellosen Reden füllen viele Bände. Mit etlichen hat er Marksteine gesetzt. Etwa mit der zum 8. Mai 1985, in der er an das Ende des Zweiten Weltkrieges 40 Jahre zuvor erinnerte. Dies sei ein "Tag der Befreiung" gewesen. "Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."So deutlich hatte das bis dahin noch kein Bonner Politiker gesagt. Es ist die mühevolle Erkenntnis eines Diplomatensohnes, dessen Vater Staatssekretär der NS-Regierung war.Seit der Vereinigung spricht er vornehmlich mit Menschen aus Ostdeutschland. Mehr als fünfzig Mal hat er in den letzten Jahren die neuen Länder besucht. "Dort", sagt er, "haben viele Landsleute das Gefühl, sie seien in den letzten Jahren stärker angepredigt als angehört worden." Beharrlich erinnert er daran, daß die Deutschen der DDR die größere Last getragen und ihre Freiheit selbst erkämpft haben.Wie Gustav Heinemann" ist Richard von Weizsäcker ein ausgeprägt politischer Präsident gewesen. Einer, der mit seinen Mahnungen vor nationalstaatlichen Pückfällen und erblassendem Erinnerungvermögen ("Unsere schwere Vergangenheit bleibt eine Lehre für immer") Widerspruch vor allem am rechten Rand der Parteien hervorgerufen hat.Büro im Stadtzentrum Mit Helmut Kohl stimmte Weizsäcker nicht immer überein. Des Kanzlers peinlicher Auftritt in Bitburg zum Beispiel hat ihn geärgert. Nach außen ließ sich der Präsident so etwas nicht anmerken. Doch es kam auch vor, daß ihn der Zorn packte und er -- vielleicht zu populistisch -- öffentlich die "Demoskopie-Demokratle" und die "Machtversessenheit" der Parteien anprangerte. Weizsäcker macht nach dem Abtritt weiter. Dem UN-Generalsekretär hat er bereits zugesagt, als Autor an einer Analyse unseres Planeten mitzuarbeiten. Ferner will er den Vorsitz im Bergedorfer Gesprächskreis der Hamburger Körber-Stiftung übernehmen. Und schließlich soll er künftig dem Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung vorstehen. Einer Institution, die den Preis für besondere Zivilcourage vergibt.Schon zum Jahresbeginn zog Weizsäcker privat nach Berlin-Zehlendorf, Sein künftiges Büro wird er im Zentrum der Stadt beziehen. Im restaurierten, schönen Magnus-Haus am Kupfergraben, schräg gegenüber dem Pergamon-Museum. Seinen Schreibtisch aus dem Schloß Bellevue nimmt er mit. Richard von Weizsäcker