Nach zwanzig Jahren haben sich die Gründer des Pankower Friedenskreises wiedergetroffen - und festgestellt, dass sich nicht nur die Welt verändert hat: Schwerter und Pflugscharen

BERLIN, 18. November. Mehr als fünfhundert Menschen sind an diesem Herbstabend in die Kirche am Altpankower Markt gekommen. Sie alle sind einer Einladung der jungen Pastorin Ruth Misselwitz unter dem Motto "gegen Todsicherheit - für den Frieden" gefolgt. Man schreibt das Jahr 1981, in Europa soll aufgerüstet werden, mit Mittelstreckenraketen in Ost und West. Im Bonner Hofgarten haben die Rüstungsgegner mit Heinrich Böll an der Spitze demonstriert, in der DDR wird der Wehrkunde-Unterricht eingeführt, junge Leute mit dem Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharren" am Ärmel werden ins Gefängnis gesteckt. Derart in der Öffentlichkeit für den Frieden zu demonstrieren ist in der DDR verboten. So trifft man sich in den Kirchen.Im Pankower Gotteshaus macht an diesem Abend ein Blatt die Runde, auf dem sich Interessenten für einen Friedenskreis eintragen sollen, zu dem Ruth und Hans Misselwitz eingeladen haben. Mitte November kommen fünfzig Menschen - Christen und Nichtchristen - ins Gemeindehaus und gründen den "Pankower Friedenskreis". Bis zu hundert Menschen treffen sich an jedem ersten Freitag im Monat, arbeiten und diskutieren zu Themen wie Abrüstung, Ökologie und Friedenserziehung. Der Kreis wird schnell zu einer der führenden Ost-Berliner Oppositionsgruppen, auf den Erich Honecker und Erich Mielke Hunderte von Staatssicherheits-Leuten loslassen.Vera Lengsfeld (damals noch Vera Wollenberger) gehört zu den Gründungsmitgliedern, andere, später bekannt gewordene Bürgerrechtler wie Markus Meckel, Werner Schulz, Freya Klier, Wolfgang Ullmann kommen hinzu. Das Wettrüsten, die Angst vor einem Atomkrieg beherrschen die Stimmung und lassen die meisten in dem Kreis zu radikalen Pazifisten werden. Zwei Jahrzehnte ist das her. Und nicht nur die Welt und die Verhältnisse haben sich seitdem verändert. Am vergangenen Wochenende trafen sich die Mitstreiter von damals und die heutigen Mitglieder des Pankower Friedenskreises im Gemeindezentrum, um das zwanzig-jährige Bestehen gemeinsam zu feiern. "Weitergehen - wie und wo" hat die Gruppe die erste Veranstaltung überschrieben - und ist rasch über das Wie und Wo aneinander geraten.Der bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete Werner Schulz, bis heute Friedenskreismitglied, plädiert zum Entsetzen vieler Mitstreiter im Kreis leidenschaftlich für den Militäreinsatz in Afghanistan. Auf dem Balkan habe man viel zu lange zugeschaut, erklärt er seine Haltung. "Nicht die Bomben der Amerikaner, sondern das Taliban-Regime haben die humanitäre Hilfe verhindert", hält er den Kritikern des Krieges entgegen. "Ich bin ratlos", sagt eine Frau, "aber mit Bomben kann man keinen Terrorismus bekämpfen", erklärt eine andere. Jemand spricht von einer "Gewaltspirale", die der Krieg weiter vorantreibe. Einzelne, auch dieser Kreis könnten ihre Ratlosigkeit äußern, sagt Schulz, "aber Politiker müssen entscheiden", begründet er seine Abstimmung für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Er habe eine "Gewissensentscheidung getroffen, ohne restlose Gewissheit zu haben". Gegen Terroristen, sagt der Politiker Schulz, "kommt man mit Mahnwachen und Lichterketten nicht weit - schon gar nicht, wenn die einem das Licht auspusten können". Noch mehr Wider-spruch bekommt Vera Lengsfeld zu hören, die heute in der CDU ist und den Kreis 1985 verließ. Sie ist nicht nur für den Militäreinsatz, sondern auch noch gegen die Globalisierungsgegner, "die mit ihrer einseitigen Sicht die Probleme noch verschärfen". Ihre Entwicklung vom SED-Mitglied zur Radikalpazifistin, zur Grünen, die jetzt auf dem konservativen Kurs des CDU-Politikers Volker Rühe sei, ist für viele schwer nachvollziehbar. Petra Morawe, die 1985 zu der Gruppe kam, gehört zu denen, die Verständnis für solche Wandlungen haben. "In der DDR war es einfach eine Position zu finden: Zu dem militarisierten Staat konnte man nur Nein sagen." Einig war man in der Gegnerschaft, um Konzepte für eine Gesellschaft zu entwickeln, fehlten die Informationen und Kenntnisse, sagt die Wissenschaftlerin. "Ich bin froh, dass ich mich heute differen-zierter positionieren kann."Und dann ist auch Schluss mit den Missklängen an diesem Wochenende. Vor der Feier am Abend, geht der Blick noch einmal zurück - in die glorreichen Zeiten des Kreises. Damals hielt Erich Honecker die Gruppe für so gefährlich, dass er sie wie kaum eine andere von der Stasi und von staatlichen Stellen überwachen ließ. 25 Inoffizielle Mitarbeiter schleuste Mielke damals ein. Und die Stasi-Hochschule Potsdam schickte jeweils bis zu 30 Studenten zu den Veranstaltungen, die bald die "Lutzis" genannt wurden, weil sich die meisten als "Ich bin der Lutz" vorstellten. Die Leute der Staatssicherheit hatten sogar Vergünstigungen - sie durften "für die Dauer ihres Einsatzes Bärte und längere Haare tragen", wie das MfS notierte. Marianne Subklew, Theologin aus Greifswald, die in den achtziger Jahren hier mitarbeitete, hat gerade eine wissenschaftliche Arbeit über den Pankower Friedenskreis geschrieben und in den Archiven geforscht. Viel Ehre gibt es an diesem Wochenende für den Pankower Friedenskreis. Christa Wolf ist gekommen, deren Tochter Tinka hier mitarbeitet, und auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. "Besinnen Sie sich wieder auf Ihre eigenen Erfahrungen", sagt er und meint damit die Menschen in Ostdeutschland. Das Grundmodell der Angleichung an das westdeutsche Modell habe sich nach elf Jahren erschöpft, sagt Thierse. "Wir können vom Westen nichts mehr lernen - nur wissen das viele noch nicht.""Terroristen kann man nicht mit Mahnwachen und Lichterketten bekämpfen. " Werner Schulz