Seit einigen Wochen wohne ich mit dem größten Hacker New Yorks zusammen. Der größte Hacker New Yorks arbeitet - wie jeder gute New Yorker auch - 17 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Der Unterschied ist, dass es seine eigene kleine Firma ist, für die er arbeitet, und dass er dort eher ungewöhnliche, nämlich dreidimensionale Drucker programmiert. Ein anderer Unterschied ist, dass auf die Parties, die er in seiner kleinen geilen Firma auf der fünften Avenue in Brooklyn feiert, Menschen wie der Erfinder von Wikipedia kommen. Dieser kann, so erzählt er stolz, Einträge machen, die keiner ändern kann, weil ja nur er weiß, wie der Code des Online-Lexikons programmiert ist. Dann lacht er.An diesen Humor muss man sich gewöhnen, wenn man mit Menschen zusammenlebt, die unter "sich treffen" verstehen, mit anderen vor dem jeweils eigenen Computer zu sitzen. Dabei ist es nicht so, dass der größte Hacker New Yorks kein Sozialleben hat. Er hat eine Freundin, die ab und zu von vier Uhr morgens bis halb elf Uhr morgens hier schläft. Besagt zumindest das zweite Paar Schuhe vor der Tür.Dass ich morgens die New York Times lese, grenzt für den größten Hacker New Yorks an ein frühmittelalterliches Verbrechen. Dabei ist es nicht so, dass er gar nicht liest, er liest eben nur die Artikel, die die "community" mit ihm "shared". Zeitungen würden in den nächsten zehn Jahren verschwunden sein, prophezeit er genüsslich.Am Wochenende war mein Mitbewohner auf einer Hacker-Konferenz, dafür schlief einer seiner virtuellen Freunde sehr real auf unserem Sofa. Er war in New York, um sich ein Visum für China zu besorgen, wo er seine Software vertreiben will. Es geht um Synthesizer, elektronische Musik also, anscheinend gibt es da in China einen großen Bedarf. Der virtuelle Freund kommt aus Boston, wo er mit seiner Hacker-Gemeinschaft auf einer Bürofläche von 90 Quadratmetern arbeitet. Seiner Meinung nach ist das der größte öffentliche Hacker-Raum in den USA. Die Hacker-Gemeinschaft bewirbt sich gerade um den Status einer Nichtregierungsorganisation.Auf dem Küchentisch liegt die Visitenkarte von meinem Mitbewohner. Ohne Postadresse und Festnetzanschluss, nur mit Twitter- und Facebook-Koordinaten. Seitdem ich hier bin, versuche mir zu erarbeiten, mit welcher Begründung auch ich mir ein Twitter- und Facebook-Konto anlegen könnte. Ich bin von meiner Überzeugung her offen für neue technische Entwicklungen, historischer Materialismus und so, Umschlag von Quantität in Qualität (Engels), aber mir fällt nicht ein, warum dies ein großer Schritt nach vorne sein könnte.Deshalb habe ich eine Untersuchung gestartet. Und das sind die Ergebnisse: Eine Freundin fragt ihre Mitbewohnerin jeweils zur Mittagszeit über Facebook, ob sie Brot einkaufen solle, oder ob noch welches zu Hause sei. Ein anderer Freund hat an seinen Facebook-Einträgen abgelesen, dass der Film "Brüno" ein Flop werden würde und hat ihn sich deshalb nicht angesehen. Eine dritte Freundin erzählt von dem Familiendrama, das sich abspielte, als sie ihre Mutter nicht als Freundin bei Facebook akzeptierte. "Warum willst du nicht meine Freundin sein?", lautete die in allen Epochen und Gesellschaften bekannte Mutterfrage. Die Frau hat ihre Mutter dann schweren Herzens doch als Freundin akzeptiert, sie aber vom "privaten" Bereich der Seite ausgeschlossen, in der Hoffnung, dass die alte Dame das nicht merken würde.Das jedoch tat sie. Eltern sind schlau. Aber Kinder wissen sich zu wehren. Der beliebteste Twitter-Autor New Yorks nennt sich: "Shit my dad says". Massenhaft lesen junge Menschen die verbalen Ausbrüche dieses Mannes: "Wisst ihr jungen Leute nicht mehr, wie man sich die Haare kämmt?", fragte der Vater vor ein paar Tagen seinen Sohn. "Es sieht so aus, als ob zwei Eichhörnchen auf euren Kopf gekrabbelt sind und dort Sex hatten." Der Autor, der diese Weisheiten der Menschheit zugänglich macht, schaffte es sogar in die New York Times.Mein Mitbewohner ist übrigens wieder da. Die Hacker-Konferenz, die er besucht hatte, wurde von Yahoo! bezahlt. Die Experten mussten in kürzester Zeit eine Aufgabe lösen. Das Team meines Mitbewohners hat gewonnen. Es verband die Wettervorhersage aus dem Internet mit einem Toaster, sodass der eilige Geschäftsmann auf dem Brot ablesen kann, ob er einen Regenschirm mit zur Arbeit nehmen muss.Das waren die Nachrichten aus New York. Das Wetter: bedeckt und 13 Grad.