War Goethe schwul? Diese Frage bewegte jüngst mal wieder die Feuilletons im Lande. Doch die entsprechende These eines Publizisten wurde von den Literaturexperten überwiegend mit Hohngekicher und gelangweiltem Abwinken quittiert. Auch das neue Nachschlagewerk "Out!" aus dem Berliner Quer Verlag hat keinen homosexuellen Goethe zu bieten. Das Lexikon listet 500 "berühmte Lesben, Schwule und Bisexuelle" auf ­ von A­Z, vom spanischen Regisseur Pedro Almodovar bis zur Schriftstellerin Virginia Woolf, von Boy George bis zur früheren RAF-Terroristin Inge Viett.Das Nachschlagewerk der beiden Autoren Karen-Susan Fessel und Axel Schock versteht sich allerdings nicht als brisantes Enthüllungsbuch, wie das dicke Ausrufezeichen im Titel vermuten lassen könnte. Es geht den beiden Journalisten nicht um Outing. Sie wollen keine Schlagzeilen, sondern auf den "großen Anteil von Lesben, Schwulen und Bisexuellen am gesellschaftlichen und kulturellen Leben" hinweisen ­ "quer durch alle Länder, Bevölkerungsschichten und Zeiten".Vorsichtshalber nachgefragt Da steht der Kabarettist Thomas Freitag gleich nebenan von Friedrich dem Großen. Die Fotografin Annie Leibovitz teilt sich eine Seite mit Leonardo da Vinci. Und zwischen dem römischen Kaiser Hadrian und Schriftstellerin Patricia Highsmith findet sich die verstorbene DDR-Entertainerin Helga Hahnemann. Legenden wechseln sich ab mit eher regionalen Berühmtheiten, nahezu unbekannte Urahnen der Homo-Bewegung mit Lesben und Schwulen der Jetztzeit. Der Schwerpunkt liegt auf dem 20. Jahrhundert.Man habe niemanden verzeichnet, "dessen sexuelle Orientierung nicht bereits in den Medien thematisiert worden wäre", sagt Autor Axel Schock. Und bei lebenden Personen, deren gleichgeschlechtliche Lebensweise ein offenes Geheimnis sei, habe man auch um Einverständnis gebeten, so Verlagsgeschäftsführerin Ilona Bubeck.Das war wohl auch besser so, denn es erspart unter Umständen teuren Rechtsstreit. So kündigte beispielsweise der Sänger Ivan Rebroff zunächst rechtliche Schritte gegen das Buch an. Doch als der Baß-Bariton mit der typischen Pelzmütze schließlich las, wie lexikalisch-neutral sein Eintrag formuliert war, zog er die Drohung zurück.Besonders viele Absagen habe man von den Frauen unter den "Zweifelsfällen" erhalten, so die beiden Autoren. Dies zeige, "daß es Frauen immer noch weitaus schwerer als Männer haben, sich in unserer männerdominierten Gesellschaft zu ihrer Homo- oder Bisexualität zu bekennen".Heiße News vom anderen Ufer liefert "Out!" nicht. Doch ist es spannend, zu schauen, wer drin steht ­ und damit möglicherweise ein Zeichen setzt. Aufgeführt sind beispielsweise FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle und Sachsens Ex-Innenminister Heinz Eggert (CDU). Oder die niedersächsische Kultusministerin Helga Schuchardt. "Tatort"-Kommissarin Ulrike Folkerts und die Modemacherin Jil Sander sind ebenso dabei wie die Schauspielerin Ingrid van Bergen. Freilich wird der Spaß am Lesen auch durch einige Fehler getrübt, die sich ein lexikalisches Buch eigentlich nicht erlauben dürfte: So ist das Stichwort über die US-Hygieneärztin Sara Josephine Baker (1873 1945) mit einem Foto der Revuetänzerin Josephine Baker bebildert. Auch die Gewichtung scheint manchmal unpassend. Etwa wenn die Leser über das Werk der Linguistin Luise F. Pusch auf ein paar Zeilen kaum etwas Inhaltliches erfahren, aber die "bahnbrechenden" Bekenntnisse der Popsängerin Madonna zu einer Seite aufgeschäumt werden.Vage Quellenlage Übrigens kommt Goethe am Ende doch noch vor in diesem Homo-Lexikon. Allerdings nur in den Kurzbiographien einiger anderer Kulturprominenter, wie ein Blick in das Register zeigt. Mal taucht Goethe bei Gustaf Gründgens auf, mal beim US-Dramatiker Tony Kushner oder dem Germanisten Hans Mayer. Ach ja, und natürlich hat Goethe die französische Schriftstellerin Madame de Staël gekannt, die Männer und Frauen liebte. Hielt es das Genie aus Weimar vielleicht genauso? Lexikon-Autor Axel Schock fand "die Quellenlage zu vage" für einen schwulen Goethe. "Aber die Gerüchte gibt es bei jeder zweiten aufklärerischen Geistesgröße aus dieser Epoche."