BUCKOW. Als Andreas Hauschild in die Lok steigt, beschleicht ihn ein ungutes Gefühl. Er ruckelt den Gang rein und zuckelt mit der Lok über die alten Schienen, die mitten durch die Märkische Schweiz führen, vorbei an Tannen und verschlafenen Ferienhäuschen. Plötzlich bremst Hauschild, fast hätte sich die baumelnde Fahrleitung durch die Scheibe seiner Lok gebohrt."Nicht schon wieder", brummt Hauschild und schaltet den Motor aus. Er sitzt da, im orangefarbenen, ölverschmierten Overall und lässt resigniert die schmalen Schultern hängen. Eigentlich hat Hauschild Urlaub, aber weil Diebe Nacht für Nacht Fahrleitungen abmontieren und fortschaffen, ist er trotzdem da. "Einer musste sich ja kümmern, dass das hier wieder in Ordnung kommt", sagt er.Gleich wird er wieder einmal die Polizei herbeitelefonieren, danach die Vereinskollegen in Kenntnis setzen und besänftigen. "Heinz, ich hoffe du sitzt", wird er sagen. Heinz ist wie Hauschild einer von über 30 Mitgliedern, die Denkmalpflege in Eigenregie betreiben, sich im Eisenbahnverein Märkische Schweiz für ihre hübsche Museumsbahn einsetzen. Inzwischen sind es 1,5 Kilometer Fahrdraht, die an der 4,9 Kilometer langen Strecke zwischen Buckow und Müncheberg fehlen. Es ist der vierte Diebstahl in drei Wochen. Der Schaden beläuft sich inzwischen auf über 100 000 Euro, schätzt Hauschild. "Die werden wiederkommen, den Rest wollen sie sicher auch noch mitnehmen."Rarität in EuropaVor dem Diebstahl fuhr vom Buckower Bahnhof eine der wenigen elektrifizierten Museumsbahnen, eine Rarität in Europa. Ehrenamtlich befördern Lokführer wie Hauschild Touristen über die historische Strecke, an manchen Wochenenden sind es 400 Besucher, die kommen. Deutsche, Japaner, Amerikaner oder Australier. Selbst Brandenburgs einstiger Innenminister Jörg Schönbohm und Altbundespräsident Hörst Köhler fuhren schon mit.Der hohe Kupferpreis motiviert die Kabeldiebe zum Raub der Leitungen. Bei über 5 000 Euro liegt der Preis für eine Tonne des Metalls, in den vergangenen Wochen stieg er zeitweise auf über 6 000 Euro. Der Eisenbahnverein hat hochgerechnet, dass die gestohlenen Fahr- und Halteleitungen derzeit einen Wert von mehreren zehntausend Euro haben.In Buckow scheint niemand die Täter bemerkt zu haben, was daran liegen mag, dass der Tatort etwas abseits, in einem kleinen Waldstück liegt. Über einen frisch geteerten Radweg kann man hier mit dem Wagen besonders leise anrollen. Vereinsmitglieder wollen nachts Wachen postieren, sie ärgern sich über die Polizei, die ihrer Ansicht nach viel zu wenig tut, dass man selbst beim Wählen der 110 in der Warteschleife hängt, dass kaum Interesse da ist, weil es sich "nur" um ein Eigentumsdelikt handelt.Polizeisprecher Thomas Wendland beschwichtigt. "Die Beamten haben ausreichend Spuren gesichert und sind mit der Auswertung beschäftigt", sagt er. Das würde eben ein paar Tage dauern. "Wir haben eine stärkere Bestreifung angeordnet", sagt Wendland. Auch Annahmestellen für Altmetall würden überprüft. Die Beamten vermuten, dass es sich um Wiederholungstäter handelt, die den Behörden bereits bekannt sind.Wegen der steigenden Buntmetallpreise gehen Diebe immer öfter auf Raubzüge. Nicht nur an Bahnstrecken werden regelmäßig Kupferkabel abmontiert. Für das begehrte Metall steigen sie auf Kirchendächer, demontieren Teile von Windkraftanlagen. In Berlin wurden in einer Nacht 49 Gullideckel gestohlen. Was die Frage aufwirft, wer den Schrott aufkauft?Mehrere Faxe hat der Eisenbahnverein an umliegende Schrotthändler verschickt, mit einer Beschreibung der gestohlenen Leitungen und dem Appell, angebotene Kupferkabel noch sorgfältiger zu begutachten als sonst. "Da gibt es viele schwarze Schafe", sagt Hauschild. "Das ist eine richtige Mafia."Die Faxe erreichten unter anderem ein Unternehmen, das mit mehreren Filialen in Brandenburg zu den großen Abnehmern zählt. Ein Mitarbeiter, der nicht mit Namen genannt werden will, weist darauf hin, dass jeder Kunde sich ausweisen und unterschreiben müsse, dass das Material sein Eigentum sei. "Wir erhalten eine eidesstattliche Erklärung und die Personalien", sagt er. "Das muss ausreichen." Grundsätzlich sei es so, dass Diebesgut schwer erkennbar sei. Selbst die Polizei wisse oft nicht, wie sie gestohlene Kabel auf dem Schrottplatz erkennen sollte.Hauschild will nun vom nächsten Wochenende an auf Dieselbetrieb umstellen, damit die Touristen nicht auch noch fernbleiben. Der Verein hofft zusätzlich auf Spenden. "Wir sind auf alle Einnahmen dringend angewiesen", sagt er.------------------------------Nicht versichertBahn: Die Strecke ist eine der wenigen elektrifizierten Museumsbahnen in Europa. Erstmals stand die Fahrleitung 1930 unter Strom. 1993 wurde der elektrische Betrieb zunächst eingestellt, noch bis 1998 fuhren Dieseltriebwagen ("Ferkeltaxen") der Deutschen Bahn.Verein: Der Eisenbahnverein wurde 1992 gegründet. 2002 erweckte er die 4,9 Kilometer lange Strecke zu neuem Leben und nahm den elektrischen Betrieb wieder auf. Dafür besitzt er Elektrotriebwagen, die 1980 im damaligen Reichsbahnausbesserungswerk Schöneweide gebaut wurden. Zudem besitzt er Kleinloks, eine Werkbahn und einen ehemaligen Wohn- und Schlafwagen.Dieseltriebwagen: Die Fahrzeuge können nach dem Diebstahl nicht mehr elektrisch betrieben werden. Der Verein will aber vom 10. Juli an den Betrieb an den Wochenenden wieder aufnehmen - mit angemieteten Dieseltriebwagen.Spenden: Der Verein war gegen den Diebstahl nicht versichert. Er hätte pro Jahr eine fünfstellige Summe als Versicherungsbeitrag aufbringen müssen. Um den Schaden beheben zu können, ist der Verein auf Spenden angewiesen.Weitere Infos unter www.buckower-kleinbahn.de------------------------------Foto: Alle Räder stehen still in Buckow: Auch diese alte Lok fährt nicht, weil Diebe einen Großteil der Fahrleitung stahlen.Foto: 1980 fuhr die Bahn noch regulär.