110 Straßen im Westteil der Stadt tragen heute noch Namen, die ihnen während der Nazizeit verliehen wurden. Lediglich fünf Namen wurden seit 1990 verändert. Darauf macht die Berliner Geschichtswerkstatt aufmerksam.110 Straßennamen umfaßt die Liste der Geschichtswerkstatt. "Zum Teil unverfängliche", wie Jürgen Karwelat, Jurist und Hobbyhistoriker, sagt. Zum Teil aber auch solche, die "diskussionswürdig" sind und eine Korrektur verlangen. Dazu gehören Straßen aus dem Flieger-Viertel in Neu-Tempelhof, deren Taufpate einst Hermann Göring war. Noch 60 Jahre später tragen 14 Straßen die Namen von Kampfpiloten aus dem Ersten Weltkrieg. "Ein Skandal, der auch im Ausland viel Beachtung findet", ist nach Aussage Karwelats die bereits beschlossene und wieder rückgängig gemachte Umbenennung des Seebergsteiges in Wilmersdorf. Der antisemitische Priester Reinhold Seeberg gilt als ein Wegbereiter des Nationalsozialismus.Ein Umbennungskandidat ist auch die Straße in Schöneberg, die heute noch nach dem Generalfeldmarschall August von Mackensen heißt, der im Ersten Weltkrieg eine Heeresgruppe in Serbien und Rumänien leitete und "offen Sympathie für die Nazis bekannte". Deshalb sei Mackensen von den Nationalsozialisten auch hofiert worden. Kriegshelden und Feldherren seien von ihnen gern als Aushängeschild benutzt worden, sie hätten zur Militarisierung des Stadtbildes beigetragen. Auf jeden Fall müsse man klären, ob sich hinter dem Namen des Maerkerwegs in Steglitz ein Divisionskommandeur verbirgt, der 1919 an der Spitze eines Freikorps linke revolutionäre Bewegungen in Mitteldeutschland niederwarf. Ebenfalls in Steglitz befindet sich der Hindenburgdamm, benannt nach dem ehemaligen Chef der Obersten Heeresleitung im Ersten Weltkrieg und Reichspräsidenten von 1925 bis 1933. "Er hat den Nazis den Weg geebnet und die ,Verordnung zum Schutz von Volk und Staat' sowie das ,Ermächtigungsgesetz' unterzeichnet", erinnert Karwelat.Wie der Hindenburgdamm erhielt auch die Treitschkestraße vor 1933 ihren Namen, trotzdem geht die Geschichtswerkstatt darauf ein. Der Historiker Heinrich von Treitschke (1834-1896) sei ein ausgesprochener Antisemit und Gegner des Sozialismus gewesen, so Karwelat: "Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto mehr Toleranz bei der Beurteilung von Personen muß man üben, aber mir scheint, daß die geistige Haltung von Treitschke so stark war, daß die Nazis mit ihrer Ideologie darauf aufgebaut haben."Die Bezirksverordneten in Zehlendorf sollten endlich auch prüfen, ob die drei Straßen im Bezirk, die noch an den Boxeraufstand 1900/01 erinnern und nicht nur bei Gästen aus China zu Irritationen führen, weiter ihren Namen behalten. Zumindest "diskussionswürdig" seien auch die Schilder an der Spanischen Allee, die anläßlich der Rückkehr der Legion Condor aus dem spanischen Bürgerkrieg angebracht worden waren.Schon 1988 hat sich die Geschichtswerkstatt in dem Buch "Sackgassen - Keine Wendemöglichkeit für Berliner Straßennamen" mit dem Thema beschäftigt. Die darin genannten Beispiele sind fast alle noch aktuell. "Die Bezirke sollten sich unsere neue Liste vornehmen, weiterforschen und verändern", erwartet Karwelat. Heide Schlebeck +++

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