Wozu ist Aussehen, nicht nur vorteilhaftes, gut? Es "erfindet unseren gesellschaftlichen Standort neu", sagt Nancy Friday und vertritt damit eine These, die für den Punk ebenso zu gelten scheint wie für die Geschäftsfrau im Kostüm. Nancy Friday, eine amerikanische Feministin der ersten Stunde, hat acht Jahre an ihrem Buch über "Die Macht der Schönheit" gearbeitet, doch es trägt eigentlich den falschen Titel. Fridays Buch handelt weniger von der "Macht der Schönheit" als von der Genesis des individuellen Selbstwertgefühls.Der erste Mensch im Leben eines Neugeborenen ist eine Frau ­ die Mutter, die ihr Baby anblickt. Diese Tatsache zur Grundlage ihrer Abhandlung über die sozialen Bedingungen von Schönheit erklärend, untersucht Nancy Friday zunächst psychische Primärprägungen. Wie schaut die Mutter ihr Kind an, liebevoll, akzeptierend, verstört, wütend? Man muß nicht Nancy Friday gelesen haben, um zu wissen, daß Schönheit eine Kategorie ist, die sich über die Konstruktion von Beziehungen und Vergleichen realisiert. Soziale, politische, subjektive, kulturhistorische ­ ein unendliches Feld. Im Gefolge solcher Vergleiche erhebt Nancy Friday den Neid und seine Leugnung zum stärksten soziopsychologischen Faktor. Der "Widerwillen, sich den eigenen muffigen, giftigen Neid einzugestehen", führe dazu, daß die Macht der Schönheit geleugnet werde. Das hat Folgen.Sind Schönheit und Selbstwertgefühl dasselbe? Nancy Friday verbannt den radikalfeministischen Vorwurf, daß allein der männliche Blick schuld daran sei, wenn Frauen überhaupt und zu sehr für die Schönheit leiden, dankenswerterweise an den Rand. Frauen, so die Autorin (wer möchte ihr nicht beipflichten), können die schlimmsten Feinde von Frauen sein. Doch daß Nancy Friday ihre Beweiskette mit den Müttern beginnt, wird ihr viele Prügel einbringen. Sich schön fühlen bedeutet, Kontrolle über den Beobachter auszuüben und damit Macht. Was ein Kind über das eigene Geschlecht beigebracht bekommt, entscheidet über sein späteres Körperbild und seine zukünftige Sexualität. Nancy Friday dient die eigene Biographie samt der selbst erfahrenen Mutter-Tochter-Tragödie stellvertretend als Material für ein Stationendrama der Adoleszenz. Dessen Kern bilden Ausschlußmechanismen zwischen der Gruppe und dem einzelnen ­ ob auf dem Schulhof oder in der Frauenbewegung.Daß der Feminismus vor drei Jahrzehnten ein Glänzen am Horizont war und heute ein Unwort ist, mag man ­ wie Nancy Friday es tut ­ seinem absolutistischen Gehabe zuschreiben. Feminismus schloß die Mehrheit der Frauen ­ die traditionell orientierten ­ von vornherein aus, verengte sich ideologisch immer mehr und ächtete ­ über den Begriff des "Sexualobjekts" ­ auch die Schönheit. In ihrem Buch probt Nancy Friday mit der Integration der Macht der Schönheit, tabuisierter weiblicher Konkurrenz und Geschlechterdifferenzen zwischen Männern und Frauen die Quadratur des Kreises. Was sich an der Kritik des Feminismus als brillant erwies (die Dekonstruktion der Mythen von der "guten Mutter" und der konkurrenzfreien "Schwesternschaft"), dient Fridays Modell eines Feminismus zur Jahrtausendwende als Basis. Dazu gehört, daß Nancy Friday die Kinderzimmer als heimliche Machtzentren der Frauen beschreibt. Wenn die Autorin die Sauberkeitserziehung von Töchtern durch Mütter als ein Weitergeben eigener Fehlsozialisationen an die nächste Generation interpretiert, liest sich das zunächst kurios, doch wie alles Kuriose sind auch Fridays Versuche über die Genesis des Schönheitsbewußtseins im Menschen nicht ohne Logik.Nicht das Kuriose ärgert beim Lesen. Der stark autobiographische Ansatz macht Nancy Fridays Buch zwar gut les- oder besser konsumierbar, bricht seinem analytischen und wissenschaftlichen Anspruch aber das Genick. Will der Leser tatsächlich all die intimen Details über die Autorin erfahren, wann und wie sie entjungfert wurde oder wer von ihren Liebhabern seinen Mund am segensreichsten einzusetzen verstand? Ganz zu schweigen vom ­ nun ja ­ Wahrheitsgehalt. Am Ende fragt man sich, warum Nancy Friday "Die Macht der Schönheit" nicht gleich als Autobiographie veröffentlicht hat. Es liegt ja im Wesen des Autobiographischen, sich immer als Falle zu erweisen, und entsprechend wird verziehen. Ein Autor versucht natürlich, möglichst glimpflich davonzukommen, und glimpflich bedeutet verkaufsträchtig, also sympathisch oder wenigstens Interesse weckend. Einsicht, Selbstkritik und Altersweisheit müssen da nach Politur riechen. Das kann auch nicht anders sein, denn wer wäre schon so dumm, sich der Öffentlichkeit völlig schutzlos zu überantworten?Doch die Abgeklärtheit der Langzeit-Feministin ermüdet den Leser ungemein. Wieder und wieder gedenkt sie verflossener Liebhaber in Dankbarkeit. Was mit den psychoanalytisch orientierten Anfangskapiteln über den Blick der Mutter auf das Kind so vielversprechend begann, verwässert sich im Laufe der fast sechshundert Seiten zu Histörchen und Einfällen, die mitunter sogar im Nichts enden. Hier ein wenig Zeit-, da ein wenig Mode-Geschichte: John F. Kennedy, der Minirock, die Anti-Baby-Pille und jene Halston-Samthosen, deretwegen Nancy Friday einst auf feministischen Kundgebungen ausgebuht wurde. Feministin sein und äußerlich eitel, so lehrt Friday, das ging damals nicht zusammen. Schließlich bietet ein Expreß-Abriß der amerikanischen Frauenbewegung der Autorin Anlaß, auf ihre Kolleginnen Betty Friedan und Gloria Steinem zu kommen. Daß Friedan und Steinem in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren zu größerem Einfluß gelangten als Nancy Friday, scheint die Autorin von "Die Macht der Schönheit" bis heute nicht verkraftet zu haben.All die methodischen Unentschiedenheiten und persönlichen Eitelkeiten schmälern, was Nancy Fridays Buch hätte werden können: eine Aufarbeitung des vielleicht schwierigsten, verlogensten und glamourösesten Kapitels im Leben von Frauen und Männern. Was es in "Die Macht der Schönheit" an mangelnder Distanz zu viel, gibt es an abstrahierender Reflexion zu wenig. Fridays Mystifikation der "Leuchtkraft der Schönheit" ersetzt die schönheitsfeindlichen Mystifikationen des Radikalfeminismus und überwindet sie nicht. Sicher, "die Macht der Schönheit besteht ewig", aber wie, in welchen wechselnden Rahmen? Nancy Friday jedenfalls hat nach gut 350 Seiten ihren klugen Anfang vom "gesellschaftlichen Standort" vergessen. So muß sie letztendlich in griffigem Wertekonservatismus steckenbleiben. "Statt Manieren", so sagt sie, "haben wir heute eisigen Voyeurismus und verzweifelten Exhibitionismus." Wohl war, und doch: Was weiter?Nancy Friday, "Die Macht der Schönheit". Aus dem Amerikanischen von Ursula Bischoff und Susanne Kahn-Ackermann. Verlag C. Bertelsmann, 544 S., 49,80 DM.