Ein Foto, Ende der 1920er-Jahre in der Normandie aufgenommen, zeigt den Komponisten Nikolaj Medtner im inszenierten Selbstentwurf: Der Seewind öffnet ihm den Gehrock und lässt die helle Weste sehen. Er trägt eine breite, schwarze Schleife um den Hals, keine moderne Krawatte, an die sein Freund Sergej Rachmaninow sich längst gewöhnt hatte, sondern die Halstracht des 19. Jahrhunderts, nahe an Schumann und Brahms."Ich wurde 1879 mit einem Jahrhundert Verspätung geboren", schrieb Medtner einmal in einem Brief, "was ich daraus schließe, dass mich keine Umstände dazu bringen können, mit den gegenwärtigen Strömungen der Musik zu schwimmen, sondern ich immerzu gegen den Strom schwimmen muss". Alles scheint Verspätung zu sein an Medtners Kunst und seinem Leben. Schon sein Geburtsdatum gab der Moskauer immer mit dem 24. Dezember 1879 nach dem Kalender "alten Stils" an. Es ist, nach heutiger Zeitrechnung, der 5. Januar 1880 gewesen. Zum 125. Geburtstag Medtners erscheint nun ein kleines, hübsches Buch über ihn, das selbst alle Züge der Verspätung trägt. Geschrieben hat es die russische Pianistin Natascha Konsistorum, die in Deutschland lebt und mit Medtners Musik aufgewachsen ist.Natascha Konsistorum hat Medtner persönlich nicht gekannt, dennoch ist ihr Buch sehr persönlich geworden. In ihm klingt der Ton von Erinnerungsbüchern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nach, wie sie oft von Freunden bekannter Künstler verfasst wurden. Natascha Konsistorum erzählt von ihrem eigenen Weg zu Medtner, und die Identifikation mit Person und Werk prägt auch das knappe Porträt, das sie von Medtner entwirft. Es ist keine kritische Biografie, keine Analyse seiner Werke. Das hat vor einigen Jahren Christoph Flamm mit einer umfänglichen Monografie geleistet, der - auch das ein rührender Zug - Natascha Konsistorums Buch ins Deutsche übersetzte. Medtner ist in seinem Kunstidealismus rigoros und daher auch stets etwas weltfremd gewesen. Er lebte in Gedanken mit Goethe und Puschkin, sah sich als Schüler Beethovens und war, so sehr er sich auch als Russe empfand, vom geistigen Vorrang der deutschen Musik überzeugt. Es gibt wenig Musik, die an den herbstlich-milden Lyrismus und die intellektuelle Heiterkeit der Alterswerke Beethovens so eindringlich anknüpfen konnte wie jene von Medtner. Mit der virtuosen Wucht seiner russischen Zeitgenossen Skrjabin, Rachmaninow oder Prokofjew haben die Klavierwerke dieses fabelhaften Pianisten weniger zu tun als mit dem konstruktiven Genie von Brahms oder den spekulativen Grübeleien Schumanns. Medtner, der sich nicht vermarkten wollte, konnte nur existieren, weil Freunde und Förderer ihn unterstützten. Nachdem er aus dem kommunistischen Russland nach Deutschland emigriert war, half ihm Rachmaninow von den USA aus mit gigantischen Summen. In London, wo Medtner am 13. November 1951 starb, wurde sein Unterhalt durch den Maharadscha von Mysore bestritten.Sein Werk ist von großen Plattenlabels bereits gut erschlossen und in den Booklets kommentiert worden. Im Vergleich dazu erfährt man von Konsistorum nichts grundsätzlich Neues. Erfreulich aber ist die Aufmachung des Buchs mit vielen Bildern, Briefen und zwei CDs, auf denen Natascha Konsistorum zusammen mit Freunden Klavierwerke, Lieder und das Klavierquintett Medtners aufgenommen hat. Das zu hören, ist wirklich eine Freude; das Buch mag als liebhaberische Einführung dazu dienen.------------------------------Natascha Konsistorum: Der Komponist Nikolaj Medtner. Ein Porträt. Henschel Verlag, Berlin 2004. 144 S., 24,90 Euro.------------------------------Foto: Nikolaj Medtner, Ende der 20er-Jahre in der Normandie.