Sähe man die Welt mit Feridun Zaimoglus Augen, würde man an jeder Straßenecke "das Religiöse" lungern sehen. Nun wäre das nicht weiter schlimm, schiene dieses "Religiöse" nicht etwas besonders Hitziges zu sein, das, egal welcher Religion es entspringt, mit Gewalt zu tun hat. Gewalt, weil es größer ist, als der Mensch, weshalb Zaimoglu auch gern die Sentenz "wenn Gott einbricht" dafür gebraucht.In dem Stück "Schwarze Jungfrauen", für das Zaimoglu Neomuslima interviewte und deren Hass-Bekenntnisse in ein bebendes Stimmennetz montierte, funktionierte diese Taktik beeindruckend. Vor allem, weil eben kaum "das Religiöse" aus der Verachtung dieser Frauen sprach, als vielmehr die irdische Gewalt, die sie selbst erlitten hatten. Für seine Inszenierung im HAU erhielt der Filmemacher Neco Celik 2006 viel Lob. Das Gespann Zaimoglu/Celik galt forthin als Erfolgspaar. Das Ballhaus Naunynstraße erhielt gar für die Uraufführung des Stücks "Nathan Messias" die höchste Sprechtheaterförderung des Hauptstadtkulturfonds.Wer das Stück allerdings gelesen hat, reibt sich die Augen. Das Schauspiel Düsseldorf, für dessen Saison 2005/06 der "Nathan Messias" entstand, verzichtete auf die Uraufführung, weshalb Zaimoglu und Celik es nun in Berlin als weitere Etappe ihrer Beschäftigung mit "dem Religiösen" verkaufen. "Nathan Messias" aber reicht bei weitem an keine lohnende Beschäftigung mit ihm heran, da weder differenzierte noch nachvollziehbare Verhältnisse religiöser oder profaner Art in ihm aufscheinen. Sehr allgemein imaginiert es so etwas wie eine diffuse Privatobsession.Die verkörpert Nathan, ein selbsternannter Messias, der alle Schrifttraditionen der großen Religionen für Fälschungen erklärt: Er selbst sei die lebendige Wahrheit. Die Massen streben ihm zu, auch wenn er außer Beschimpfungen nichts Neues vorweist. Die Autoritäten der Stadt geraten in Panik. Die hübsche Tochter des Bürgermeisters (Sanam Afrashteh) verfällt dem "Erlöser" und eröffnet einen weiteren Religionskriegsschauplatz, denn der Moslem Jamal (Ismail Deniz) und der Christ Michael (Atilla Oener) streiten seit langem um ihre Hand. Angeheuert durch den Kardinal, den Adolfo Assor als tattrige Klerikermutation aus Rabbi, Imam und Kardinal karikiert, schickt sich der faschistoide Kreuzzügler Michael an, den lästigen Messias (Murat Seven) abzumurksen.Trotz dieses Religionskriegs-Liebeskitsches aber, der nicht im Geringsten aktuelle Glutkerne oder Glaubenskonflikte streift, leuchtet Celiks Potential als Theaterregisseur auf. In ein riesiges Netz ist der ganze Spielraum eingefangen. Steine liegen auf dem niedrigen Netzdach, ein gebeugter Baum im leeren Ölfass erinnert an Nahost. Das ist aber auch schon alles an Gegenwart. Ansonsten bleibt diese versuchte Neuschreibung des Lessingschen "Nathan", den Zaimoglu für ein "Ammenmärchen" hält, selbst vor allem Ammenmärchen.------------------------------Ballhaus Naunynstraße, wieder am 20. und 21. 4., 20 Uhr, Tel.: 347 45 98 99------------------------------Foto : Vorne: der Messias (Murat Seven) und die Schöne (Sanam Afrashteh)

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