Simon Wiesenthal will die Anschuldigungen gegen sein Lebenswerk nicht auf sich sitzen lassen. Der Nazi-Jäger greift in der Berliner Zeitung den Jüdischen Weltkongreß an.Der Konflikt zwischen dem Wiener Nazi-Jäger Simon Wiesenthal und dem Jüdischen Weltkongreß (WJC) spitzt sich zu. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung geht Wiesenthal zum Gegenangriff über: Vergangene Woche hatte ihm das ARD-Magazin "Panorama" Maulheldentum unterstellt. Er soll nur in ganz wenigen Fällen bei der Auffindung von Nazi-Verbrechern mitgewirkt haben. Hauptzeuge der Sendung war Eli Rosenbaum, Angestellter des US-Justizministeriums, und für dieses als Chef der Nazi-Verfolgung zuständig.Gegen Rosenbaum richtet sich nun Wiesenthal: "Ich habe meinen Anwalt in Washington beauftragt, Gespräche mit US-Senatoren zu führen. Herr Rosenbaum ist in dem umstrittenen Beitrag für das ARD-Magazin Panorama als Vertreter des US-Justizministeriums aufgetreten. Wir prüfen nun, ob dies mit dem Einverständnis des US-Justizministers geschehen ist. Ein Beamter kann schließlich nicht, noch dazu im Ausland, ohne die Einwilligung seines Vorgesetzten einen solchen Auftritt liefern. Wir werden versuchen zu erfahren, ob der TV-Auftritt in Einklang mit den Pflichten eines Repräsentanten einer amerikanischen Behörde steht. Das Ganze riecht nach Bumerang, Sie können sicher sein: Es wird etwas geschehen."Wiesenthal ist sich über den Hintergrund der Attacke sicher: "Der Jüdische Weltkongreß zeigt damit, daß er schlechter Verlierer in der Sache Waldheim ist. In Israel herrscht kolossale Empörung über die Tatsache, daß eine solche Aktion von Juden ausgeht." Über seinen Ruf macht sich der 87jährige dennoch wenig Sorgen. Er hofft, noch diese Woche aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, wo er eine Lungenentzündung auskuriert. Er ist zuversichtlich, schon bald zu einem wichtigen Termin nach Israel reisen zu können: "Ich werde dort am 14. April gemeinsam mit dem Generaldirektor der nationalen Gedenkstätte Yad Vashem das Ehrendoktorat der Ben-Gurion-Universität erhalten. Das ist die Art, wie Israel auf solche Anschuldigungen reagiert."Dennoch ist Wiesenthal sichtlich verärgert über die Affäre: "Die Neonazis haben gegen mich Bücher geschrieben. Ich finde es empörend, daß so etwas ausgerechnet in einem Land passiert, in dem es Neo-Nazis gibt." Die Folgen des Beitrags hat Wiesenthals Wiener Büro bereits zu spüren bekommen. Wiesenthal: "Ich habe bereits zahlreiche Drohbriefe von Neonazis bekommen. Sie schreiben: Endlich bekommt der die Rechnung präsentiert, der für das Leid von Millionen Deutschen verantwortlich ist." Über die ARD-Sendung selbst sagte Wiesenthal, daß er sie noch nicht gesehen habe. Er sei jedoch entrüstet über die Quintessenz der TV-Macher: "Die wollen mich lehren, was ein Nazi ist!"Mittlerweile hat sich zur Verteidigung des Nazi-Jägers auch das Simon-Wiesenthal-Center (SWC) in Los Angeles zu Wort gemeldet. Diese Organisation ist die zweitgrößte der USA, ihr gehören etwa 380 000 Mitglieder an. Der Vorsitzende des SWC, Rabbi Marvin Hier, sagte in einer ersten Stellungnahme, die Anwürfe gegen Wiesenthal erfolgen aus "Eifersucht". Hier meinte, daß ohne Wiesenthal all die Leute, die ihn nun attackierten, nicht in jenen Positionen säßen, wo sie heute sind. All jene Institutionen "sind deshalb am Leben, weil Wiesenthal die Flamme am Brennen gehalten hat". Wenn Rosenbaum und Mossad-Chef Harel "auch etwas zur Nazi-Jagd beigetragen haben, dann deshalb, weil sie alle an den Rockzipfeln Wiesenthals hängen". Hier kritisierte auch die ARD: Das deutsche Fernsehen sei schlecht beraten, wenn es gegen Wiesenthal hetzte, weil dadurch in einem Land, wo es noch immer Neo-Nazis gibt, der Antisemitismus neu angefacht würde.Zum Fall Waldheim erläuterte Wiesenthal erneut seine Position: Der ehemalige UN-General habe sich damals deswegen mit so heftigen Vorwürfen konfrontiert gesehen, weil er als Vertreter der Vereinten Nationen "auch Entscheidungen gegen Israel und die USA vertreten mußte". In der heißen Phase der Waldheim-Vergangenheitsdebatte sei Eli Rosenbaum nach Wien gekommen und war, so Wiesenthal, von den Sozialdemokraten in deren Wahlkampf eingespannt worden. +++

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