NEW YORK. Die Amerikaner sind ein komisches Fanvölkchen. Alle haben hier ihre Lieblingsklubs, im Baseball, im Football, im Basketball. Doch sitzen sie bei ihren Lieblingsklubs auf der Tribüne, dann rufen sie bloß "Let's Go Knicks!" oder "Let's Go Lakers!". Von New York bis Los Angeles, es ist die immer gleiche Parole, sie wird überall gebrüllt. Doch gebrüllt wird nur, wenn erstens eine elektronische Orgel dazu animiert und zweitens der Lieblingsverein führt - liegt er zurück, sind die Fans stumm wie Faultiere beim Mittagsschlaf. Sie brauchen auch eine persönliche Aufforderung, die von einer unpersönlichen Videoleinwand kommt: "Make Some Noooooise!", macht mal Krahaaaach! Dann rufen sie kurz "Let's Go", stehen schnell auf und setzen sich noch schneller wieder hin.Europäische Fußballfans, die mit ihren Klubs Auf- und Abstiege bejubeln und beweinen und ihren Helden lauthals versichern, dass sie niemals allein gehen müssen, werden mit amerikanischen Sportfans nicht richtig warm. Und Australiern geht es da nicht anders: Andrew Bogut, 25, aus Melbourne, als Center der Milwaukee Bucks in der Basketball-Liga (NBA) tätig, hat sich der Fan-Erziehung verschrieben. In der heimischen Halle, dem Bradley Center in Milwaukee, konnte Bogut die sparsame Anteilnahme des Publikums nicht mehr ertragen, und plötzlich gehen die Fans der Bucks ab wie die am Hamburger Millerntor oder in der Alten Försterei.Milwaukee liegt in Wisconsin, am Lake Michigan, und ist als Bierstadt bekannt (in der "Miller" gebraut wird), nicht aber als Basketball-Hochburg. Die Bucks wurden einmal NBA-Meister, damals glänzte der junge Lew Alcindor, der sich einen Tag nach dem Titelgewinn in Kareem Abdul-Jabbar umbenannte, das war 1971. Zuletzt waren die Bucks im unteren Mittelfeld zu Hause, kein Kandidat für die Play Offs. "Wir sind ein kleiner Markt", sagte Andrew Bogut, "und nun, da es der Wirtschaft schlecht geht, ist es schwierig, 15 000 Leute in unsere Halle zu ziehen. Zuletzt war es meistens ganz schön leise bei uns."So konnte es nicht weiter gehen, er musste etwas für die Geräuschkulisse tun: Andrew Bogut kaufte für jedes Heimspiel der Bucks hundert Karten, Sektion 212, untere Ebene, schön in Feldnähe. Er vergab die Karten an Anhänger des Klubs, die Bogut zuvor auf ihre Krachmacherfähigkeiten überprüft hatte. Und nun ist die Sektion 212 der Bucks so etwas wie die Singing Area des FC St. Pauli: ein Hort der Fanfreude, wo vom Tip-off bis zur Schluss-Sirene Alarm gemacht wird. Dort residiert nun ein Gesangsverein, der sich Squad 6 nennt, Kader sechs, nach der Nummer, die Bogut auf dem Rücken trägt. Ein wilder Haufen, geschmückt mit kermitgrünen Lockenperücken oder gigantischen Sombreros, der die Spiele über zu stehen und zu hüpfen hat - das war Boguts Bedingung für die Vergabe der bunten Freikarten; zudem dürfe auch gern der Gegner zugelärmt werden, mit ein wenig Trash Talk, wie das hier heißt.Herzerwärmende Gesänge"Ich dachte, es könne nicht schaden, in der Halle ein bisschen Atmosphäre zu schaffen", sagte Andrew Bogut, ein Typ mit fröhlichen Augen und dunklen Haaren, leicht strubbelig, der New York Times. "Es sind nur hundert Leute", beschrieb er seine Squad 6, "aber sie sind laut wie tausend. Da ist eine Energie, von der wir sehr profitieren." Bogut und die Bucks initiierten dafür sogar einen Talentwettbewerb: Milwaukee sucht den Superfan. Drei Veranstaltungen gab es, bei denen sich Interessenten präsentieren durften, zwei vor Saisonbeginn im Oktober und eine am 6. Dezember, draußen auf einem Marktplatz, da war es in Milwaukee schon bitterkalt. Dennoch sah man Mädchen in irre kurzen Röckchen. Hörte herzerwärmende Gesänge ("Aussie, Aussie, Aussie - oi, oi, oi") und unverfrorenes Getrommel, dargeboten von zwei jungen Herren in weihnachtlichen Kitschpullovern, die auf Töpfe und Pfannen einschlugen und sich so in die Squad 6 spielten. Die Teilnahme an den Heimspielen der Bucks ist Pflicht, wer unentschuldigt fehlt, fliegt raus. Bisher musste aber noch niemand aus Sektion 212 entsorgt werden.Die originelle Fangruppe sei das Lustigste, was er bei Auswärtsspielen je gesehen habe, schwärmte kürzlich Marc Cuban, der Besitzer von Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks. Möglich, dass sie auch Einfluss hat. Die Bucks haben auswärts eine Bilanz von 3:9 Siegen - daheim steht es 9:7. Sie liegen in der Eastern Conference jetzt im oberen Mittelfeld, auf Rang sieben. Andrew Bogut ist zwar um rund 100 000 Dollar ärmer, das hat ihn der Kartenkauf gekostet, aber bei einem Jahresgehalt von rund zehn Millionen Dollar hält er das aus. Und der Spaß, den er nun auf dem Platz hat, ist ja unbezahlbar: Vor ein paar Spielen habe er sich kaputt gelacht, erzählte Bogut der New York Times. Da waren die Chicago Bulls zu Gast und an der Freiwurflinie stand Joakim Noah, deren Center, der Sohn des französischen Tennisspielers Yannick Noah, ein gelocktes, langhaariges Kerlchen. In Sektion 212 sangen sie: "Dude Looks Like A Lady".------------------------------Foto: Angewandte Urschrei-Therapie: Bucks-Center Andrew Bogut.