Neben dem Studium kann man viel machen. Etwa für den Bundestag kandidieren - wie Christopher Paun und Stefan Ziller: Morgengrauen am Wahlkampfstand

Er wurde gewählt, und ein paar Tage später fing die Uni an. Vielleicht war es auch anders herum, so genau weiß Christopher Paun das auf Anhieb nicht mehr. Er erinnert sich nur an das Durcheinander im Oktober 2001, als er mit einem Schlag gleich zwei neue Leben begann: Er wurde Student und Politiker. Mit gerade mal 22 Jahren.Christopher Paun sitzt in einem Café in Berlin-Kreuzberg und blinzelt in die Morgensonne. Er sieht ein bisschen müde aus. Er ist jetzt 26, vier Jahre sind vergangen, rappelvolle Jahre. Christopher Paun hat seit Oktober 2001 ein Bachelor-Studium in Kulturwissenschaften in der Regelstudienzeit absolviert, inklusive Auslandsaufenthalt in Südkorea. Er hat ein Masterstudium im Fach Politik, Internationale Beziehungen, zu dem man nur nach Auswahlverfahren zugelassen wird, begonnen. Er ist seit 2001 Abgeordneter in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), also dem Parlament von Friedrichshain-Kreuzberg; er besucht neben den Plenarsitzungen ständig vier Ausschüsse der BVV, darunter den besonders zeitaufwändigen Haushaltsausschuss.Schnösel-KlischeesIm Frühling dieses Jahres hat er außerdem ein Praktikum im Auswärtigen Amt absolviert, es dauerte etwa bis zum Neuwahlbeschluss. Im Sommer war Christopher Paun dann doppelter Bundestagskandidat - als Direktkandidat kämpfte er in Friedrichshain-Kreuzberg um die Erststimmen der Wähler, außerdem stand er auf einem hinteren Listenplatz seiner Partei.Christopher Paun ist in der FDP. Die Liberalen sind nicht unbedingt die Partei, auf die man tippen würde, wenn man den schlaksigen Studenten zum ersten Mal sieht. An diesem Morgen hat er etwas zerstrubbelte Haare, er trägt ein einfaches, schwarzes Hemd. Nun gut, er hat eine gelbe Regenjacke dabei. Zum Frühstück im Kreuzberger Café ist er von zu Hause herüber gelaufen: Er wohnt in dem Bezirk, der in Berlin geradezu symbolhaft für links-alternatives Milieu steht. Christian Ströbele hat das Mandat, um das sich auch Christopher Paun beworben hatte, klar gewonnen und wird wieder als einziger grüner Direktkandidat ganz Deutschlands in den Bundestag einziehen.Als Christopher Paun 2001 in die BVV kam - als einer von nur zwei FDP-Politikern - wurde er von der Mehrheit der Abgeordneten aus PDS, SPD und Grünen misstrauisch beäugt. "Als ich dann auch noch gesagt habe, dass ich vor dem Studium in der New Economy einen guten Job hatte, war ich erstmal für viele der junge Schnösel."Inzwischen hat sich Christopher Paun an die Klischees über seine Partei gewöhnt, er widerspricht routiniert. Nein, Zahnärzte gebe es keine in seinem Bezirksverband, aber durchaus auch Arbeitslose. Christopher Paun ist in Ost-Berlin aufgewachsen, seine Eltern verließen mit ihm die DDR. Als er in Regensburg sein Abitur machte, trat er in die Jungen Liberalen ein, später dann in die FDP. Er hatte sich am Anfang auch bei den Grünen umgeguckt. "Meine grundsätzliche Haltung ist kritisch gegenüber zu viel Einmischung des Staates. Bei den Bürgerrechten, aber auch in der Wirtschaft. Die Grünen sind mir zu staatsnah", sagt er.Das Otto-Suhr-Institut der FU Berlin, das den Masterstudiengang Internationale Beziehungen organisiert, gilt traditionell als ziemlich links. Man könnte sagen, die FDP passt dort so gut hin wie nach Kreuzberg. Die Professoren und Kommilitonen, die seit seiner Bundestagskandidatur von seiner Parteimitgliedschaft wissen, reagieren gespalten, sagt Christopher Paun. Auf jeden Fall haben sie Respekt davor, dass sich jemand in der Politik-Praxis probiert. Und vor der Arbeit, die er sich aufgeladen hat.Es ist eine Menge Arbeit: Neben der Uni muss der Student Plenarsitzungen, Ausschüsse und Parteiversammlungen besuchen. Alles findet abends statt, drei bis vier Mal in der Woche ist er fest verplant. "Ich habe mir angewöhnt, mit Pausen effizient umzugehen." In der U-Bahn büffelt er nicht nur für das nächste Seminar, sondern bereitet auch schon mal einen Antrag vor.Am Anfang hat Christopher Paun auch noch nebenbei gejobbt, dafür bleibt inzwischen keine Zeit. Für die Arbeit im Bezirksparlament bekommt er ungefähr 400 Euro Aufwandsentschädigung im Monat. Seit 2002 ist er außerdem Stipendiat der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, er bekommt Geld in der Höhe des Bafög-Satzes, der ihm zustünde. Nach dem Studium kann sich Christopher Paun alles mögliche vorstellen - auch eine erneute, diesmal aussichtsreichere Bundestagskandidatur. "Berufspolitiker ist aber für mich keine zwingende Karriereoption."Stefan Ziller sagt beinahe das Gleiche, nur etwas schöner. Wenn man ihn fragt, ob es sein Ziel ist, Berufspolitiker zu werden, lächelt er: "Nein, meine Ziele sind, dass unsere Gesellschaft besser wird, und dass ich meine Freizeit genießen kann."Die Welten wechselnIn den letzten Wochen hatte er eher wenig Freizeit. Stefan Ziller ist ebenfalls Student; auch er hat gerade in Berlin für den Bundestag kandidiert; auch er führte einen von Anfang an aussichtslosen Wahlkampf um ein Direktmandat: Stefan Ziller trat in Marzahn-Hellersdorf für die Grünen an. Der 24-Jährige stand im Morgengrauen an seinem Wahlkampfstand, um frühen Pendlern Wahlkampfbroschüren zuzustecken, vormittags saß er in Schulen, abends in Bürgertreffs auf Podiumsdiskussionen, wochenlang. Zwischendurch kümmerte er sich wie immer um die Belange der Grünen Jugend Berlin, deren Vorsitzender er ist, diskutierte im Arbeitskreis Grundsicherung seiner Partei über Sozialpolitik.Die Grundsicherungsmodelle aus dem Arbeitskreis stehen inzwischen im Programm der Grünen. Darauf ist Stefan Ziller stolz - genauso wie Christopher Paun stolz darauf ist, dass die FDP eine Forderung der Jungen Liberalen ins Programm übernommen hat, nämlich die Aussetzung der Wehrpflicht.Größere Siege sind auf die Schnelle nicht zu holen. "Politik ist langwierig. Ich motiviere mich damit, dass die anderen auch irgendwann mal mit so etwas wie dem Atomausstieg angefangen haben", sagt Stefan Ziller. Er sagt auch, dass es ihm hilft, immer wieder die Welten zu wechseln: Er studiert in Potsdam Informatik und arbeitet in einem Projekt für betreutes Wohnen mit Behinderten.Wer sich neben dem Studium durch die Mühlen der Politik quält, tut das selten aus egoistischen Gründen. Geld und Ruhm sind hier nicht zu holen, zumindest nicht schnell. Aber wenn niemand sich darum kümmert, dass die Gesellschaft besser wird, muss man eben selbst damit anfangen.------------------------------Foto: Christopher Paun verlor als Direktkandidat in Friedrichshain-Kreuzberg ehrenvoll gegen Christian Ströbele.