Wunder gibt es an diesem Ort viele, hier am Rande von Kazan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan. Hier, wo die alten Lenin-Denkmäler immer noch seltsam frisch wirken, die Kinderspielplätze aber rostig und marode. Hier, wo die Wolga breit wie ein See ist und ihr Wasser in der Sonne wie Satin glitzert. Hier, wo Christen und Muslime, Russen und Tataren so tolerant und harmonisch nebeneinander leben sollen, dass selbst die kühle Hillary Clinton sehr beeindruckt gewesen sein soll. Das schönste Wunder aber liegt in dem muffigen Zimmer von Manzuk. Der drahtige Mann in Schlappen und kurzen Hosen ist der Helfer des Wunderheilers, Philosophen, Architekten und Künstlers Ildar Chanow, der selbst das einstige Oberhaupt der Sowjetunion, Leonid Breschnew, von Hämorrhoiden befreit haben soll. Der Meister habe heute keine Zeit, hatte Manzuk bei der Begrüßung gesagt. Er habe viele Besucher, die zu ihm kommen, um von ihm geheilt zu werden -"mit guten Worten". Schließlich sei doch jede Krankheit eine Krankheit der Seele. Manzuk steht also in diesem schwülen, muffigen Zimmer, das voll gestellt ist mit allerlei Krimskrams und Tinnef. In einem Regal stehen lauter staubige Gläser, die mit trockener Erde gefüllt sind. Gäste bringen Manzuk Erde aus ihrer Heimat mit. "Hier", sagt er und hält ein kleines Glas in die Höhe, "diese Erde stammt aus dem Grab, in dem George W. Bush beerdigt werden wird." Rechts fällt der Blick schließlich auf ein großes Poster der Mutter Teresa, links auf ein Ölbild, auf dem der Pop-Star Madonna zu sehen ist, in Strapsen und lasziver Pose. "Das sind die Frauen, die mich in meinem Leben am meisten inspiriert haben", sagt Manzuk und lächelt, als er selbstgebrannten Kognak und schwitzigen Käse reicht. Man zweifelt keinen Moment an diesem Satz, so natürlich wirkt das Nebeneinander von Madonna und Mutter Teresa.Schließlich ist das Nebeneinander ja Thema des Gebäudes, in dem sich Manzuks kurioses Zimmer befindet. Von außen betrachtet wirkt das verwinkelte Gebäude mit seinen bunten Fenstern, Türmchen und Minaretten wie ein Märchenschloss. Die Kathedrale der Religionen ist eine ewige Baustelle. Sie entsteht seit 1994, als Chanow von Jesus Christus höchstpersönlich den Auftrag bekommen haben soll, sich einen Spaten zu nehmen und das Fundament für eine Kirche aller Religionen zu errichten. Seitdem pilgern Touristen, Neugierige und Menschen, die den Rat und die Hilfe von Chanow suchen, nach Kazan. Woher das Geld für die gewaltigen Bauarbeiten komme? "Ach, Geld", raunt Manzuk. "Freunde und Bekannte schenken uns Baumaterial. Und sie schenken uns ihre Arbeitskraft und ihr Wissen." So ist das im Land der Tataren, das einem während eines viertägigen Aufenthalts tatsächlich wie ein kleines Paradies vorkommt. Was natürlich auch daran liegt, dass die Reiseführer darauf bedacht sind, das in Tourismus-Kreisen noch weitgehend unbekannte Reiseziel mit einem Sinn für das Märchenhafte anzupreisen.Der legendäre Mintimer Schamijew regierte die Republik seit 1991. Er war einer der Schwergewichte unter den russischen Provinzfürsten, einer, dem es gelang, durch seine guten Beziehungen zu Moskau für seine Republik ein Höchstmaß an Unabhängigkeit zu gewinnen. Sicher auch, weil der Kreml ein starkes Eigeninteresse an Tatarstan hat. Schließlich ist die Republik reich an Erdöl. Deswegen gilt das Land, in dem über 3,5 Millionen Menschen leben, als vergleichsweise wohlhabend. Man sieht das an gewagten Neubauten wie einem Einkaufszentrum in Form einer Pyramide oder dem Hotel Riviera, einem unansehnlichen Hochhaus am Ufer der Kazanka, das mit seinem Sandstrand und seinen Liegen wohl ein wenig italienisches Flair für Neureiche herbeizaubern soll. Man sieht es an der gewaltigen Kul Scharif-Moschee, die mit ihrem Kuppelbau und vier Minaretten aus dem über der Stadt thronenden Kreml herausragt und nach achtjähriger Bauzeit 2005 eingeweiht wurde. Man sieht es an den vielen Baustellen in der 1,1 Millionen-Stadt, wie auch an den Bauvorhaben, die die Republik realisieren will: Ein neues Flughafenterminal, neue Straßen, Hotels, ein neuer Bahnhof sollen her.Zudem sind die Lenker Kasans der Meinung, dass der Dornröschenschlaf für ihre über 1000 Jahre alte Stadt endlich vorbei sein solle. Kazan, das Heimat des russischen Fußballmeisters Rubin Kasan und der bekanntesten Muttergottes-Ikone Russlands ist, habe als Reiseziel etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Deswegen wird ordentlich die Werbetrommel für die tatarische Hauptstadt gerührt -mit Sprüchen wie "Kasan -wo Europa auf Asien trifft", "Die drei Hauptstädte Russlands: Moskau -St. Petersburg -Kasan" oder gemünzt auf die ethnisch-kulturelle Vielfalt der Stadt: "Die ganze Welt ist in Kasan".Ob Kasan künftig zum obligatorischen Ziel der Reisenden östlich von Moskau wird, steht noch in den Sternen über der osteuropäischen Ebene. Gründe dafür aber gibt es allemal. Schließlich hat die Stadt am Zusammenfluss von Kazanka und Wolga eine bewegte Geschichte. Im 10. Jahrhundert von den Wolgabulgaren gegründet, wurde die Stadt Zentrum des Mongolen-Chanats Kazan, das Ivan, der Schreckliche, erst nach zahlreichen Anstürmen erobern konnte. So ist Kazans Architektur bis heute vor allem russisch und sowjetisch geprägt. Nur im einst tatarischen Teil jenseits des Flüsschens Bulak finden sich eine ältere Moschee und Holzhäuser, verziert mit tatarischen Ornamenten.Wir fahren in das kleine tatarische Dorf Kora Hodscha ("Schwarzer Herrscher"), das eingebettet zwischen sanften Hügeln und saftigen Wiesen und Feldern liegt. Kleine Holzhäuser mit wilden Obstgärten, verzierten Zäunen und Toren reihen sich entlang der unbefestigten Straßen. Es ist Sabantuy ("Fest des Pfluges"), das Sommerfest, das auf die Zeit der Wolgabulgaren zurückgeht und heute als buntes Volksfest mit Folkloreshows und Wettkämpfen im Sackhüpfen oder Eierlaufen gefeiert wird. Frauen in bunten Kostümen singen und tanzen zum Akkordeon-Spiel eines kleinen Mannes mit goldenen Zähnen und gegerbter Haut.Zurück in Kazan fällt wieder auf, wie jung die Stadt ist. Junge Pärchen flanieren durch die Fußgängerzone, die Frauen auf hohen Absätzen, die Männer mit Handtäschchen. Jeder dritte Einwohner soll unter 30 sein. Über 100000 Studenten studieren an den 15 Hochschulen. Wie einst Lew Tolstoi oder Lenin. Die Stadtmitte brennt in der Sommersonne. Man isst Eis, lässt sich kühles Wasser über das Gesicht laufen. Die Gelassenheit scheint in Kasan ihr Zuhause gefunden zu haben. Und das, obwohl die Fußgängerzone unter ständiger Beschallung steht. Werbesprüche, russische Popschnulzen, Europes "Final Countdown" dröhnen an diesem Sommersonntag durch Kazan. Und niemanden scheint das zu stören. Auch das mag ein Wunder sein.------------------------------SERVICEAnreiseLufthansa fliegt von Frankfurt über Samara nach Kasan.UnterkünfteEs gibt zahlreiche Hotels in Kazan in verschiedensten Kategorien. Das moderne Schaljapin Palace Hotel liegt im Zentrum, Zimmer ab ca. 90 Euro. www.shalyapin-hotel.ruSabantuyDas tatarische Sommerfest findet zu Beginn des Sommers (21.Juni) statt. Es gibt ein zentrales Sabantuy-Fest in der Nähe von Kazan, viele Dörfer feiern ihre eigenen Feste.Informationenwww.gokazan.com------------------------------BU: Beim Sabantuy, dem tatarischen Sommerfest