BERLIN, 28. März. So richtig gut läuft der Verkauf des schwarzen T-Shirts noch nicht, aber der in der rechtsradikalen Szene fest verwurzelte Hatestore-Versand glaubt dennoch, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. "Autonome Nationalisten" steht auf der Brustseite der Shirts, und hinten ist der Slogan aufgedruckt: "bald gibt es kein rechts oder links mehr! dann gibt es nur noch das system und seine feinde!" Das Shirt könne man doch bei der Demonstration am 1. Mai in Berlin tragen, empfiehlt Hatestore, wenn sich die "deutschen Nationalisten" im "nationalrevolutionären, schwarzen Block" gemeinsam mit den linken Autonomen der Polizei entgegenwerfen.Tatsächlich wird seit einiger Zeit allen Ernstes in Teilen der rechten Szene über eine Annäherung an die radikale Linke nachgedacht. Das beobachtet der Verfassungsschutz. Wortführer in diesen Diskussionen ist der vor allem in Berlin, Hessen und Bayern organisierte "Kampfbund Deutscher Sozialisten" (KDS). Die 50 bis 60 Mitglieder, die zum Teil aus der linken Szene stammen, propagieren den gemeinsamen Kampf von Rechten und Linken gegen das "System" unter dem diffusen Leitbild eines "nationalen Sozialismus".Intellektuelle Unterschiede.Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes haben solche Annäherungsversuche wenig Aussicht auf Erfolg - sowohl bei den Rechten als auch bei den Linken stoßen entsprechende Überlegungen auf deutliche Ablehnung. Hinzu kommt, dass viele Rechtsradikale zwar insgeheim die Phantasie und Konsequenz bewundern, mit denen die linken Anarchos ihre Ziele durchsetzen; gleichwohl leiden sie darunter, ihnen intellektuell deutlich unterlegen zu sein.Dennoch ist der Einfluss der Linken auf die Neonaziszene unübersehbar. Nach den Verboten bundesweit organisierter Parteien und Gruppen in den neunziger Jahren hat sich in der rechten Szene ein Strukturwandel vollzogen. Dabei haben sich die Rechtsradikalen erkennbar an den Erfahrungen des linksautonomen Spektrums orientiert. An die Stelle der aufgelösten überregionalen Organisationen traten lokale Neonazi-Kameradschaften, deren Führer in der Region einen mehr oder weniger losen Kontakt halten.Anders als früher wird konsequent auf Hierarchien und Weisungslinien verzichtet, stattdessen strebt man eine informelle Zusammenarbeit an. Diese erreicht nach den Erkenntnissen der Verfassungsschützer aber längst nicht die Effizienz der früheren hierarchisch strukturierten Organisationen, was sich unter anderem an den geringen Teilnehmerzahlen bei vielen Neonazi-Aufmärschen erkennen lässt.Das liegt vor allem daran, dass die Kameradschaften in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich gut aufgebaut sind. Insgesamt geht der Verfassungsschutz derzeit von rund 160 solcher Gruppen aus. Eine Reihe von ihnen hat sich in regionalen Aktionsbündnissen zusammengeschlossen. Bekannt sind dem Verfassungsschutz derzeit acht solcher Bündnisse, unter anderem in Süddeutschland, Hessen, Berlin-Brandenburg und im Norden der Bundesrepublik. Dort ist auch das am straffsten organisierte Bündnis angesiedelt, das "Nationale und Soziale Aktionsbündnis Norddeutschland". Es vereint Neonazi-Kameradschaften aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen.Erneut Wehrsportübungen.Zum Aktionsbündnis Nord gehört auch eine der gewalttätigsten Neonazi-Gruppen Deutschlands, die "Kameradschaft Pinneberg". Vergangenes Jahr wurden mehrere Mitglieder der Gruppe festgenommen, gegen sie wird jetzt wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Die Gruppe bekannte sich zwar zu den Zielen der britischen Rechtsterroristen von "Combat 18"; dennoch haben die Pinneberger Neonazis nach Erkenntnissen der Ermittler eigene Anschläge nicht geplant. Die Gruppe versuchte vielmehr, mit Erpressung und Einsatz von Gewalt den rechtsradikalen Musik-Markt im Norden unter Kontrolle zu bekommen. Dazu hatten die Neonazis enge Verbindungen zum allgemeinkriminellen Milieu der Region aufgebaut.Auch bei den anderen Neonazi-Gruppen in der Bundesrepublik geht der Verfassungsschutz von einer grundsätzlichen Gewaltbereitschaft aus. Auffällig ist aber, dass sich die Szene auch entgegen verbaler Ankündigungen mit organisierten Aktionen zurückhält. Von einer Entwarnung will der Verfassungsschutz jedoch nicht sprechen, im Gegenteil: Im letzten Jahr haben die Geheimdienstler erstmals wieder eine Reihe von Wehrsportübungen der Kameradschaften registrieren müssen.Seit die Polizei in den neunziger Jahren gegen solche Trainingsaktionen massiv vorgegangen war, hatte sich die Zahl der Wehrsportübungen bis auf Null reduziert. Die jetzt neuerlich einsetzende Ausbildung deuten die Verfassungsschützer als Indikator einer wieder wachsenden Bereitschaft der Neonazis, gewalttätige Aktionen durchzuführen.Lose Kontakte ins Ausland // Deutschen Geheimdiensten liegen keine Erkenntnisse über international vernetzte Neonazi-Gruppen vor, denen deutsche Rechtsextremisten angehören.Es gibt aber Erkenntnisse über mehr oder weniger lose Kontakte zur rechten Szene in Dänemark und Schweden. Die Verbindungen nach Dänemark werden vor allem für die Produktion von rechtsradikaler Rockmusik genutzt. Über Schweden wird meist der Versand der illegal hergestellten CDs sichergestellt.Einzelne Personen aus dem rechtsextremistischen Spektrum anderer Staaten reisen jedoch häufig nach Deutschland. Sie treten meist als Referenten bei Veranstaltungen auf.Ahmed Rami, ein in Stockholm lebender Araber, ist einer von ihnen. Rami betreibt einen eigenen Radiosender in Stockholm. Der bekannte Antisemit und Rechtsextremist hält gelegentlich Vorträge in der Bundesrepublik.Auch Ahmed Huber, ein zum Islam konvertierter Schweizer, ist ein gern gesehener Gast bei NPD-Treffen. Huber betreibt in der Schweiz mehrere Firmen und wickelt Finanzgeschäfte ab.Der Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger ist ein weiteres Beispiel für Kontakte deutscher Rechter zu ausländischen Neonazis. Rieger, der auf einem Gut in Schweden lebt, unterstützt die dortige rechtsradikale Szene.Foto: Die Polizei registriert bei den Neonazis wachsende Bereitschaft zur Gewalt.