Mag, wem editorische Leistungen von DDR-Verlagen wenig gelten, es nun als "Entdeckung" für den deutschen Leser feiern. Aber gepriesen sei, dass ein unvergleichlich opulentes Erzählstück, welches bei Volk & Welt in Ostberlin über zwei Jahrzehnte hinweg neun Auflagen erlebte, wieder am Markt ist: "Verlockung" - Roman des ungarischen Autors Janos Székely (1901 bis 1958), den man lange Zeit nur als Filmszenaristen der Ufa und Hollywoods kannte.Die Geschichte des Landjungen Béla, der sich unter der Horthy-Diktatur auf vergeblicher Glückssuche durch elende Verhältnisse schlägt, machte seit seinem Erscheinen 1946 in den USA in aller Welt Furore. Nun hat Tanja Graf, seit Jahren befasst, die Eigenarten der ungarischen Zwischenkriegsliteratur hierzulande bekannt zu machen, in ihrem Münchner Verlag SchirmerGraf für eine Neuausgabe gesorgt. Man übernahm die Übersetzung von Ita Szent-Ivanyi, die der seinerzeit zur DEFA verpflichtete Székely kurz vor seinem unerwarteten Tod noch selbst in Berlin für Volk & Welt autorisiert hatte.Was ist das für ein Buch, das uns die Geschichte einer Kindheit und Jugend so fesselnd vorführt, dass man die mehr als 800 Seiten an einem Tag verschlingen möchte? Ein "Kriminalschmöker", wie es in der ersten Zeile heißt? Ja doch. Und ein Erziehungsroman? Auch. Ein Abenteuer-, ein Volksbuch a la Simplicissimus. Eine proletarische Felix-Krull-Version. Bittersüße Liebeskomödie und vorrevolutionäres Pamphlet. Von all dem hat diese höchst unterhaltsame Lektüre etwas. Verfasst von einem, der genau hinschauen und zuhören, aus Beobachtungen und Dialogen dichte Szenen fügen und zum Film reihen, aus hunderten kleinen Geschichten eine große so bauen kann, dass man von ihr mitgerissen sein muss.Béla, ungewolltes Erzeugnis einer weintrunkenen Landfestnacht, wächst unter lieblosen Bedingungen auf bei einer frömmelnden einstigen Dorfhure, die als "Pflegefrau" die Notlage gefallener Mädchen kaltherzig nutzt. Aus Selbstmitleid ins Selbsthelfertum getrieben, erkämpft sich Béla den Besuch der Dorfschule, gerät in Konflikt mit einer unbarmherzigen Staatsmacht, zieht nach Budapest zur Mutter, die dort als Wäscherin ums Weiterleben ringt.Pendelnd zwischen dem Proletarierelend im morbiden Ujpester Mietshaus und der aristokratischen Dekadenz in einem Budapester Luxushotel, wo er als Boy unterkommt, erfährt Béla das Krisenchaos des Landes. Meisterlich entfaltet Székely zwischen diesen beiden Polen ein Tableau der diktatorisch zerrütteten Gesellschaft.Da obwaltet kein soziologischer Figurenschematismus. Da sind sie alle, von denen uns Béla erzählt, ob die Parias von Ujpest, das livrierte Fußvolk im Hotel, die Höherbediensteten oder illustren Gäste, die roten Propagandisten und die schwarzbraunen Spitzel für jede Überraschung schlecht oder gut."Du lieber Gott", fragt sich der Junge schon im Dorf, "die Leute haben ja tausend Seelen, und woher soll ich wissen, welche die wahre ist?" Gläubige Hoffnung und verzweifelte Selbstaufgabe, kraftvolle Solidarität und dreckiges Ausnutzen, Sich-Sorgen um familiäre Wärme und ein Verrat am vermeintlich "kommenistischen" Ehepartner - alles ist dicht beieinander, alles kann rasch ineinander umschlagen.Székely sieht mit warmherziger Anwaltschaft die ganz unten, die in ihrem Lebenshunger ohne Lebenslügen nicht auskommen. So wie auch Bélas abgehärmte Mutter: Anrührend und beklemmend wird von dem kurzen Rausch eines kleinen Glückes erzählt, das sie an der Seite des plötzlich mit dubios erworbenem Geld aufgetauchten Kindsvaters genießt, dieweil auf diesen mutmachenden Schwerenöter der Knast wartet.Und Béla? Auch der Ich-Erzähler zeigt sich verstört herauszufinden, welches seine "wahre Seele" ist: Die eine lässt ihn hart zuschlagen, eine andere wehleidig und mitfühlend sein, mit wieder einer anderen rettet er sich in Selbstironie... Ein "feuilletonistischer" Kunstgriff des Autors, die Erzählung rhythmisch im Zaum zu halten, das vorandrängende Moment des deftigen, vitalen Zupackens und das der distanzierenden, feinsinnig verhaltenen Sichten zu balancieren.Dieser Béla ist wild entschlossen, seinem Hundeleben zu entkommen. Im Bett einer Aristokratengattin will er endlich die große Liebe, unwissend, dass er nur einer der Hotelpagen ist, die sich die gelangweilte Schöne als Lustknaben kommen lässt. Der Drang, sich standesgemäß auszustatten, treibt ihn in die Fänge des brutalen "Greifers", der ihn zu Spitzeldiensten gegen einen befreundeten linken Aufklärer erpressen will. Béla widersteht, wenn er auch selbst wenig Neigung zeigt, auf die sozialistische Weltrevolution zu warten. Setzt er doch, wenn nichts anderes mehr geht, lieber auf die Kraft seiner Fäuste. Die tödliche Katastrophe der wieder schwangeren Mutter kann er auch mit einem gewaltsamen Diebstahl in der Suite der kalten Angebeteten nicht mehr abwenden. Als blinder Passagier auf einem Donaudampfer bricht Béla aus seinem rumorenden Heimatland auf in die große weite Welt...Da möchte man hin und wieder fürchten, diese unerhörten, turbulenten Begebenheiten könnten zum rührigen Sozialmärchen, zur derben Klamotte oder zum didaktischen Politlehrstück entgleisen. Aber das passiert einem Janos Székely nicht. Davor bewahrt ihn sein kritischer Realismus, der sichere Instinkt des Szenaristen für gebotene Schnitte und Perspektivwechsel und eben: diese bravourös gehandhabte, feine Ironie.Székely schrieb zehn Jahre an dem Meisterwerk, begann damit 1935 in Budapest, nachdem er in Hollywood gemeinsam mit Ernst Lubitsch für den Welterfolg "Desire" gearbeitet hatte. Vorausgegangen waren in Berlin, wohin er Anfang der zwanziger Jahre emigriert war, zahlreiche Vorlagen für Stumm- und Tonfilme, darunter "Asphalt" und "Die wunderbare Lüge der Nina Petrowna". 1938 floh er erneut in die USA, gründete dort eine Famile, erhielt für das Buch zu "Arise my Lovy" 1940 einen Oscar.Aus "Verlockung" sollte eigentlich eine Trilogie werden. Wohin hätte der brillante Erzähler seinen nur leicht autobiografisch angestreiften Rebellen noch geführt? Als "unamerikanischer" Linkssympathisant ging er zu Zeiten des US-Senators McCarthy mit seiner Familie nach Mexiko. 1956 folgte er dem Ruf nach Babelsberg, zurück an den Ursprung. Auf der "SS Queen Mary" reiste auch die 1941 in New York geborene Tochter Catherine mit nach Europa - Kati Székely wurde in der DDR eine beliebte Film- und TV-Darstellerin. Ihr bald schwer erkrankter Vater konnte - nun als Hans Székely - nur noch einen einzigen Film mit auf den Weg bringen: den im vietnamesischen Antikolonialkrieg spielenden Thriller "Geschwader Fledermaus" (1958), in der Regie von Erich Engel, groß besetzt mit Wolfgang Heinz und anderen Stars.------------------------------Janos Székely: Verlockung.Aus dem Ungarischen von Ita Szent-Ivanyi. SchirmerGraf, München 2005, 812 S., 24,80 Euro.------------------------------Foto: Fleiluftrestaurant mit Blick auf die Donau, Budapest, 1940