Dies ist die Geschichte einer Erniedrigung. Die Chronik eines langen, äußerst blutigen Raubzugs. Und das Zeugnis einer Heuchelei, die aus den tiefsten Stollen bis in den Himmel stinkt. Warum, fragt Eduardo Galeano, ist Lateinamerika so arm und unterentwickelt? Seine Antwort: Die Unterentwicklung ist die Folge der Entwicklung anderer, und der Kontinent so arm, weil er so reich ist.Erschienen 1971, zunächst verboten in Chile, Argentinien und Uruguay, der Heimat des Schriftstellers und Journalisten Galeano, wurden "Die offenen Adern Lateinamerikas" bald zu einem Klassiker der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; auch weil das Werk trotz penibler wissenschaftlicher Quellenarbeit eine literarische, ja fast schon poetische Sprache pflegt. Eine Millionen spanische und 220 000 deutsche Exemplare wurden verkauft. Unter Südamerikas Linken gilt das Werk als Bibel der Unterdrückten.Die Zahlen sind in den letzten Monaten noch erheblich gestiegen, erfuhr das Buch doch Promotion auf denkbar medienwirksamste Weise. Venezuelas populistischer Staatschef mit Diktatorencharme Hugo Chavez schenkte das Werk Barack Obama. Seitdem steht es ganz oben auf den Verkaufslisten.Ist Lateinamerika, so paraphrasiert Galeano die Erklärungsversuche seitens der Europäer und Nordamerikaner, eine zu Erniedrigung und Armut verurteilte Region unserer Erde? Verurteilt von wem? Ist die Natur dafür verantwortlich oder Gott? Religion oder Brauchtümer? Das extreme Klima oder vielleicht doch, wie Jahrhunderte lang propagiert, die "unterlegenen Rassen"? Natürlich nicht. Für Galeano ist das Unglück in der Geschichte und Ökonomie zu suchen. Verursacht wurde es von Menschenhand.Der Autor, Anhänger der sogenannten Dependenztheorie, argumentiert mit Karl Marx. "Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika", schrieb dieser im ersten Band von "Das Kapital", "die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke, die Verwandlung von Afrika in ein Gehege zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära."Bedingung für den Aufstieg Europas sei die Plünderung der Neuen Welt, Motor des blühenden Handels die Sklaverei gewesen. Galeano schlägt einen Bogen von Kolumbus bis in die Gegenwart des Kontinents. Die Ausbeutung der Gold- und Silberschätze durch die Spanier und später die Portugiesen setzt bereits mit Kolumbus' Landung 1492 auf den Bahamas ein. Zwischen 1503 und 1660 erreichen 185 000 Kilogramm Gold und 16 Millionen Kilogramm Silber allein den Hafen von Sevilla, illegale Ausfuhren nicht mitgerechnet.Das Unternehmen Raubbau mutiert bald zu einem beispiellosen Kreuzzug, der zur Ausbeutung und Ermordung der Urbevölkerung führt. Sie kulminiert in der Zerstörung der Hochkulturen der Inka, Azteken und Maya. Im präkolumbianischen Amerika, so wird geschätzt, hätten 70 Millionen Indios, vielleicht noch mehr gelebt. Eineinhalb Jahrhunderte später sind es nur noch 3,5 Millionen. Die vormals an Bodenschätzen reichen Gebiete gehören heute zu den ärmsten Regionen der Welt.Eine parallele Entwicklung zeichnet Galeano für die Landwirtschaft. Die gewaltigen Monokulturen bringen Lateinamerika in immer stärkere Abhängigkeit zur Weltwirtschaft, ohne eigenen Einfluss und ökonomischen Fortschritt zu erreichen. Die Natur wird dauerhaft geschädigt. Das Geld verdienen die Kolonialmächte, später das Britische Imperium und heute die großen nordamerikanischen Gesellschaften.Weltbank und Internationaler Währungsfond sind für Galeano nur die letzte Stufe systematischer Ausbeutung und Abhängigkeit. Sicherlich, die Verflechtungen der Kolonialwirtschaft und der folgenden Handelbeziehungen sind komplexer, als Galeano sie darstellt - bewusst polemisch und aus der "Perspektive der Unterdrückten". Doch leidet Lateinamerika bis heute schwer an seiner kolonialen Vergangenheit.Die Diktaturen, schrieb Bertolt Brecht, verschleierten stets den ökonomischen Charakter der Gewalt. Und die Demokratien den Gewaltcharakter der Ökonomie.------------------------------Eduardo Galeano: Die offenen Adern Lateinamerikas. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Peter Hammer, Wuppertal 2009. 405 S., geb. 24,90, brosch. 16,90 Euro.