Emmi Zeulner, 26, gelernte Krankenschwester und eben noch Studentin aus Bayern, schaut über ihr Lenkrad. Noch 200 Kilometer bis Berlin. Neben ihr sitzt ihr kleiner Bruder, 24, der sie an ihrem großen Tag begleiten will. Zeulner hat Schmetterlinge im Bauch; sie denkt an die Wohnung, die sie in Berlin endlich finden muss, und an ihren Hosenanzug, der in der Tasche im Kofferraum bestimmt knittert.
Schließlich soll am Dienstag alles perfekt sein. Es ist der Tag, an dem aus der Wirtschaftsstudentin eine Berufspolitikerin, die Abgeordnete Zeulner von der CDU/CSU wird. Dann tritt der neue Bundestag zusammen. 631 Menschen, jeder voller Visionen davon, etwas in der großen Politik zu bewegen; jeder mit dem Auftrag von Millionen Wählern der Parteien und Hunderttausenden im Wahlkreis. Für die Neulinge wie Emmi Zeulner kommt jede Menge Ehrfurcht hinzu: Sie haben es in die heiligen Hallen geschafft, wo über das Schicksal des Landes entschieden wird.

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Emmi Zeulner wird die jüngste Frau im Parlament sein, sie wird der größten Fraktion mit den mächtigsten Politikern der nächsten vier Jahre angehören. Aber wenn man sie fragt, ob sie denen auch mal die Meinung sagen werde, lacht sie. „Natürlich!“, sagt sie. „Ich finde schon die Frage lustig.“ Gerade hat ihr Mitarbeiter wieder einen Journalisten auf die Freisprechanlage durchgestellt: Seit dem Wahlsonntag ist Zeulner eine gefragte Frau. Auch, weil sie den Ex-Wahlkreis ihres berühmten Parteifreunds Karl-Theodor zu Guttenberg mit beachtlichem Ergebnis gewonnen hat: „Das beste in Oberfranken.“ Dabei hatte es sie schon überrascht, von der Partei als Direktkandidatin aufgestellt zu werden. Auch die CSU wird eben moderner. Zeulner etwa verliert kein schlechtes Wort über die SPD- und Grünen-Politiker, mit denen sie seit Jahren im Stadtrat und im Kreistag zusammenarbeitet.
Im Bundestag will sie nun in den Gesundheitsausschuss, als Ex-Krankenschwester will sie eine „Stimme für den Pflegebereich“ werden, sagt sie. Sie hat das schon öfter gesagt, es ist ihr erster Politikersatz, den sie sich für den Bundestag zurechtgelegt hat. Abgeordnete brauchen so etwas: griffige Sätze, klare Botschaft, gut zitierbar. Konkret will sich Zeuler darum kümmern, die Lage der Hebammen zu verbessern und gegen den Hausarzt-Mangel auf dem Land vorzugehen. Aber bisher konnten die Abgeordneten in ihren Fraktionen nur Wünsche einreichen. Bevor man nicht weiß, wie die Ministerien zugeschnitten sind, gibt es keine Ausschüsse.

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