Als Kaiser Friedrich I., auch Barbarossa genannt, 1190 während eines Kreuzzuges beim Baden ertrank, wurde sein Leichnam vom Unglücksort in der heutigen Türkei nach Antiochien gebracht, dort zerlegt und gekocht, um die Knochen besser vom Fleisch befreien zu können. Die blanken Gebeine ließen sich leichter zum weit entfernten Bestattungsort mitführen als ein verwesender Körper. Für die Berliner Prähistorikerin Heidi Peter-Röcher ist dies ein Paradebeispiel für ein Totenritual, das Mißverständnisse geradezu herausfordert.Finden Archäologen heute Menschenknochen mit Kochspuren ohne die passende Überlieferung, liegt der Schluß nahe, es habe sich um die Reste einer Mahlzeit gehandelt. In ihrer Dissertation kam Peter-Röcher bereits 1994 zu dem Schluß, daß die meisten Kannibalismus-Befunde von Archäologen auf Fehlinterpretationen beruhen. "Ich spreche nicht vom Not-Kannibalismus aus Hunger", fügt die Wissenschaftlerin von der Freien Universität Berlin hinzu, "den hat es unbestreitbar gegeben."Doch neue wissenschaftliche Ergebnisse zeichnen ein anderes Bild. Das amerikanische Wissenschaftsmagazin "Science" präsentierte kürzlich Hinweise auf intensiven Kannibalismus bei dem Indianervolk der Anasazi bis vor wenigen hundert Jahren. Der Archäologe Christy Turner wird seine Schlußfolgerungen, die auf Untersuchungen von rund 15 000 Skelettfunden aus dem Südwesten der USA beruhen, bald als Buch veröffentlichen. Er ist sich sicher, daß die Anasazi regelmäßig Menschenfleisch aßen: "Ich würde ein Jahr meines Gehalts darauf verwetten."Weltweit, schreibt "Science", würden derzeit Funde gemacht, die auf Kannibalismus von der Urgeschichte bis in die Neuzeit hinweisen. Und alte Knochenfunde werden neu interpretiert. So verdächtigt man zum Beispiel den Neandertaler, seine Mitmenschen gegessen zu haben. Darüber hinaus gelten die Bewohner der Fidschi-Inseln und die Azteken als Menschenfresser. Damit zeichnet sich eine Revision der Lehrmeinung ab, die bislang von dem Buch über den "Mythos Menschenfresser" von William Arens (The Man-Eating Myth; Oxford, 1979) geprägt war. Die meisten Forscher gehen seither davon aus, daß Kannibalismus eine Ausnahmeerscheinung war."Oh je, jetzt wird der Streit wieder losgehen ", stöhnt der Ethnologe Horst Cain. Der langjährige wissenschaftliche Mitarbeiter am Berliner Völkerkundemuseum und FU-Dozent ist Experte für ozeanische Kulturen, mithin auch für die als Menschenfresser verschrieenen Bewohner der Fidschi-Inseln und von Papua-Neuguinea. "Unsere Ethik darf man da nicht anwenden." Cain bezweifelt "im Grunde nicht, daß es Kannibalismus gegeben hat". Nicht nur aus Hunger, sondern auch "aus rituellen Gründen". Dabei weist Cain auf ein Totenritual auf Tuvalu im Westpazifik hin. Dort beobachtete der amerikanische Missionar George Turner im 19. Jahrhundert, wie die Kinder eines verstorbenen Häuptlings dessen Kopf abnagen mußten. Der Missionar hatte lange Zeit auf verschiedenen Inseln zugebracht und zwei nach Ansicht Cains "sehr sachliche Bücher" darüber veröffentlicht, weshalb der Ethnologe diese Berichte ­ im Gegensatz zu vielen anderen Zeugnissen ­ als zuverlässig einschätzt.Allerdings weiß Cain um die grundlegende Schwierigkeit der Debatte um den Kannibalismus: "Ich weiß von niemandem, der persönlich gesehen hat, wie andere Leute gegessen wurden." Cain kennt auch keine historischen Augenzeugenberichte von "Anthropophagie" ­ "außer die von Herman Melville". Der Autor von "Moby Dick" will auf einer polynesischen Insel heimlich zugesehen haben, wie Menschen verspeist wurden. In seinem Buch "Taipi" beschreibt er, wie die Opfer zu Paketen verschnürt an Stangen zum Verzehr getragen wurden. Doch "Taipi" wird von Ethnologen wegen vieler Ungereimtheiten nicht als authentisch eingestuft.Das Grundproblem ist denn auch für Cain nicht, ob es Kannibalismus gegeben hat oder nicht. Ihn stört vor allem, daß die Debatte darum stets emotional geführt wird. "Die Sache ist so abscheulich, daß viele Ethnologen, die auf eine Kultur spezialisiert sind, glauben, sich für ,ihr· Volk in die Bresche werfen zu müssen." Umgekehrt, fügt Cain hinzu, wollten manche Europäer und Amerikaner "die Wilden erst recht verteufeln und unterstellen ihnen deshalb Menschenfresserei".Das ist der Ansatzpunkt von Heidi Peter-Röcher. Für sie ist der Kannibalismus eher Ausdruck für das Andersartige, das Fremde. Sie hat in ihrer Dissertation die Quellen ausgiebig studiert und fand keinerlei verläßliche Augenzeugenberichte über Menschenfresserei. Vielmehr hätten einerseits die Völker selbst solche Mythen genährt, indem Einheimische Besuchern davon erzählten. Oder die Reisenden hätten bei ihrer Rückkehr nach Europa die abscheuliche Kunde verbreitet. Dies geschah häufig zu Zeiten der Konquistadoren. Dementsprechend gruselige Bilder wurden damals veröffentlicht, etwa das Bild auf dieser Seite. Für Heidi Peter-Röcher eine andere Form von Fremdenfeindlichkeit: "Wir kennen das doch von Darstellungen von Juden, die Kinder fressen oder bei Hexenbildern." Wie Cain sieht sie die den Fremden unterstellten Sexualpraktiken wie öffentlicher Beischlaf und extreme Promiskuität als ähnliche Unterstellungen.Wie aber erklärt sich Heidi Peter-Röcher die vielfältigen Schnitt- und Schabespuren, die manche Menschenknochen aufweisen ? "Diese sind vor allem bei Bestattungsriten entstanden", versichert sie. Für sogenannte Sekundärbestattungen, bei denen Tote ausgegraben und erneut beigesetzt werden, mußten oft Knochen "entfleischt" werden. Aber auch Tiere, einstürzende Grabhöhlen und Verletzungen hätten Spuren hinterlassen: "Dazu mußten die Leute nicht extra gegessen werden."Das wissen auch die Befürworter der Kannibalismusthese. Auf Einwände wie den der Berliner Prähistorikerin kontert Christy Turner jetzt in "Science": "Es gibt keine Bestattungszeremonie im Südwesten Amerikas, bei der der Körper zerlegt, der Kopf gebraten und der Rest achtlos weggeworfen wird."Freilich berichten Peter-Röcher und Cain von Praktiken, bei denen Köpfe von Feinden als Trophäen gesammelt wurden, Knochen von toten Maoris wurden auf Neuseeland wie bei einem "olympischen Wettschaben" (Cain) von Fleisch und Sehnen befreit, damit man sie quasi blankgeputzt aufbewahren konnte. Und Barbarossa war kein Einzelfall.Bis vor wenigen hundert Jahren wurden im christlichen Europa ­ sogar im Namen der Kirche ­ Menschen zerhackt, gekocht, gefoltert und verbrannt. "Aber eben nicht gegessen", sagt Peter-Röcher. Anderen Völkern habe man das jedoch unterstellt: "Kannibalismus ist die einzige Grenze zum Wilden, die uns bleibt."