Vor ein paar Tagen hat Katharina Dröge ihren knapp 900 Facebook-Freunden und der Welt statt einer Botschaft einen Seufzer geschickt: „Hatte selten so einen anstrengenden Tag wie gestern, aber war auch selten so zufrieden mit dem Ergebnis!“

Katharina Dröge ist 30 Jahre alt, sie war Landesvorsitzende der Grünen-Jugendorganisation in Nordrhein-Westfalen, Parteichefin in Köln, wurde 2013 in den Bundestag und dort zur Obfrau im einflussreichen Wirtschaftsausschuss gewählt. Und trotzdem hatte sie selten so anstrengende Tage? Nicht nur ihre Freunde wussten sofort Bescheid: Sie wurde mit Glückwünschen überschüttet – zum Erstgeborenen.

Nun sitzt Katharina Dröge in ihrer Kölner Wohnung, das Kind schläft auf ihrem Bauch, und Mama spricht am Telefon ausnahmsweise in der kurzen Babypause über Politik. „Ich habe Glück, dass mein Mutterschutz in die Sommerpause übergeht. So verpasse ich nicht zu viele Abstimmungen und muss nicht acht Wochen nach der Geburt wieder voll arbeiten.“

Keine Elternzeit im Bundestag

Aber die Schonzeit ist kurz. Abgeordnete erhalten keine Elternzeit – das Stillen spielt so wenig eine Rolle wie die langen Wege zwischen Berlin und Wahlkreis. Zwar ist Dröges Lage längst nicht mehr exotisch: Noch nie saßen so viele Frauen im Bundestag; allein bei den Grünen bekamen seit der Wahl elf Abgeordnete Kinder. Doch das Parlament ist noch nicht recht darauf eingestellt. Überhaupt ist der Bundestag kein Arbeitsplatz, an dem sich Beruf und Familie gut verbinden lassen.

Das zeigt sich gerade wieder einmal: Nach den letzten Plenarsitzungen vor der Sommerpause hat Bundestagspräsident Lammert die Abgeordneten gewarnt: „Schwimmen Sie nicht so weit raus.“ Denn wegen Griechenland kann es noch in dieser Woche zu Sondersitzungen kommen. Schon im vorigen Jahr brachen die Abgeordneten ihren Urlaub ab, um über Waffenlieferungen an die Kurden zu debattieren.

Dabei ist die Sommerpause für viele Parlamentarier die einzige Phase im Jahr, in der sie wirklich Zeit für Familie und Freunde haben: Die Sitzungswochen bestehen oft aus 12-Stunden-Tagen mit Fraktions-, Ausschuss-, Arbeitsgruppen- und Plenarsitzungen; dazu Abendtermine, Arbeitsessen, Netzwerk- und Journalisten-Treffen. Was vom Tage übrig bleibt, sei Gift für jedes Privatglück, warnte der Kieler FDP-Politiker Wolfgang Kubicki: „Sie sind den ganzen Tag unter Druck, abends wartet Ihr Apartment auf Sie, sonst niemand.“ Er selbst würde in Berlin wohl zum Trinker oder Hurenbock, sagte er, wegen „dieser Abende, an denen man nur abschalten will“. Die langjährige Grünen-Abgeordnete Claudia Roth erzählte, wie der Dauereinsatz für die Politik Beziehungen scheitern lässt: „Einsamkeit ist in dem Job schon ein Thema.“ Hinzu kommt die Droge Wichtigkeit, die Politiker wie Wolfgang Bosbach trotz Krebserkrankung immer wieder in den Bundestag zieht; die CDU sei für ihn ebenso Familie wie Frau und Töchter, sagte er einmal.

Für die Veteranen gehört das zur Normalität: Sitzungsmarathons, Parteitage, Delegationsreisen, Präsenztermine bei Verbänden und im Wahlkreis. Auch für Neulinge gibt es da keine Ausnahme. Fragt man in deren Bekanntenkreis, was die größte Veränderung seit dem Parlamentseinzug sei, hört man am häufigsten: Man sieht sie viel seltener.

„Man muss sein Privatleben anders organisieren. Das fordert verständnisvolle Freunde“, sagt Harald Petzold, der 2013 für die Linke in den Bundestag kam. Pro Vierteljahr habe er ungefähr einen freien Sonntag. Auch wenn er in seinem Wahlkreis arbeitet, ist der Kalender voll. Jetzt ballt es sich sonntags gerade wieder: Sommerfeste, Vereinsfeiern, Kirchen- und Kleingartentermine.

„Das sind oft Feste von Bürgern. Die haben viel Arbeit reingesteckt und eben nur am Wochenende Zeit“, erklärt Petzold. „Ich jammere nicht.“ Er zuckt die Schultern. „Für mich gehört das zum Mandat dazu.“

Natürlich hat er es als Kinderloser, dessen Lebenspartner im Ausland lebt, leichter als junge Eltern. Die Proben mit seiner Klezmer-Band werden freilich seltener, und ob er der Musik auf Dauer treubleiben kann, ist offen. Nur: Wie soll die Lösung aussehen? „Wir würden uns keine Freunde machen, wenn wir Sonntagstermine meiden“, sagt er. Auch bei Dorffesten werde registriert, welche Wahlkreisvertreter vorbeischauen – und welche nicht.

Ist Kinderlosigkeit also ein Wettbewerbsvorteil? Ist Familienferne ein Karriere-Beschleuniger?

Die junge Mutter Katharina Dröge weiß, dass sie bald enormes Organisationstalent braucht. Nach der Sommerpause wird sie wieder im Bundestag antreten, und während sie sich dann durch Kartellrecht und Freihandel kämpft, wird ihr Mann in Elternzeit gehen. Danach müssen sie gemeinsam austüfteln, wie sie ein Leben zwischen Köln und Berlin führen und eine flexible Kinderbetreuung finden können. „Vieles müssen wir auf uns zukommen lassen“, sagt Dröge.

Vor Herausforderungen steht aber auch die Grünen-Fraktion: Wenn elf von 63 Abgeordneten nicht mehr zu jeder Tageszeit einsatzfähig sind, braucht es kreative Lösungen. Schwangerschaftsvertretungen gibt es nicht – weil die Abgeordneten für vier Jahre gewählt sind. Nachrücker für ein Jahr zu holen und danach das Mandat zu entziehen, wäre verfassungsrechtlich unmöglich.

Also stehen junge Mütter vor der Wahl: Mandat aufgeben – oder es mit der Mutterschaft vereinen. Für Dröge stand der Ausstieg aus der Politik nie zur Debatte: „Ein Kind zu bekommen, müsste völlig normal sein, egal in welchem Beruf, und wo man in der Karriere gerade steht.“ Sie kennt viele Freundinnen, die fürchten, den falschen Zeitpunkt zu erwischen und Nachteile für sich selbst im Job oder für das Kind zu riskieren. „Keine Angst!“, lautet hingegen Dröges Botschaft: „Wenn man ein Kind will, ist es keine Option, darauf zu verzichten. Sonst ändert sich die Arbeitswelt nie.“

Erst vor zwei Wochen stellten weibliche Abgeordnete mit Kindern eine überparteiliche Initiative vor. Ihr Ziel ist die Verbesserung des Bundestagsbetriebs. Zu der Gruppe gehören sowohl die frühere CDU-Familienministerin Kristina Schröder als auch Linken-Chefin Katja Kipping. „Wir reden viel über unsere Anforderungen an Firmen, was Vereinbarkeit von Beruf und Familie angeht“, erklärten sie: „Für unsere eigene Glaubwürdigkeit müssen wir auch an den Politikbetrieb ran.“

Ihre Bestandsaufnahme ergab: Weder sind die Parlamentsgebäude babyfreundlich, noch der Politikbetrieb effizient und flexibel genug. Manchmal würde schon eine Videoschalte statt langer Anfahrten helfen. Bislang sind Kinder nicht einmal im Plenarsaal erlaubt, wenn kurzfristig nächtliche Abstimmungen angesetzt sind.

An der Arbeitsgruppe hatte sich auch Katharina Dröge beteiligt, als sie noch schwanger war. „Mir war es wichtig, dass man angeben kann, wenn man wegen Mutterschutzes oder eines kranken Kindes fehlt“, sagt sie. Bislang wird man nur als „abwesend“ vermerkt – und findet sich schnell in Statistiken unter den „faulsten Abgeordneten“ wieder.

Auch Ute Finckh-Krämer von der SPD unterstützt die Initiative, obwohl ihre Söhne schon erwachsen sind. Sie erinnert sich aber noch, wie schwierig es war, sich als berufstätige Mutter kleiner Kinder weiterhin ehrenamtlich zu engagieren. Als sie von den Nöten der Mütter mit Mandat hört, sagt sie: „Ich weiß schon, warum ich das damals gar nicht erst versucht habe.“

Heute muss sie wegen des vollen Kalenders ihre Aktivitäten in der Friedensbewegung einschränken; ihren Mann sieht sie in den Sitzungswochen kaum.

Doch in der Öffentlichkeit darf kein Abgeordneter Applaus erwarten, der über die Belastung des Jobs spricht. Im Internet machen Bürger gern ihrem Zorn Luft auf die „Privilegierten, die noch mehr Privilegien fordern“. So konnte man in Kommentaren über die Mütter-Initiative lesen: „Hat sie ja niemand gezwungen, zu kandidieren!“ Zu den freundlicheren Hinweisen gehört noch, dass der Bundestag einen eigenen Kindergarten habe und die Abgeordneten genug verdienten.

Die Mütter bestreiten nicht, privilegiert zu sein – wobei die Bundestags-Kita für die Kinder der 6 000 Beschäftigten gedacht ist, die in Verwaltung und Service des Bundestags arbeiten. Und so sehr man Pensionsansprüche, Nebeneinkünfte und Lobbykontakte mancher Parlamentarier hinterfragen muss: Wenn die Nörgler sich nachts im Netz austoben, sitzen Abgeordnete oft noch in Abstimmungen, bei Verbandsterminen, über Aktenstapeln.

Emmi Zeulner sieht das Thema dennoch skeptisch. Die CSU-Gesundheitspolitikerin, 28 Jahre und kinderlos, hat als Krankenschwester im Wochenend- und Schichtdienst gearbeitet, an der Seite junger Mütter, die Beruf und Familie auch koordinieren mussten. „Ja, unsere Tage als Abgeordnete sind eng verplant“, sagt Zeulner. „Aber wir machen unseren Job ja gerne. Weil wir gestalten wollen und dafür vernetzt und informiert sein müssen.“ Das Problem der Belastung fürs Privatleben hätten aber viele Menschen.

Sie selbst weiß, dass sie für Freunde weniger Zeit hat als früher, obwohl sie auch da schon Kommunalpolitik und Studium verbinden musste. Ihre beste Freundin ist Stewardess. „Wenn sie von München fliegt, können wir uns manchmal auf einen Kaffee treffen.“ Aber selbst das sei selten, gibt sie zu.

Mit flauem Gefühl in den Flieger

Haben Abgeordnete nach Jahrzehnten im Bundestag überhaupt noch Freunde jenseits der Politik?

Am Kern des Problems geht die Frage vorbei. Denn der Bundestag soll ja das Volk nicht regieren, sondern vertreten. Repräsentieren. Die Frage lautet also besser: Ist es nicht so, dass eine junge Mutter im Bundestag, die ewig nach einer Kita gesucht hat, eine Verkäuferin in derselben Lage besser versteht? Fallen ihre finanzpolitischen Entscheidungen nicht möglicherweise anderes aus als die von Singles oder von Männern, deren Ehefrau die Kinder im fernen Wahlkreis betreut?

Vielleicht müssten also gerade die jungen Familien, die argwöhnisch auf die Privilegien der Abgeordneten schauen, ein Interesse an besserer Vereinbarkeit von Mandat und Familie haben – oder selbst in die Politik gehen. Das fiele wohl leichter, wenn das Politikerleben nicht so familienunfreundlich wäre.

Inzwischen hat die Sommerpause richtig begonnen. Katharina Dröge konnte sich noch in aller Ruhe ums Baby kümmern. Harald Petzold brach mit flauem Gefühl in den Urlaub auf. Emmi Zeulner blieb in Franken. Ute Finckh-Krämer ist mit ihrem Mann zum Bergwandern gefahren; im August stehen wieder Termine im Wahlkreis an.

Doch wie es aussieht, kann schon bald eine Sondersitzung auch im Urlaub anberaumt werden. Die übliche Warnfrist beträgt 48 Stunden. Letztes Jahr, als Finckh-Krämer ihre Sommerpause für eine Sondersitzung des Auswärtigen Ausschusses zur Ukraine-Krise unterbrach, ließ sie ihren Mann im österreichischen Ferienort zurück und fuhr mit dem Nachtzug nach Berlin.

In diesem Jahr hat sie ihr Urlaubsziel auf schnelle Rückkehr-möglichkeiten überprüft. Es gibt eine tägliche Fluganbindung.