BERLIN. In elf europäischen Ländern werden Anfang 2002 die individuellen Banknoten verschwinden, sie müssen dem Euro Platz machen. Also werden sie bald ausgemustert sein, die Segelschiffe auf den portugiesischen Geldscheinen oder die schöne gelbe Sonnenblume und der poppige Leuchtturm in den Niederlanden. In Frankreich verschwinden Saint-Exupérys kleiner Prinz und der Eiffelturm von den Scheinen; keine Wildgänse in Finnland mehr, kein Saxofon in Belgien. Der Kolumbus in Spanien und der Caravaggio in Italien kommen ebenso weg wie James Joyce in Irland oder Sigmund Freud in Österreich. Über diese Veränderungen sprach die "Berliner Zeitung" mit dem Banknoten-Gestalter Reinhold Gerstetter, dessen deutsche Geldschein-Serie ebenfalls weichen muss. Wenn die Einheitswährung kommt, ist das nicht auch ein bisschen schade um das schöne Geld?Vom ästhetischen Standpunkt betrachtet ist das natürlich schade, gar keine Frage. Aber der Euro ist ja eigentlich viel mehr eine politische Angelegenheit als eine ästhetische. Auch wenn jetzt viele Banknoten verschwinden, an deren Design ich beteiligt war, denke ich, dass die Einführung des Euro sinnvoll ist.Aber der kulturelle Verlust bleibt...Es ist eigentlich sehr viel schöner, wenn man ein Land direkt identifizieren kann mit seiner Banknote. Das war ja immer so, wenn man gereist ist. Ich selbst habe natürlich ganz gern die von mir gestalteten deutschen Banknoten gegen meine spanischen Scheine getauscht, wenn ich in Urlaub fuhr. Dieser Spaß fällt jetzt weg. Doch der praktische Nutzen des Euro wird eben erheblich sein. Der Preisvergleich ist leichter; das Umwechseln, das viele lästig finden, ist dann nicht mehr notwendig.Ihre deutschen Banknoten werden nun schon seit mehr als einem Jahr nicht mehr gedruckt. Stimmt Sie das melancholisch?Natürlich finde ich das traurig, schließlich geht etwas sehr Intimes verloren, mit dem ich mich sehr lange und intensiv beschäftigt habe.Was bedeutet der Wegfall der individuellen Währungen für ihre Arbeit?Mir wird die Arbeit nicht ausgehen, weil ich immer international tätig war und auch Briefmarken entworfen habe. Ich mache auch sehr viel Sicherungsgeschichten - eine Banknote ist ja nicht nur eine reine gestalterische Angelegenheit, das hat ja sehr viel zu tun mit innovativer und modernster Sicherheitstechnik. Es gibt Sicherheitstechnik, die geheim ist, die nur die Banken kennen und nutzen. Und dann gibt es die Echtheitsmerkmale, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Diese Technik sinnvoll und auf ansehnliche Weise mit der Grafik zu verbinden, das ist die eigentliche Kunst. Daran wird jede Banknote gemessen.Was ist ihre Meinung zu der Ästhetik der Euro-Banknoten-Serie? Die jetzige Euro-Serie mit den neutralen Fantasie-Bauwerken und Andeutungen von Baustilen ist natürlich eine europäische Kompromisslösung. Aber so war eben die Aufgabenstellung für die Gestalter, möglichst neutral und nicht national festgelegt. Ich persönlich denke aber, dass in der Zukunft die Köpfe auf den Euro-Banknoten wiederkommen werden. In sechs, acht, zehn Jahren, wenn eine neue Euro-Serie erscheint, wird es wieder Porträts geben. Davon gehe ich aus. Das wird eine Serie mit den großen Europäern oder mit den großen Philosophen sein, wo sich dann auch alle Länder in irgendeiner Form wiederfinden können.Den Euro-Noten mit ihren Säulen, Fenstern und Brückenbögen scheint ein bisschen das Gesicht zu fehlen.Porträts auf Banknoten haben nicht nur aus ästhetischen Gründen diese lange Tradition. Das Porträt hat den großen Vorteil, dass es von den Menschen leichter zu erkennen ist. Da fällt es leichter zu unterscheiden als zwischen römischem und griechischem Baustil.Ein Schein wird eher als echt oder falsch erkannt über das Porträt?Kleine Veränderungen fallen da auch ungeübten Menschen schneller auf. Auch im täglichen Umgang mit unseren Mitmenschen schauen wir ja stärker auf das Gesicht als auf irgendetwas Anderes. Das ist etwas, auf das der Mensch innerlich sehr geprägt ist. Dann kommt noch hinzu, dass ein Porträt auf dem Geldschein bislang meistens im Stahlstich gestochen wurde. Das hat den großen Vorteil von mehr Feinheit, Individualität und Dreidimensionalität. Das kann die Computertechnik noch nicht ersetzen. Aus Kostengründen wird heute aber immer öfter geätzt und nicht gestochen. Denn für ein Porträt auf einer Banknote, da braucht ein guter Stecher immerhin noch zwei bis drei Monate. Das ist ein Kostenfaktor.Welche Unterschiede gibt es denn da bei den Banknoten?Das kann erheblich sein, zumal moderne Sicherheitsmerkmale sehr teuer sind. Die schweizerische Banknote beispielsweise ist etwa dreimal so teuer wie die deutsche oder jede andere Banknote. Die haben sich die aufwendige Technik und Gestaltung einfach geleistet, weil die Schweiz ein kleines Land ist, das mit einer relativ niedrigen Auflage von Banknoten arbeiten kann.Bei den Euro-Münzen ist für eine Seite eine nationale Gestaltung vorgesehen. Für eine Einheitswährung ist das inkonsequent, oder nicht?Eigentlich schon. Ich muss ganz ehrlich sagen, das ist so einer von den schlechtesten Kompromissen. Darauf hätte man wirklich verzichten können. Erstens ist es nicht besonders hübsch, weil es einfach die Serie stört. Und zweitens haben Sie dann ein Gemisch, das auch gefährlich ist, wenn man an die Fälscher denkt. Bei den Scheinen wurde glücklicherweise auf nationale Varianten verzichtet. Denn so was ist nicht nur wegen der Fälschungsmöglichkeiten ungut. Man bedient damit auch die Chauvinisten, die dann zur Bank gehen und sagen: Nein, ich will nur den deutschen Euro oder einen französischen. Das fördert nicht den europäischen Geist.Gibt es für Sie weltweit so etwas wie eine Lieblingsbanknote?Ich kenne zu viele, deshalb gibt es keinen echten Favoriten. Sympathisch ist mir eigentlich eine etwas stärker modern gestaltete Banknote, wie in den Niederlanden oder in der Schweiz, wo in hohem Maße zeitgerechtes Design mit modernster Sicherheitstechnik das Erscheinungsbild prägt.Die Deutschen haben international betrachtet einen besonders starken Hang zum Bargeld, es ist sehr viel Bargeld im Umlauf. Wie erklären Sie sich das?Vielleicht sind wir Deutschen, obwohl wir uns modern geben, doch recht konservativ. Wenn ich mir etwa anschaue, wie die Briten mit dem Internet und anderen modernen Medien umgehen, da sind wir dann doch noch weit zurück. Oder wenn ich sehe, wie die Franzosen so mutig sind in ihrer Architektur. Da habe ich manchmal das Gefühl, uns fehlen einhundert Jahre. Ich weiß, das ist eine sehr zugespitzte Aussage.Also die Leute kleben bei uns stärker an Konventionen und also auch am Bargeld?Ich denke, es gibt ein starkes Sicherheitsbedürfnis. Vielleicht haben die Leute auch Angst vor der Technik. Ich rede ja nicht von den ganz jungen Menschen, die sind da aufgeschlossener, das ist klar.Und wie halten Sie selbst es mit dem Bargeld?Wenn ich reise, dann nehme ich nie zu viel Bargeld mit, sondern bezahle, wann immer es geht, mit der Kreditkarte. Das ist sehr viel bequemer und letzten Endes auch billiger, weil die Umtauschrate günstiger ist.Das Gespräch führte Hans- Hermann Kotte.Der Gestalter und das Geld // Der Designer Reinhold Gerstetter wurde am 18. Oktober 1945 in Leonberg (Württemberg) geboren. Er studierte Grafik an der Höheren grafischen Fachschule Stuttgart. Als Werbegrafiker und Art-Direktor arbeitete er für Werbeagenturen in London, Haifa und Berlin.Seit 1979 arbeitet er für die Bundesdruckerei in Berlin. Er gestaltete Banknoten, Briefmarken und behördliche Grafik. Er entwarf Geldscheine für Bolivien, Peru, Spanien und die Bundesrepublik Deutschland. Briefmarken gestaltete er für Moldavien, Palästina, die Bundesrepublik sowie das Land Berlin.Die Euro-Scheine wurden von dem österreichischen Künstler Robert Kalina entworfen. Seinem Entwurf liegt das Thema "Zeitalter und Stile in Europa" zu Grunde. Gezeigt werden Architekturstile aus sieben definierten "Epochen" der Kulturgeschichte: Klassik, Romanik, Gotik, Renaissance, Barock und Rokoko, Eisen- und Glasarchitektur sowie moderne Architektur.Die Schweizer Banknoten sind sehr modern gestaltet und gelten als besonders sicher. Viele Sicherheitsmerkmale sorgen für einen hohen Herstellungspreis. Die Franken-Noten gehören zu den teuersten Scheinen der Welt. / BERLINER ZEITUNG Auf der 50-Franken-Note der Schweiz: Die Dada-Künstlerin Sophie Taeuber-Arp.