ATHEN, 17. März. Die Natur steht oft Pate, wenn Sportler nach Wegen suchen, noch schneller ihr Ziel zu erreichen. Die neuste Kreation im Schwimmen nahm sich passenderweise den Hai zum Vorbild, genauer gesagt dessen Haut. "Fast Skin" (schnelle Haut) nennt die Firma Speedo ihre jüngste Entwicklung, einen hautengen Ganzkörperanzug für Spitzenschwimmer. Bei der Kurzbahn-Weltmeisterschaft in Athen präsentierte der Ausstatter der führenden Schwimmnationen das Stück Stoff, das nach Herstellerangaben dem Träger drei Prozent Zeitgewinn bringt.Widerstand verringertDas Geheimnis sind hauchdünne Schuppen, die auf der Oberfläche des hochdehnbaren Materialgemisches aus Polyester und Elastan sitzen. Ähnlich wie die Hai-Haut sollen sie - in Schwimmrichtung angeordnet - den Widerstand des Wassers verringern, wenn es am Körper vorbeiströmt. Die Innenseiten der Unterarme sind zudem angeraut, um beim Armzug größeren Vortrieb zu erzielen. Firmenchef Joe Fields tönt: "Dieser Anzug hilft den Schwimmern, sich schneller durchs Wasser zu bewegen als je zuvor."Fragt sich nur, ob das erlaubt ist. Denn das Reglement des internationalen Schwimmverbandes Fina untersagt jedes Mittel, das "Geschwindigkeit, Auftrieb oder Gleitfähigkeit" fördert. Zweimal fragte deshalb John Coates, Vizepräsident des australischen Olympischen Komitees, bei Fina-Präsident Mustapha Larfaoui nach. Der antwortete knapp, dass jedes NOK die Ausrüstung seines Teams selbst wähle. Die Fina überwache nur, ob sie Regel-konform ist. In den Augen von Fina-Generalsekretär Gunnar Werner ist ein Badeanzug "kein Hilfsmittel". Der Regeltext sei zwar weit gefasst, aber eigentlich eingeführt worden, um Schwimmern Flossen, Handschuhe und Ähnliches zu verbieten.Wirklich beruhigt hat das die Australier, die bei den Olympischen Spielen in ihrer Hauptstadt Sydney im September auf vielen Schwimm-Strecken Topfavoriten ins Rennen schicken, nicht. "Ich bin besorgt, dass die Fina sich nicht an ihre eigenen Regeln gehalten hat", sagte Coates australischen Journalisten, "es besteht die Gefahr, dass sie nicht präzise genug sind und Goldmedaillen aberkannt werden."Sollte der Anzug jedoch tatsächlich einen Vorteil bringen, drohen die Australier im eigenen Land hinterherzuschwimmen, wenn sie einseitig verzichten. Die beiden australischen Weltmeister Michael Klim und Grant Hackett testen das neue Produkt jedenfalls seit Wochen im Institut of Sports in Canberra. Dennoch hat der australische Schwimmverband seinen Athleten klar gemacht, dass sie die Haifischhaut bis auf weiteres "auf eigenes Risiko" überstreifen. Coates sieht nur einen Ausweg aus dem Dilemma: "Das internationale Sport-Schiedsgericht sollte sich mit dem Fall beschäftigen." Das hätte nämlich das letzte Wort, sollte bei den Olympischen Spielen jemand gegen den neuen, rund 600 Mark teuren Ganzkörperanzug klagen, nicht der Weltverband Fina. Firmenchef Fields war bei der Präsentation in Athen jedenfalls überzeugt: "Dieser Anzug wird Wellen schlagen." Offen ist derzeit nur, ob mehr im oder mehr außerhalb des Schwimmbeckens.