Neue Positionen und mehr Geld: Jungforscher sollen Appetit auf Deutschland bekommen: Das Land der zehntausend Stellen

Die Italiener, Spanier und Franzosen seien sehr neidisch gewesen, berichtete der junge Deutsche. Er hatte den Kollegen erzählt, wie viele hochrangige Forschungsmanager und Politiker nach San Francisco gekommen waren, um deutsche Nachwuchswissenschaftler für eine Rückkehr in die Heimat zu begeistern. Von so viel Zuwendung könnten Kollegen aus anderen Ländern in seinem Labor nur träumen, sagte der Jungforscher, der zurzeit an der University of California in San Franciso (UCSF) arbeitet.Tatsächlich liest sich die Liste der Delegation, die sich am Wochenende an der US-Westküste zu einer zweitägigen Konferenz eingefunden hatte, wie ein Who's who der deutschen Wissenschaftsszene. Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz war da, der Präsident der Kultusministerkonferenz, der parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, drei Mitglieder des Bildungsausschusses im Bundestag, Uni-Präsidenten und Chefs von Wissenschaftsorganisationen. Ihre Kernbotschaft: "In Deutschland sind die Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr, es gibt viele offene Positionen: Wir brauchen Sie dringend."So deutlich hatten das die rund 230 deutschen Jungforscher, die im Westen der USA und Kanadas arbeiten, noch nie zu hören bekommen. Sie waren zur Tagung des German Academic International Network (Gain) gekommen, bei der sich Stipendiaten deutscher Förderorganisationen jährlich abwechselnd an der Ost- oder an der Westküste der USA treffen. "Vor fünf Jahren dachten wir, Deutschland habe uns vergessen", erinnerte sich ein Teilnehmer. Entsprechend aggressiv sei damals die Stimmung gewesen. Doch diesmal war alles viel lockerer: Denn die Emissäre aus der Heimat hatten Dinge im Gepäck, die bei Gain-Konferenzen jahrelang gefordert worden waren und die sie nun vor den Augen des staunenden Publikums auspacken konnten.Zum Beispiel neue Stellen. Thomas Rachel, der parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, sprach von dreitausend bis fünftausend zusätzlichen Posten - vor allem an den Universitäten. Die können sich Neueinstellungen durch die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder leisten. Rechne man die Mittel aus dem Hochschulpakt hinzu, sei bis 2010 sogar mit zehntausend neuen Stellen zu rechnen, sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz, Jürgen Zöllner, in San Francisco. Hinzu komme der Generationswechsel an den Hochschulen: Bis zum Jahr 2014 scheide die Hälfte der deutschen Professoren aus ihren Ämtern, die dann Jüngeren offenstünden. Zöllner: "Für die wirklich guten Leute gibt es mit absoluter Sicherheit Stellen." Allerdings werde es kaum möglich sein, jede Position in der Kürze der Zeit optimal zu besetzen. Deshalb rät Zöllner zu befristeten Verträgen und der weltweiten Suche nach hochkarätigen Wissenschaftlern."Der Wandel in Deutschland ist umfassender als viele glauben", versicherte Michael Ghadimi in San Francisco. Der Mediziner war einige Jahre als Postdoktorand an der Ostküste tätig, bevor er ein Jobangebot der berühmten Johns Hopkins University ausschlug und stattdessen eine Offerte der Universitätsklinik Göttingen annahm. Dort arbeitet Ghadimi jetzt als leitender Oberarzt.Früher sei die Altersgruppe zwischen Dreißig und Vierzig in Deutschland völlig vernachlässigt worden. Aber mittlerweile gebe es für sie zahlreiche Optionen, darunter den Tenure track, wie ihn Forscher aus den USA kennen. Mit dem Begriff wird eine Laufbahn bezeichnet, die jungen Wissenschaftlern eine verlässliche Karriere an der eigenen Hochschule eröffnet. Bundesweit eingeführt ist der Tenure track noch nicht, weil die entsprechende Regelung Ländersache ist. In San Francisco berichteten jedoch Vertreter der Universitäten Heidelberg, Marburg, Jena und Aachen von entsprechenden Vorhaben.Bewegung gibt es auch bei einem anderen Reizthema: der Frage nämlich, wie viele Stunden ein Universitätsprofessor lehren muss. Die in Deutschland üblichen acht oder neun Semesterwochenstunden seien zu viel, kritisierte so mancher Jungwissenschaftler bei der Tagung. In den USA müsse man viel weniger unterrichten und habe dadurch mehr Zeit für die Forschung.Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, will das Problem individuell und flexibel lösen. Denkbar sei es etwa, dass ein Forscher zeitweise von der Lehre entlastet werde und sich dafür später stärker engagiere. Vor einer reinen Forschungsprofessur ohne Lehre oder umgekehrt, vor Lehre ohne Forschung, warnte Wintermantel jedoch. Und Jürgen Zöllner sagte für die Kultusminister der Länder: "Wer nach Deutschland zurückkehren will, sollte auch Lehre machen wollen."Bei manch einem mag die Abneigung gegen das Lehren mit fehlender Übung zu tun haben. Es werde daher über Trainings für Hochschullehrer nachgedacht, bei denen auch zeitgemäße didaktische Methoden vermittelt werden, kündigte Wintermantel an: "Es wird uns sicher gelingen, bessere Lehr- und Lernbedingungen herzustellen." Überhaupt scheint das Thema Führungskräfte-Weiterbildung Konjunktur an deutschen Hochschulen zu haben. "Mit dem Aussieben von Naturtalenten sind wir durch - jetzt müssen wir Leute aufbauen", sagte etwa Manfred Nettekoven, der Kanzler der RWTH Aachen auf der Tagung. Er sprach von Mentoring-Programmen, in denen junge Professoren nicht nur lernen, wie man am besten Förderanträge schreibt, sondern auch, wie man ein Projekt managt oder Forschergruppen zusammenstellt und führt. In vielen US-Universitäten sind solche Angebote üblich, die meisten deutschen Hochschulen aber fangen damit gerade erst an. "Geben Sie uns noch ein, zwei Jahre, dann haben wir mehr vorzuweisen", bat Manfred Nettekoven die Jungforscher in San Francisco.Für etwas Geduld warben die Wissenschaftsmanager und Politiker auch bei zwei weiteren Schwachpunkten des deutschen Systems: dem niedrigen Frauenanteil unter den Professoren und den relativ niedrigen Grundgehältern. "Was die Gleichstellung von Mann und Frau im Wissenschaftssystem angeht, werden wir den Druck erhöhen", kündigte der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, an.Darüber hinaus wolle er sich stärker als bisher für einen Wissenschaftstarifvertrag einsetzen, der Hochschullehrern zu einer besseren Besoldung verhelfe. Derzeit beträgt das Grundgehalt eines Professors in Westdeutschland am Anfang seiner Karriere rund 3 400 Euro - "in den USA kann ich leicht das Doppelte verdienen", sagte ein Tagungsteilnehmer in San Francisco. Zwar seien auch jetzt schon flexible Lösungen und beachtliche Zuschläge möglich, hieß es bei der Konferenz, aber kaum eine Universität mache von der Option Gebrauch. Verbesserungen dürfte das Wissenschaftsfreiheitsgesetz bringen, dessen Eckpunkte das Bundeskabinett kürzlich bei seiner Klausurtagung in Meseberg festgelegt hat. Das darin vorgesehene Gehaltssystem orientiere sich an den internationalen Gepflogenheiten, versprach Staatssekretär Thomas Rachel."Wir sehen die Fortschritte in Deutschland", lobte Martin Frank am Ende der Tagung. Frank arbeitet als Physiker in den USA und vertritt die Interessen der Nachwuchswissenschaftler im Beirat von Gain. Er hoffe inständig, dass es sich dabei nicht um ein Strohfeuer handele. Da könne er beruhigt sein, entgegnete DFG-Präsident Kleiner: "Der Geist ist aus der Flasche, er lässt sich nicht wieder hineinstopfen."------------------------------"Wer nach Deutschland zurückkehren will, sollte auch Lehre machen wollen." Jürgen Zöllner, Präsident der Kultusministerkonferenz------------------------------"Was die Gleichstellung von Mann und Frau im Wissenschaftssystem angeht, werden wir den Druck erhöhen." Matthias Kleiner, DFG-Präsident