von Rolf Degen Ohne Zärtlichkeit können Kinder nicht gedeihen. Das weiß man schon lange. Nun liegen erstmals nachprüfbare Beweise dafür vor, daß die frühen Streicheleinheiten die Funktion des Gehirns dauerhaft beeinflussen. Wie der Biologe Michael Meaney von der Universität Montreal jetzt in der Zeitschrift "Science" zeigt, sind Tierjunge, die in den ersten Tagen nach der Geburt ausgiebig liebkost werden, ein Leben lang besser gegen Streß gefeit. Denn ihr Nervensystem scheint dadurch dauerhaft geformt zu werden. Die Forscher glauben, daß ihre Ergebnisse im Prinzip auf den Menschen übertragbar sind und vielleicht sogar eine Handhabe gegen die Alzheimer-Krankheit bieten könnten.Bereits Charles Darwin machte darauf aufmerksam, daß die ersten Sinneseindrücke von Säugetieren Tastempfindungen sind: Bereits im Mutterleib bekommen sie viele Berührungen zu spüren. Forschungen haben in den letzten Jahrzehnten klar gezeigt, wie wichtig früher Hautkontakt für eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung bei Säugetieren ist. So lecken viele Tiermütter ihre Jungen im Analbereich und bringen damit die Magen-Darm-Funktion in Schwung. Äffchen, die ohne Körperkontakt aufwuchsen, entwickelten schwere Verhaltensstörungen und starben weitaus früher als umsorgte Altersgenossen.Spuren im Nervensystem Bereits 1957 demonstrierte der amerikanische Psychiater Seymour Levine an Ratten, daß die Häufigkeit des Hautkontakts die Reaktion ihres Nervensystems auf äußere Reize dauerhaft verändert. Er hob die kleinen Nager in den ersten zehn Lebenstagen täglich 15 Minuten aus dem Nest und gab ihnen das, was im Fachjargon als "Handling" bezeichnet wird: Er berührte und streichelte die Tierchen. Die Folgen waren nachhaltig. Gerieten die erwachsenen Tiere in eine Streßsituation, verhielten sie sich weitaus gelassener und produzierten weniger Streßhormone als Tiere, die kein Handling bekommen hatten.Im Nervensystem aller Säugetiere gibt es einen speziellen Regelkreis, der den Körper in Streßsituationen mit aktivierenden Signalstoffen durchflutet. Zuerst läßt der Hypothalamus, ein walnußgroßes Gebilde im Zwischenhirn, den chemischen Faktor CRF austreten, der die Hirnanhangdrüse zur Abgabe des Hormons ACTH bewegt. ACTH schließlich regt die Nebennierenrinde an, diverse Streßhormone auszuschütten. Diese Glucocorticoide, allen voran das Cortisol, sorgen dafür, daß der Körper kurzfristig mehr Energie bereitstellt. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel richtet jedoch Nervenzellen (Neuronen) in bestimmten Gebieten des Gehirns zugrunde.Bei denjenigen Ratten, die in ihrer Kindheit von den Wissenschaftlern gestreichelt worden waren, reagierte der gesamte Regelkreis gedämpft; das CRF, das ACTH und die Glucocorticoide rieselten nur spärlich. Bei diesen Tieren kam es auch nicht zu den für Ratten typischen Abbauerscheinungen des Gehirns im höheren Alter, die Ähnlichkeiten mit der Alzheimer-Krankheit beim Menschen haben.Sicherheitsorgan im Hirn Es wird schon länger vermutet, daß das Handling die Funktion eines "Sicherheitsorgans" im Gehirn stärkt, das die Tiere vor einem Ausufern der chemischen Streßreaktion bewahrt. Dabei handelt es sich um den sogenannten Hippocampus, der dicht mit Bindestellen (Rezeptoren) für Cortisol besiedelt ist. Sobald diese sehr viel von dem Signalstoff registrieren, wird die Notbremse gezogen: Der Hippocampus stoppt den CRF-Impuls im Hypothalamus und stoppt die Wirkungskaskade.Die frühen Streicheleinheiten sensibilisieren den Hippocampus vermutlich zusätzlich für den Streßindikator Cortisol. In dem jetzt in "Science" vorgestellten Tierexperiment zeigte sich jedoch, daß nicht nur das "Handling" wichtig für die Entwicklung der Tiere war. Von großer Bedeutung war auch, daß die jungen Tiere bei der Rückkehr ins Nest von ihren Müttern besonders intensiv geleckt und geputzt wurden.Ratten, die Handling erfahren hatten, diejenigen, deren Mütter sie intuitiv viel leckten und auch die "unbeleckten" wurden bis zum Erreichen des Erwachsenenalters beobachtet und auf Herz und Nieren geprüft. Fazit: Diejenigen Nager, die viel gestreichelt oder geleckt worden waren, hatten noch als Erwachsene "Nerven wie Drahtseile". Ihr hormoneller Streßapparat arbeitete auf ganzer Linie gebremst. Der Hypothalamus produzierte in Belastungssituationen weniger CRF, die Nebennierenrinde schüttete nur halb so viele Glucocorticoide aus wie bei weniger umsorgten Artgenossen. Und sobald eine Belastungssituation vorbei war, sanken die Streßhormone der zärtlich gehegten Tierchen besonders rasch auf den Ausgangswert zurück.Im Strom der Hormone Der Schlüssel zu allen Veränderungen lag im Hippocampus: Entspannte Ratten wiesen dort eine erhöhte Zahl von Cortisolrezeptoren auf. Die Notbremse Hippocampus war also offenbar empfänglicher für das chemische Zeichen von Streß und konnte in Anwesenheit von Cortisol den Strom der Hormone efektiver drosseln. Es gibt Hinweise aus anderen Studien, daß zärtlicher Hautkontakt zusätzlich noch den Ausstoß von besänftigenden und schmerzlindernden Wirkstoffen anregt (siehe Kasten).Die Streßhärte spiegelte sich auch im Verhalten der Nager wider. Die als Babys zärtlich umsorgten Ratten zeigten unter Streß sehr viel weniger Unruhe und Angst. Als man sie in eine enge Schachtel sperrte, ließen sie sich wenig Erregung anmerken. Und als man sie mitten auf eine große, freie Fläche plazierte, begannen sie munter, das Territorium zu erkunden. Verängstigte Tiere verkrochen sich in eine Ecke.Der Leiter der Forschungsgruppe vermutet, daß die Ergebnisse dieser aufsehenerregenden Tierversuche auf den Menschen übertragbar sind: "Schließlich gleicht die Streß-Chemie des Menschen derjenigen von Ratten. Eine Überproduktion an Glucocorticoiden leistet vielen Krankheiten Vorschub, darunter der Arteriosklerose, dem Diabetes und der Alzheimer-Krankheit. Die Idee, diese Krankheiten durch "Berührungstherapie" in der Kindheit einzudämmen, erscheint also keineswegs als abwegig. Erst kürzlich zeigte der Kinderarzt Bernhard Roth von der Universitätsklinik Köln, daß Säuglinge eine ruhigere Atmung und einen langsameren Puls aufweisen, wenn sie intensiven Hautkontakt mit Vater oder Mutter haben. Die Menschen in vielen Naturvölkern beherzigen diese Regel instinktiv und tragen ihre Babys am Körper oder massieren sie. "Man braucht die richtigen Berührungen, um zu wachsen", sagt der amerikanische Biologe Saul Schanberg. "Sie sind wichtiger als Vitamine."