Jeder vierte Berliner lebt in einem Gebiet mit besonders großen sozialen Problemen. Das geht aus einer Untersuchung des Stadtsoziologen Hartmut Häußermann hervor, die gestern vorgestellt wurde.Bei der Studie mit dem Titel "Monitoring soziale Stadtentwicklung 2009" wurden mehr als 400 Planungsräume in Berlin nach Kriterien wie Arbeitslosigkeit und Kinderarmut untersucht. Eingeflossen in die Arbeit sind die Daten mit Stand vom 31. Dezember 2008. Sie zeigen, dass sich die Probleme in fünf großen Gebieten ballen: im Nordosten Kreuzbergs, im Norden Neuköllns, in Wedding/Moabit, in Nord-Marzahn/Nord-Hellersdorf und in der Mitte von Spandau. Wenn nichts gegen die Entwicklung in den Gebieten unternommen werde, würden dort die "Verlierer von morgen" produziert, warnte Häußermann. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) will dies verhindern, indem sie die fünf Gebiete finanziell besonders fördert.In Nord-Marzahn/Nord-Hellersdorf sind Arbeitslosigkeit, Jugendarbeitslosigkeit und Dauerarbeitslosigkeit unter allen fünf Problemgebieten am höchsten. Die Jugendarbeitslosigkeit ist dort im Gegensatz zur Gesamtstadt im Jahr 2008 weiter gestiegen, die Kinderarmut ist schwächer zurückgegangen als im städtischen Durchschnitt. Am Ende der Skala (Platz 434) des Monitorings soziale Stadtentwicklung 2009 liegt der Planungsraum Helle Mitte in Hellersdorf. Dort hat die Kinderarmut zugenommen, außerdem hat sich die Zahl derjenigen erhöht, die staatliche Unterstützung wie Hartz IV benötigen. Noch vor einem Jahr belegte das Gebiet Rang 404. Ein anderer Kiez hat sich indes in der Liste nach oben gearbeitet: Die Soldiner Straße belegte im Jahr 2007 noch den letzten Platz, jetzt hat sie acht weitere Gebiete hinter sich gelassen und rangiert auf Position 426. Seit dem Jahr 2008 ist laut der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eine Imageverbesserung des Gebiets zu beobachten. Dort gibt es unter anderem Initiativen für Sprachförderung und eine bessere Integration.Bei der Bewertung der einzelnen Planungsräume, in denen durchschnittlich rund 7 500 Einwohner leben, wurden sowohl der Status als auch die Entwicklung der Gebiete berücksichtigt. Dies führt dazu, dass Planungsräume mit einer dynamischen und positiven Entwicklung teilweise besser abschneiden als Gebiete, die einen guten Status haben, sich aber ansonsten kaum mehr verändern. So kommt es in der Untersuchung dazu, dass das Neubaugebiet Eldenaer Straße in Prenzlauer Berg an Platz eins steht, das noble Dahlem aber nur auf Platz sechs rangiert.Zu den Aufsteigern gehört nach Angaben der Senatsverwaltung der Wrangelkiez in Kreuzberg. Dort ist die Arbeitslosigkeit bei Erwachsenen und Jugendlichen sowie die Kinderarmut zurückgegangen. Der Wrangelkiez verbesserte sich von Platz 366 auf 334. Das Gebiet hat den Sprung nach vorne unter anderem dadurch geschafft, dass verstärkt Personen mit größerer Kaufkraft zugezogen sind. Nachteil dieser Entwicklung sind steigende Mieten. Zu den Aufsteigern gehört außerdem der Reuterkiez in Neukölln. Er verbesserte sich von Rang 383 auf 363. Arbeitslosigkeit und Kinderarmut haben sich dort verringert, das Projekt für einen Bildungscampus auf dem Areal der Rütli-Schule hat zudem das Image des Gebiets aufpoliert.Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer sagte gestern, die soziale Stabilisierung der Problemgebiete habe höchste Priorität. Die Summe der Fördermittel für die fünf großen Problemgebiete sei deswegen von 30 Millionen Euro im Jahr 2008 auf rund 50 Millionen Euro im Jahr 2009 erhöht worden. Auch in diesem und im nächsten Jahr stünden jeweils 50 Millionen Euro zur Verfügung. Mit dem Geld werden beispielsweise Programme gegen das Schuleschwänzen und Sprachkurse für Zuwanderer bezahlt. Die Zusammenarbeit zwischen den Behörden, der Polizei, Vereinen, Vermietern und Bewohnern soll noch verbessert werden. Dafür werden "Gebietsbeauftragte" eingestellt, sagte Junge-Reyer.Dem Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) reicht das alles nicht aus. Er forderte gestern ein Entwicklungsprogramm für die Großsiedlungen am Stadtrand. BBU-Chefin Maren Kern warnte: "Hier muss konsequent und weitsichtig gegengesteuert werden, wenn sich keine Gettos bilden sollen."------------------------------MONITORINGDas Monitoring soziale Stadtentwicklung ist eine Untersuchung des Stadtsoziologen Professor Hartmut Häußermann. Die Untersuchung gibt Auskunft über die sozialen Veränderungen in Berlin und dient der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als "Frühwarnsystem" vor Fehlentwicklungen. Das Monitoring für das Jahr 2009 umfasst den Beobachtungszeitraum vom 31. Dezember 2007 bis zum 31. Dezember 2008.Begonnen wurde mit der Beobachtung der sozialen Entwicklung im Jahr 1999. Bis 2006 wurde das Monitoring alle zwei Jahre erstellt. Seit dem Jahr 2007 erfolgt dies jährlich.Bewertet werden bei der Untersuchung unter anderem Kriterien wie die Arbeitslosigkeit, die Jugend-Arbeitslosigkeit, die Langzeitarbeitslosigkeit und die Kinderarmut.Die Daten von 447 Planungsräumen, die sich auf ganz Berlin verteilen, wurden für das Monitoring 2009 betrachtet. In jedem Planungsraum leben im Durchschnitt 7 500 Personen. Aus den Daten der Planungsräume wurde ermittelt, wie groß die sozialen Probleme in jedem Gebiet sind. In der Rangliste werden 434 Planungsräume aufgelistet.Die Ergebnisse des Monitorings fließen in die Politik ein. Auf der Basis der Untersuchung werden öffentliche Finanzmittel, zum Beispiel die des Bund-Länder-Programms Soziale Stadt, in Gebiete mit besonderem Handlungsbedarf gelenkt.Die Kurzfassung des Gutachtens Monitoring soziale Stadtentwicklung 2009 ist im Internet nachzulesen unterwww.stadtentwicklung.berlin.de------------------------------Karte: Berlin in Bezirken aufgeteilt. Index Soziale Stadtentwicklung Berlin. Wie ein bunter Flickenteppich sieht der Berliner Stadtplan aus, wenn man ihn nach der Schwere der sozialen Probleme einfärbt. Laut dem Monitoring soziale Stadtentwicklung sind die Probleme in den roten Planungsräumen am größten und in den orange gefärbten Feldern am zweitgrößten. Blau bedeutet, dass sich die Probleme auf mittlerem Niveau bewegen. Grün heißt, dass es nur wenig Probleme gibt. Die rot unterlegten Zahlen stellen die Gebiete mit den größten Problemen dar, etwa in Marzahn-Hellersdorf und Nord-Neukölln. Die grün unterlegten Zahlen bezeichnen die zehn Gebiete mit den geringsten Problemen.------------------------------"Wir arbeiten daran, die besten Schulen in den schwierigsten Gebieten zu bekommen." Ingeborg Junge-Reyer, SenatorinFoto: Das Neubaugebiet an der Eldenaer Straße in Prenzlauer Berg gehört laut der Studie zu den Quartieren mit den geringsten sozialen Problemen Berlins. Dies liegt allerdings daran, dass das Gebiet relativ wenige Einwohner hat und dort viele Familien mit höherem Einkommen neu zugezogen sind.