Es gibt viele Möglichkeiten, Nino Haratischwilis Roman „Das achte Leben (für Brilka)“ zu illustrieren. Eine kleine Auswahl sieht man auf dem Schutzumschlag und dem Vorsatzpapier auf den inneren Buchdeckeln: eine Tänzerin, Kinder, sowjetische Denkmäler, ein Auto. Schokolade gehörte unbedingt noch dazu, heiße Schokolade, deren Geschmack und Duft in diesem Roman wiederholt wie ein Katalysator wirkt – als ein magisches Werkzeug in den Händen der Erzählerin. Mit einem Schokoladenfabrikanten im alten Russland, der für die Revolutionäre als verdorbener Bourgeois galt, hat alles angefangen. Sein Geheimrezept wird über die Frauen der Familie vererbt.

Auch Motive aus den Handlungsorten in Georgien, in Tbilissi wie in kleineren Städten, in Moskau, Leningrad, London und Prag könnten gezeigt werden. Passen würden auch viele Zeitdokumente, Bilder vom Zweiten Weltkrieg, von der Trauer um Stalin, sogar vom Fall der Mauer in Berlin.

Knapp hundert Jahre georgisch-russisch-sowjetisch-europäischer Geschichte umfasst dieser Roman; es ist ein großer Wurf mit großem Anspruch. Wollte man ein Bild finden, das für den ganzen Roman stehen kann, müsste man eines der großen Farbfelder-Gemälde Gerhard Richters nehmen, die geometrische Anordnung Hunderter bunter Vierecke, von den sich viele ähnlich sehen, aber keines identisch mit einem anderen ist.

Das wäre ein zeitgemäßer Vergleich, denn auch wenn Nino Haratischwili weitgehend chronologisch vorgeht, ist sich diese Autorin moderner literarischer Mittel bewusst, springt über Landesgrenzen und erzählt parallel, spiegelt Lebensläufe gegeneinander, unterbricht den Erzählfluss durch Vorgriffe: „Spätestens da wusste Stasia, dass die Haut der Welt rissig werden würde. Sie wusste, dass die Erde sich übergeben und die Ruinen sichtbar werden würden, dass ein abgrundtiefer Spalt durch all die Jahrhunderte gehen, sich in der Erde öffnen und einen blutigen Abgrund freigeben würde.“

Man kann sich aber auch einen Teppich vorstellen, geknüpft als vielgliedriges Ornament. Jedes der Muster ist eigen, mit anderen direkt oder über Umwege verbunden. So ein Teppich-Bild entspräche dem großen Reichtum des Buchs, das auf mehr als 1 270 Seiten gefüllt ist mit Schicksalen, geschildert von einer weiblichen Stimme, Niza. Sie ist eine moderne Scheherezade, sie erzählt, als könne sie das Unglück bannen, das immer wieder über ihre Familie kommt. Diese Deutung bietet Nino Haratischwili im Prolog des Romans an. Nizas Urgroßmutter Stasia will einen uralten Wandteppich restaurieren lassen und erklärt warum: „Ein Teppich ist eine Geschichte. In ihr verbergen sich wiederum unzählige Geschichten.“

Verführt wie Schokolade

Der Prolog erklärt auch den Erzählanlass: Jene Brilka, deren Namen im Buchtitel auftaucht, zwölf Jahre jung, ist auf einer Reise ihrer Tanzgruppe von Tiflis nach Amsterdam abgehauen; sie will in Wien die Spuren einer weiteren Verwandten suchen. Niza, die in Berlin lebt, soll ihre Nichte Brilka finden und zur Vernunft bringen. Als Erziehungsmittel nutzt Niza die Vorfahren, die georgische Familie Jaschi. Sie erzählt deren Wege an einzelnen Protagonisten entlang in dialogreichen Szenen vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis hinein ins neue Jahrtausend. Sieben Hauptfiguren hat der Roman, jede Menge Nebenfiguren. Buch 1 ist Urgroßmutter Stasia gewidmet, Buch 2 deren jüngerer Schwester Christine; Buch 3 deren Sohn Kostja, es folgt dessen Schwester Kitty und so weiter bis zu Buch acht, was den Titel des Romans erklärt: „Das achte Leben (für Brilka)“.

Es sind schöne, exotische, anrührende Geschichten darunter. Es gibt einen schlimmen Verrat, dessen Folgen sich über Generationen ziehen, es gibt die ganz große Liebe, auch Abhängigkeiten, Lust und Liebelei. Die Personen sind miteinander verbunden, wie es nur Familienmitglieder sein können, mit Kränkungen, die fortwirken, mit ewig währender Sorge. Es gibt die reine Freundschaft und Freundschaft, die sich gegen äußere Feinde widersetzen muss. Nicht alle Linien in diesem Geschichtenmuster sind gleichermaßen stark gezogen, manchmal schreibt die Autorin geradlinig oder in ordentlichen Schleifen, manchmal franst der Erzählfaden aus. Doch immer wieder zieht sie den Leser soghaft in ihr Buch, verführt wie mit der Schokolade, verstört, berührt. Die legendäre Schönheit Christines etwa beschert ihr einen Liebhaber, der als „der kleine große Mann“ wie eine Mephisto-Figur auftritt, in dem man bald einen gefährlich einflussreichen Politiker erkennt: Lawrenti Berija. Er war von 1938 bis zu Stalins Tod Chef der sowjetischen Geheimdienste. Haratischwili verstrickt Christine immer enger in die Liaison, lässt die Gefahr der Entdeckung durch den Ehemann immer näher kommen. Die Auflösung hat brutale Folgen nicht nur für sie.

Auch das Schicksal von Stasias Nichte Kitty wird durch den Griff der Macht nach ihrer Liebe jäh geändert. Wie eine KGB-Beamtin die Schwangere foltert, gehört zu dem Grausamsten, was an stalinistischen Übergriffen in der Literatur bisher geschildert wurde, denn die Figur, die gequält wird, ist dem Leser vertraut über viele Seiten schon, sie ist ihm nah. Und die Autorin nutzt die alte Regel, man treffe sich immer zweimal im Leben, sie lässt die Beamtin und ihr Opfer noch einmal blutig aufeinanderstoßen.

Ein Gesellschaftspanorama der Sowjetzeit

Was dann passiert, lässt Kittys Leben neu beginnen. Ihr Bruder Kostja, vom tapferen Marinesoldaten im Großen Vaterländischen Krieg zum Moskau-hörigen Parteifunktionär gewandelt, hilft ihr – gegen seinen Willen, nur der Familie wegen. Sie muss ins Ausland gehen, wird dort als Sängerin anerkannt, als Dissidentin, als georgische Patti Smith. Kostjas Einfluss wird noch wiederholt gesucht, für andere.

„Das achte Leben (für Brilka)“ bietet ein Gesellschaftspanorama der Sowjetzeit, das erzählt, wie in einem kleinen, dem großen Reich einverleibten Land Eigenständigkeit und Abhängigkeit ringen. Nationale und politische Zwänge, Familiensinn und Systemtreue, Leidenschaft und Bildungshunger behindern sich gegenseitig, sodass die Entwicklung selten klar vorangehen kann. Zuweilen kommt man auf die Idee, dass hier eine speziell östliche Gemengelage vorliegt, dass diese Familiengeschichte, die mit einem Schokoladenfabrikanten beginnt, die osteuropäische Variante des Buddenbrook’schen Verfalls einer Familie sein soll.

Aber die Autorin schaut von heute aus, ihr Roman entstand mehr als hundert Jahre später, sie sieht nicht nur auf die kleine Stadt, „die das Nizza des Kaukasus hätte werden sollen“, nicht nur auf die Sowjetunion und was von ihr blieb, sie blickt auch auf Europa. Und so vermerkt sie in ihren kurzen ins Allgemeine rutschenden Ausführungen, dass die Menschen auf den Schrecken durch Wehrmacht durch „das sowjetische Grauen“ schon vorbereitet waren, und so gehören zum Ende des Krieges auch die Leichenberge von Auschwitz und die Bombardierung Dresdens. Kitty bindet sich in London an eine Frau, die als Jüdin im KZ Ravensbrück von SS-Leuten zur Prostitution gezwungen wurde.

Stammbaum oder Personenverzeichnis hätten nicht geschadet

Niza erwähnt in einer Erzählschleife, dass sie auch Vorläufer hat in dem Bestreben, die Familien- und Landesgeschichte zu entwirren: Junge Leute planten einen Film über die beste Freundin Stasias, die im Gulag endete. Doch in der Breschnew-Ära galt der Film als hochgefährlich. Es braucht schon so einen Wälzer, trotz Dünndruckpapier 1 120 Gramm schwer, um diese Geschichten schlüssig neben- und nacheinander auszubreiten. Wer nicht die Zeit hat, dem Buch konzentriert zu folgen, verliert zwischendurch die Übersicht. Ein Stammbaum oder ein Personenverzeichnis, etwa auf einem Lesezeichen, hätte der Verlag ruhig noch dem Buch spendieren können.

Nino Haratischwili, 1983 in Tbilissi geboren, war zwölf, so alt wie Brilka, als sie mit ihrer Mutter nach Deutschland kam. Später ging sie noch einmal zum Studium zurück nach Georgien, heute lebt sie in Hamburg. Sie ist eine erfolgreiche Theaterautorin, 18 Stücke sind bereits von ihr erschienen, mehrere hat sie in eigener Regie zur Uraufführung gebracht. Das Deutsche habe sie erst zum Schreiben ausprobiert, so wie man ein fremdes Kleid probiere, erzählte sie mal. Das Kleid passt ihr hervorragend: Bereits für ihre ersten beiden Romane „Juja“ (2010) und „Mein sanfter Zwilling“ (2011) erhielt sie Preise. „Das achte Leben (für Brilka)“ ist ein imposantes Werk, beeindruckend durch Fantasie und Wahrhaftigkeit und mit einer reichen Sprache, die mit derben Dialogen aufregt und mit nachdenklichen Bildern besänftigt.

Das Buch 8, Brilkas Buch, ist noch leer. Ihre Geschichte kann sie selbst noch schreiben. Gegenüber der magischen Schokolade, dem Fluch der Familie, ist sie immun: „Ich esse eh nicht, was braun ist.“

Nino Haratischwili: Das achte Leben (für Brilka). Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014. 1 280 S., 34 Euro.